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Beim Gang durch die Stadt kann Bob Treitel den Urgroßvater spüren

Urenkel des letzten Laupheimer Rabbiners und 19 Familienmitglieder besuchen zur Aufführung des Laemmle-Musicals die Heimat der Vorfahren
Auf den Spuren der Vorfahren in Laupheim unterwegs: Bob Treitel (rechts) mit seinem Sohn Dan und Schwester Nancy Moore.
Auf den Spuren der Vorfahren in Laupheim unterwegs: Bob Treitel (rechts) mit seinem Sohn Dan und Schwester Nancy Moore.
Franz Liesch

Laupheim sz Er verdanke Carl Laemmle sein Leben, sagt Bob Treitel. Jetzt ist er zur Uraufführung des Laemmle-Musicals „Makin’ Hollywood“ aus den USA nach Laupheim gekommen.

Laemmle machte es möglich, dass Bob Treitels Großvater, Dr. Emil Treitel (1889 - 1963), mit Ehefrau und drei Kindern 1939 in die USA einwandern konnte. Eines der Kinder war Hans (später: Henry), geboren 1924. Das ist der Vater von Bob Treitel, Jahrgang 1955. Voraussetzung für eine Ausreise aus dem nationalsozialistischen Deutschland und die Einreise in die Vereinigten Staaten war, dass sich jemand verpflichtete, für den Unterhalt des Einwanderers aufzukommen, falls dieser dazu nicht in der Lage sein sollte. Carl Laemmle, Gründer der Universal Studios, unterschrieb eine Vielzahl solcher Bürgschaftserklärungen. Mit einem solchen Papier in der Hand war das Leben vor den Nazischergen gesichert. So auch das von Bob Treitels Eltern und Großeltern. Das Dokument ist noch vorhanden und eine echte Rarität.

Entdeckt wurde das von Laemmle unterschriebene „Affidavit“ der Treitelfamilie vor zwölf Jahren in einem Koffer, nach dem Tod des Vaters. Das weckte in Bob Treitel den Forscherdrang. Er wollte jetzt mehr über seine Familie erfahren. „Seither habe ich ein großes Interesse an Carl Laemmle“, sagt er. Schon im Vorjahr ist er zur Laemmle-Ausstellung im Haus der Geschichte nach Stuttgart gereist.

Deutsch wurde nicht mehr gesprochen

In der Familie von Bob Treitel hat man die schlimmen Erfahrungen der NS-Zeit bewältigt, indem man nicht darüber sprach. Seine Mutter hat auf wundersame Weise das Lager Theresienstadt überlebt, ihre Eltern und Geschwister wurden in Auschwitz ermordet. „Meine Eltern wollten keine Erinnerungen an Deutschland bewahren“, erklärt Bob Treitel das Schweigen. Auch Deutsch wurde nicht mehr gesprochen.

Treitel lernte Deutsch an der Universität Salzburg, wo er Ökonomie studierte. Heute beherrscht er als Einziger seiner Familie die Sprache der Vorfahren. Das Interesse an ihnen steigt. Zu seiner großen Freude konnte Bob die Neugierde bei anderen Treitels wecken. Eigentlich war geplant, zu Viert das vergangene Wochenende in Laupheim zu verbringen und das Musical zu sehen. Doch mit 20 Verwandten wurde es ein richtiges Treitel-Treffen. Familienmitglieder reisten nicht nur aus Amerika an, sondern auch aus der Schweiz, Italien, Berlin und Bonn. Das schönste Kompliment bekam Bob Treitel von dem 13-jährigen Phillip zu hören: „Ich bin stolz, ein Treitel zu sein“.

Dazu hat sicher beigetragen, dass der Familien-Clan am Samstag ab-tauchen konnte in die Geschichte der Vorfahren. Zu ihnen zählt Dr. Leopold Treitel (1845 - 1931), der letzte Rabbiner in Laupheim und Philosoph. Von ihm stammen zahlreiche Veröffentlichungen. Auch seine Frau Rebecca war publizistisch tätig. Außerdem betätigte sie sich in Laup-heim auf vielfache Weise caritativ. Der Sohn Emil Treitel erwarb sich im Ersten Weltkrieg als Feldarzt Verdienste und bekam drei Tapferkeitsorden. Doch das Vaterland dankte es ihm nicht und er musste in die USA fliehen, um zu überleben.

All dies belastet Bob Treitel nicht. „Deutschland ist für mich ein normales Land“, sagt er. Man müsse aus der Vergangenheit seine Lehren ziehen. „Hoffentlich passiert so etwas nicht wieder.“ Wenn er nach Laupheim kommt, hegt er heimatliche Gefühle. Beim Gang durch die Straßen und über den jüdischen Friedhof „kann ich den Urgroßvater Leopold spüren“. Treitel fühlt sich wohl in der Stadt seiner Ahnen: „Mir ist es sehr angenehm hier.“ Dies ist nicht zuletzt der Betreuung durch Rolf Emmerich zu danken, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbindet. Emmerich hat die Gäste zu den Erinnerungsorten einstigen jüdischen Lebens geführt. Bob Treitel ist nicht mit leeren Händen gekommen. Aus der Bibliothek des Urgroßvaters brachte er eine Originalausgabe von Kants „Kritik der practischen Vernunft“ für das Laupheimer Museum mit.

Laemmle-Musical: „Das war großartig“

Der Treitel-Clan ist begeistert von der Aufführung von „Makin’ Hollywood“. Alle reden in Superlativen: „Das war unglaublich, großartig“, schwärmt Bob. „Wir hoffen, dass es noch weitere Aufführungen gibt.“ Jochen Treitel aus Berlin gibt die Note „ Eins plus“. Sehr zufrieden ist Bob Treitel mit der Figur von Carl Laemmle. Am meisten angetan war er von der Szene mit den Horror-Stars wie „Der Glöckner von Notre Dame“ und „Frankenstein“.

„Ich komme wieder“, weiß Bob Treitel heute schon. Von den Verwandten hat er sich herzlich verabschiedet und inzwischen die Rückreise über den großen Teich angetreten.

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