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Außergewöhnliches Wohnprojekt für Obdachlose

Tuttlingen sz Mit einem Zelt und einer Plane hat es vor über einem Jahr begonnen, mittlerweile ist es fast schon zu einer kleinen Siedlung geworden: Auf einer Wiese zwischen Bahnhof und Koppenland haben Obdachlose ein neues Zuhause gefunden. Zwar ist vieles improvisiert, doch die Bewohner sind glücklich. Sie haben einen Platz gefunden, der ihnen neben Schutz und Komfort auch Aufgaben und ein selbstbestimmtes Leben bietet.

Günther ist stolz: Seit einigen Monaten besitzt er seine eigenen vier Wände. Streng genommen sind es nur zwei Wände – eine als Dreieck zusammengezimmerte kleine Holzbude, die eine Tür hat und sogar von innen isoliert ist. Den ganzen Sommer über hat er daran gebaut. „Alles ist selbstgemacht“, sagt der 55-Jährige, der in seinem früheren Leben einmal Maurer war. Auf Paletten hat er sein Bett errichtet, es gibt einen Nachttisch und Sitzmöbel. Eine Gasheizung sorgt dafür, dass er es auch in kalten Nächten gemütlich hat.

Verlernt, drinnen zu schlafen

Ein paar Meter weiter steht das große Schlafzelt mit drei Betten. Hier nächtigen Indi und der derzeitige Überwinterungs-Gast Markus. Nur Bewohner Alfred zieht es weiter vor, im Freien unter einer Plane zu schlafen. Seit über 30 Jahren lebt er „auf Wanderschaft“, wie er es nennt. Drinnen zu schlafen ist etwas, das der hagere Mann mit dem langen weißen Bart längst verlernt hat.

Es ist die wohl außergewöhnlichste Wohngemeinschaft Tuttlingens: Ein Zusammenschluss mehrerer Obdachloser, die nach vielen Jahren des Umherziehens wieder ein halbwegs sesshaftes Leben führen. „Ich war in ganz Deutschland und auch im Ausland unterwegs“, erzählt Alfred, „doch wenn man einmal 60 geworden ist, ist es auch schön, sich irgendwo niederzulassen“.

Kirche erlaubt die Niederlassung

Das Gelände, auf dem Alfred und seine Mitstreiter wohnen, gehört der evangelischen Kirche. Zustande kam das Wohn-Arrangement durch die Vermittlung des Tuttlingers Tom Grimm, der sich seit mehreren Jahren um Obdachlose kümmert. Die Kirche erlaubte den Wohnungslosen, sich auf dem Gelände niederzulassen – ihr Übriges taten die vielen Materialspenden, unter anderem von mehreren Tuttlinger Firmen, sowie das handwerkliche Geschick der Wiesen-Bewohner.

Herzstück der Siedlung ist die Aufenthalts-Hütte – eine etwa acht Quadratmeter kleine Bretterbude mit Holzofen, Tisch, Regalen und einem Zweiflammen-Camping-Kocher. Vor der Hütte haben Günther und Indi sogar einen kleinen Gemüsegarten angelegt. Über Wochen ernteten sie Salat, Mangold, Kartoffeln und Kräuter.

Jeden Tag Wasser schleppen

Für das Wasserholen ist Alfred zuständig. Jeden Tag holt er in großen Kanistern Leitungswasser bei der Awo-Wohnungslosenhilfe in der Karlstraße, die er in seinem Rucksack zum Gelände transportiert. Nur eine Toilette gibt es nicht. Fürs Geschäft geht es zur Kundentoilette im E-Center oder hinüber zum Bahnhof. „Ein Dixie-Klo oder sogar ein Sanitärcontainer, das wäre was“, ist Günthers großer Traum.

Beim Wohnprojekt mitmachen darf jedoch nicht jeder: Tabu sind Drogen und Hochprozentiges. „Ich schaue mir die Kandidaten genau an“, erklärt Günther, der so etwas wie der heimliche Chef der Anlage ist. „Gegen ein Bierchen am Abend hat niemand etwas, aber Besäufnisse und Drogen gehen nicht“, sagt er. Ihre kleine Siedlung kann nur funktionieren, wenn jeder mithilft und man sich vertrauen kann.

Genau aus diesem Grund kommt für die derzeit vier Bewohner auch eine städtische Notunterkunft für Wohnungslose nicht in Frage. Zum einen seien sie allesamt freiheitsliebend, wie Günther betont. Zum anderen wolle man nichts mit denjenigen zu tun haben, die saufen und auf Drogen sind. Die Awo ist dennoch ihre Anlaufstelle: Dort gibt es den Tagessatz von rund 13 Euro, Duschen, Wasser und bei Bedarf ein Essen.

Ungewissheit über die Zukunft

Unsicherheit herrscht bei den Wiesen-Bewohnern nur, wie es weitergehen und wie lange die Kirche die kleine Siedlung erlauben wird. „Momentan haben wir mit dieser Wiese nichts vor“, beruhigt Dekan Stefan Berghaus. „Die Menschen, die dort leben, sind von uns geduldet und wir haben keine Intention, sie wieder wegzuschicken.“

Wegziehen würden Günther, Indi und Alfred jedenfalls nur ungern. „Mein Herz hängt sehr daran“, blickt Günther auf all das, was entstanden ist. Er weiß: „Wir sehen uns weniger als Obdachlose, sondern mehr als Aussteiger.“

Auch in diesem Jahr wird Tom Grimm einen Weihnachtswunschbaum für Obdachlose organisieren, der im vergangenen Jahr auf große Resonanz bei den Tuttlingern stieß. Etwa zwei bis drei Wochen vor Weihnachten wird dieser im Bahnhof stehen und mit Zetteln versehen sein, was sich die Obdachlosen konkret wünschen.

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