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Außenminister in Aalen zu Gast

Aalen sz Er ist in echt kleiner, als er auf einem 50-Zoll-Bildschirm wirkt, aber – das muss man ihm lassen – auch schlanker und irgendwie braun gebrannter als man es bei einem hochrangigen Politiker vermuten würde. Als Vizekanzler und Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) aus der Stadelgasse auf den Spritzenhausplatz kommt, geht er fast schon ein bisschen unter in dem Tross der Sicherheitskräfte, Polizisten und Fotografen, die ihn begleiten.

Einer, der ihn gleich erkennt ist Malte. Der 12-jährige Junge geht mit seiner Mutter schnurstracks auf den Außenminister zu und bittet um ein Foto mit ihm. Für Gabriel offensichtlich eine Ehrensache – unterschreitet Malte doch das Durchschnittsalter auf dem Platz um ein Vielfaches. Ganz umsonst bekommt Malte das Foto allerdings nicht, als Gabriel an das Rednerpult tritt, sieht er sich suchend um und bittet Malte auf die Bühne. Er muss jetzt herhalten als die Verbildlichung der heranwachsenden Generation. „In Wahrheit reden wir über Malte und seine Generation“, sagt Gabriel, der übrigens versichert, Malte nicht zu kennen. Maltes Mutter könne das bezeugen – eine Aussage, auf die Lachen aus den Zuschauerreihen laut wird. Was der Vizekanzler quittiert mit: „Ihr habt ´ne komische Form von Humor hier.“

Was gute Schulklos mit Politik zu tun haben

Die Frage sei, wie die Voraussetzungen für die Zukunft der genannten 12-jährigen Generation geschaffen werden könnten. „Ich gehöre mit zu der ersten Generation, die im Frieden geboren ist und wie´s aussieht, schaff ich es auch, im Frieden zu sterben“, sagt Gabriel. Ihm habe die Meldung zu denken gegeben, die an diesem Tag die erste auf Spiegel-Online gewesen sei und die Gabriel frei wiedergibt: „Von der Leyen will den Rüstungsetat verdoppeln“. Er spricht sich für Deutschland als Friedensmacht aus. „Ich muss sagen, mir fallen ein paar Dinge in Deutschland ein, die wir dringender brauchen, als einen doppelten Rüstungsetat.“ Frieden könne es nur geben, wenn in junge Menschen investiert werde, auch in Krisengebieten, damit sie dort Hoffnung schöpfen und in ihrem Land bleiben können. Wer Frieden sichern wolle, müsse in Entwicklung, Bildung, Zukunft investieren – nicht in Rüstung.

Vizekanzler Sigmar Gabriel zu Besuch in Aalen

Als er Schüler war, seien die Schulen sehr gut gewesen. „Die Klos in den Schulen waren besser, als bei uns zu Hause – das ist Gott sei Dank anders jetzt.“ Allerdings habe das dem jungen Sigmar vor Augen geführt, dass Bildung wertvoll sei. Er halte es für Wahnsinn, dass in Deutschland nur 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung investiert werde. Stattdessen würde er gern die 2 Prozent der Rüstungskosten oben drauf packen – „6 Prozent für Bildung, das wär´ doch mal ein Ziel.“ Ebenso wie die gleiche medizinische Versorgung für Privat- und Kassenpatienten oder eine gerechte Flüchtlingspolitik, nach der Kommunen nicht nur den Unterhalt für die Flüchtlinge bezahlt bekommen, sondern dieselbe Summe noch einmal oben drauf, um diese Städte auch für die Einwohner attraktiver zu machen. Und dieser Betrag solle von denjenigen bezahlt werden, die keine Flüchtlinge aufnähmen. Diese Gerechtigkeit gelte es auch staatenübergreifend einzufordern.

„Malte, glaub mir, der ganze Platz ist neidisch auf dich“, übernimmt SPD-Bundestagskandidatin Leni Breymaier anschließend überschwänglich das Mikrofon. Worauf im Publikum doch ein paar beklommene Gesichtsausdrücke zu sehen sind. Sie sprach von einer Grundmelodie in der Bevölkerung, dass der Standard derzeit relativ gut sei. Allerdings dürfe man auch solche nicht vergessen, die am 20. des Monats nicht mehr weiter wüssten. Die SPD stehe für die Stärkung der Aufsichtsräte. Immerhin seien in Aalen aktuell 290 Frauen davon betroffen, dass ein Triumph-Logistikzentrum zum Teil geschlossen werde. Und der Arbeitsmarkt warte nicht auf 290 an- oder ungelernte Arbeiterinnen. Doch sie sei zuversichtlich, dass Martin Schulz bei den Wahlen im September eine realistische Chance habe, weswegen ihre Laune an diesem Tag dem sonnigen Wetter entspräche.

Polizei in Bereitschaft bis Gabriel Aalen verlässt

Tatsächlich herrschen sonnige 24 Grad auf dem Spritzhausplatz, die auf dem nur teilweise beschirmten Platz doch recht stechen können. Die drei Rettungskräfte an der Seite der Bühne betrachten das Geschehen allerdings entspannt: „Bei so einer kurzen Veranstaltung macht die Wärme eigentlich nichts aus“, sagt der Malteser-Rettungsarzt Peter Schmidt. Doch bei einer solchen Politprominenz müsse immer ein Notarzt vor Ort sein, weswegen er und seine beiden Kollegen den Politiker und seine Entourage noch weiter nach Schwäbisch Gmünd begleiten, wo Gabriels nächster Auftritt ansteht. Auch der Polizist Guido Greiner überschaut die Veranstaltung gelassen: Man habe ein übliches Sicherheitskonzept für solche Veranstaltungen, das er übrigens nicht genauer beschreiben und auch die Anzahl der eingesetzten Polizisten nicht nennen darf. „Wir sind froh, wenn es ruhig bleibt.“ Die Beamten seien in Bereitschaft, bis Gabriel aus Aalen draußen sei, dann übernähmen die Kollegen aus Schwäbisch Gmünd.

Nachdem Gabriel die bis 17 Uhr angesetzte Veranstaltung schon etwa um 16 Uhr verlässt, verlaufen sich auch bald die Zuschauer. Der 70-jährige Frank Nietzold schüttelt dem Promi-Politiker noch schnell die Hand, so eilig dürfte es Gabriel jetzt ja auch nicht mehr zu seinem 17.30-Termin in Gmünd haben. „Ich hab ihm gesagt, dass es schlimm ist, dass die Leute derart politisch desinteressiert sind – vor allem hier im Ländle“, erzählt der aus Norddeutschland stammende Aalener. Sehr interessiert hat dagegen die 62-jährige Annemarie Ritz die Rede verfolgt. „Er hat keine klaren Aussagen gemacht und keine Details genannt“, sagt die Essingerin, der bei der SPD manchmal das Konzept fehlt. Der Auftritt des Vizekanzlers sei gut gewesen – wenn auch ein bisschen kurz.

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