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Ellwangen (Jagst)
Lokales

Auflagen machen den Bauern das Leben schwer

Bauernkundgebung zum Kalten Markt – Verband fordert Entschädigung für Biberschäden

Die Bauernkundgebung zum Kalten Markt in der Stadthalle ist ein Treffpunkt für die ganze Region.
Die Bauernkundgebung zum Kalten Markt in der Stadthalle ist ein Treffpunkt für die ganze Region.
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Ellwangen sz Preisverfall bei Milch und Schweinen, dazu immer neue Auflagen und Verordnungen: Das vergangene Jahr hat die Bauern gebeutelt, auch wenn es zum Ende zumindest bei den Preisen wieder bergauf gegangen ist. Bei der Bauernkundgebung zum Kalten Markt gab sich Herbert Kucher, Vorsitzender des Bauernverbands Ostalb, kämpferisch, aber auch zuversichtlich: Eine gemeinsame Kampagne mit dem Landratsamt soll das Image der Bauern aufmöbeln.

Die Hälfte der Schweinebauern im Ostalbkreis hat in den vergangenen Jahren das Handtuch geworfen. Das lag aber nicht nur an den Preisen, sondern an den Auflagen einer neuen Haltungsverordnung, sagte Kucher. Es ist nicht die einzige Regelung, die den Bauern das Leben schwer macht: Kucher ärgerte sich, dass bundesweit eine neue Düngeverordnung eingeführt wird. Sie soll verhindern, dass das Grundwasser mit Nitrat belastet wird. Diese Gefahr gebe es in Baden-Württemberg gar nicht, kritisierte er und forderte, unbelastete Regionen auszunehmen.

Nächster Kritikpunkt: die Luftreinhaltung. Die Bauern hätten die Ställe aufgemacht, damit die Tiere Licht und Luft bekommen. Jetzt sollten sie sie zumauern und Lüftungen einbauen, nur damit eine Ministerin ihre Daseinsberechtigung habe.

Entschädigungfür Biberschäden

Veränderungen müssten vernünftig sein, mahnte Kucher. Teure und fragwürdige Auflagen beschleunigten das Höfesterben. Die Landwirte seien bereit, für ihr Eigentum Leistung zu bringen, aber die Politik müsse einen Rahmen schaffen, in dem sie sich weiterentwickeln könnten. Dazu gehören für Kucher unter anderem Entschädigungen für Biberschäden, wofür der Bauernverband bei der Kundgebung Unterschriften sammelte.

Für Landrat Klaus Pavel ist es ein großer Pluspunkt, dass Landwirte gesunde Lebensmittel vor der Haustür produzieren. Der Tierschutz sei exzellent, sie arbeiteten ökologisch, aber dafür brauchten sie faire Preise. Darauf soll die gemeinsame Imagekampagne hinweisen. Einig war er sich mit Kucher, dass die Hürden nicht immer höher werden dürften. Den Landwirten im Saal versprach er, dass der Landkreis ihnen ein verlässlicher Dienstleister sein wolle. Das Landwirtschaftsamt bearbeitet die Anträge für die Ausgleichszahlungen und die belaufen sich laut Pavel allein im Ostalbkreis auf 23 Millionen Euro. Sie sollen dazu beitragen, landwirtschaftliche Flächen in den benachteiligten Gebieten dauerhaft zu erhalten.

Zuvor hatte der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter die Unterstützung der Politik zugesagt. Die Länder sollten bei der Düngeverordnung ihre Ermessensspielräume ausnutzen. Und bei den Ausgleichszahlungen sei es inzwischen so, dass nicht jeder bestraft werde, wenn er beim Antrag Fehler mache. Oberbürgermeister Karl Hilsenbek hatte in seinem Grußwort die Bedeutung der regionalen Versorgung betont. Der Kalte Markt sei Kontaktpflege und Begegnung. Und das war auch die Bauernkundgebung in der Stadthalle, bei der Landwirte, Behörden- und Firmenvertreter, Banker und Bürgermeister aus der Region in der Stadthalle zusammenkamen. Eingestimmt hatte sie der Landfrauenchor mit seiner Dirigentin Ingrid Philipp. Schon das 20. Mal, wofür es von Kucher als Dank eine große Packung Schokolade und eine Flasche Wein gab.

Landwirtschaft erfordert kluge Köpfe

Keine Bauernkundgebung ohne Redner. Dieses Mal beschäftigte sich Klaus Hollenberg mit der modernen Landwirtschaft zwischen Ökonomie und Gesellschaft. Er ist Direktor der Landwirtschaftlichen Rentenbank. Sie gehört dem Bund und fördert über die Hausbanken der Landwirte agrarbezogene Investitionen, wie neue Ställe oder Maschinen.

Hollenberg wäre selbst gern Landwirt geworden, erzählte er, und hätte den Hof seines Opas übernommen, wenn der nicht so eigen gewesen wäre. Als sein Vater eines Tages eine gebrauchte Melkmaschine mitbrachte, hätte ihn der Opa fast vom Hof geworfen: „Wir haben doch Oma.“ Also hat er Agrarwirtschaft studiert, promoviert und arbeitet nun bei der Bank.

Hollenbergs Rede war dann fast ein kleines Seminar zu den Grundlagen der Hofführung. Er machte den Landwirten Mut: Sie seien sehr gut aufgestellt und hätten Standortvorteile gegenüber anderen Betrieben in der Welt. Sie seien nah an einem Markt mit 80 Millionen Verbrauchern, Baden-Württemberg sei eine starke Marke, es gebe eine zahlungskräftige Kundschaft, die andere Regionen nicht hätten. Aber nach der Krise sei vor der Krise. Daran sollten die Bauern bei Investitionen denken.

Immer wichtiger werde das Risikomanamgement, sagte Hollenberg. Auf Terminmärkten könnten sich die Landwirte gegen stark schwankende Preise absichern. Es gehe aber auch darum, Versicherungen auf Stand zu halten und zu klären, wer eine Vollmacht hat und die Computer-Passwörter kennt, wenn der Betriebsleiter ausfällt. „Landwirt sein, erfordert besonders kluge Köpfe. Eine gute Ausbildung ist ein Wettbewerbsvorteil.“

Wachstum ist für Hollenberg nicht das Allheilmittel. Wichtiger seien schlüssige Konzepte. Betriebsleiter müssten weiter denken als bis zur nächsten Ernte. Es müsse nicht immer der Betrieb mit 500 Kühen sein, manchmal mache Diversifizierung mehr Sinn. So würden 15 Prozent der erneuerbaren Energien von der Landwirtschaft erzeugt.

Keine Landwirtschaft ohne Ackerflächen. Hier müssten sich die Landwirte auf mehr Konkurrenz und steigende Preise einstellen, warnte Hollenberg. Auch die Öffentlichkeit werde kritischer. Mit der Entfremdung von der Landwirtschaft sinke die Toleranz. Hollenberg nannte als Beispiel eine Bäuerin in der Eifel, deren Hof nah an einem Wanderweg liegt. Das beschert ihr viele Besucher, aber auch eine Anzeige, „weil die Kühe so frieren.“

Hollenberg setzt auf Aufklärung. Vorreiter gibt es schon: Eine Tierärztin und Bäuerin informiert auf ihrer Facebookseite über die Arbeit im Stall und beantwortet im Bauern-Wiki Fragen der Verbraucher. Ein anderer Bauer hat auf Youtube seinen eigenen Kanal Agrikultur. „Sie geben der Landwirtschaft Gesicht und Stimme. Sie müssen ihr Image selbst gestalten.“

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