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Auch im Schussental wird über die Beschneidung diskutiert

Krankenhäuser und Ärzte tun sich mit dem Thema schwer – Jüdische Gemeinde ist gelassen – Muslime beharren auf Tradition
Bei den Muslimen werden die Buben im vorpubertären Alter beschnitten. Das entstand bei einer Beschneidungszeremonie in der Türkei.
dpa

Ravensburg/Weingarten sz Vyacheslav Voyron ist Jude und lebt in Weingarten. Doch eine Sache trennt ihn von fast allen anderen männlichen Juden: Er ist nicht beschnitten. „Es macht mir nichts aus. Heute würde ich mich auch nicht mehr beschneiden lassen“, sagt der Mittvierziger ganz nüchtern und dann mit Nachdruck: „Trotzdem bin ich Jude.“ Die Debatte um die Vorhautbeschneidung, die seit Ende Juni in Deutschland entbrannt ist, ist auch bei der jüdischen Gemeinde in Weingarten angekommen. Voyron räumt der Beschneidung bei Männern jedoch keinen großen Raum ein. Und dann berichtet er von der Ukraine, woher auch seine anderen Familienmitglieder stammen. Religion sei in der damaligen Sowjetunion nicht so sehr gelebt worden. Den Älteren dieser Generation war und sei die Beschneidung auch heutzutage nicht so wichtig. „Bei den Jüngeren ist das wieder anders. Alles, was zählt, ist doch, dass die Mutter Jüdin ist.“

„Dass du im Herzen Jude bist“

Seine Tante Evgenia Skralivetska bestätigt das. Sie zählt wie ihr Neffe zu den vielen liberalen Juden in Weingarten und ist mit der offiziellen Linie, die auch Baden-Württembergs Landesrabbiner Netanel Wurmser (er sieht das Kölner Urteil als Angriff auf jüdisches Leben in Deutschland) vertritt, nicht einverstanden. Sie selbst hat zwei nicht beschnittene Söhne. „Ich wollte das nicht, weil ich die Beschneidung bei Jungen nicht für eine gute Tradition halte. Die Kinder können sich später dann immer noch dazu entscheiden. Viel wichtiger als die Beschneidung ist doch der Glaube und dass du im Herzen Jude bist“, sagt sie. Ihr jüngster Sohn habe sich auch erst im Alter von 40 Jahren beschneiden lassen.

Bei der türkisch-islamischen Gemeinde in Ravensburg gibt man der Beschneidung mehr Bedeutung, obwohl sie nicht im Koran aufgeführt ist. In der Tora (Altes Testament), die Heilige Schrift der Juden, heißt es in Genesis 15,10: „Das ist mein Bund zwischen mir und euch samt deinen Nachkommen, den ihr halten sollt: Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden.“ Die Beschneidung bei Muslimen sei ein Gebot Mohammeds, wie Ali Esref Cimen, Vorsitzender der türkisch-islamischen Gemeinde, erklärt. „Das ist Tradition bei uns. Wir machen das aus hygienischen Gründen, weil Mohammed sagte, dass man rein leben soll.“

„Ärzte sagen wir nicht“

Doch wo in Oberschwaben lassen Muslime und Juden ihre Kinder beschneiden? Das verrät Ali Esref Cimen nicht. „Ärzte sagen wir nicht.“ Auch bei Dr. Michael Häussler von der Kreisärzteschaft Ravensburg ist nicht zu erfahren, welcher Arzt aus religiösen Gründen die Vorhaut des Penis entfernt. Nicht einmal, ob es überhaupt Anfragen dazu gibt. „Sie werden keinen Arzt finden, der Ihnen das sagt, weil es ein irreversibler Eingriff ohne medizinische Indikation ist.“ Grundsätzlich dürfen Chirurgen und Urologen Beschneidungen vornehmen. „Ich halte das Urteil von Köln für richtig. Jedes ärztliche Berufsgericht hätte so geurteilt. Ich selber war lange Mitglied in einem solchen Gericht“, sagt Häussler. Vor 2000 Jahren sei die Beschneidung tatsächlich eine „sinnvolle Maßnahme“ gewesen, heute sei sie allerdings – wenn nicht medizinisch indiziert – nicht mehr zu rechtfertigen.

Fragt man beim Krankenhaus 14 Nothelfer in Weingarten und beim Elisabethen-Krankenhaus (EK) in Ravensburg nach, heißt es da von beiden Seiten: „Eine Beschneidung gibt es bei uns nur nach medizinischer Indikation.“ Während es laut 14-Nothelfer-Sprecherin Sarah Betschinger in Weingarten bisher auch keinerlei Anfragen nach religiösen Beschneidungen gab, heißt es vom EK: „Ein Thema ist es auch für uns.“ Lediglich in der Dreiländerklinik in Ravensburg wird auch aus religiösen Gründen die Vorhaut, ein Stückchen Haut mit 73 Meter Nervenfasern und 20 000 Nervenendungen, entfernt. Der Kinderchirurg Dr. Edo Awani führt im Jahr etwa 200 Beschneidungen durch. Rund fünf Prozent davon sind religiöser Natur.

Beschneidungen im Ausland

Doch was macht er nach dem Landgerichtsurteil in Köln? „Das Urteil ist eine Einzelfallentscheidung gewesen und hat keine bundesweit verbindliche Gültigkeit, also beschneide ich die wenigen Fälle weiter“, sagt er im Interview mit der Schwäbischen Zeitung. Die meisten Beschneidungen in der Dreiländerklinik sind allerdings medizinischer Natur, wie etwa Vorhautverengungen und Vorhauterkrankungen. Der Mediziner erläutert auch, warum er eine Beschneidung durchaus für sinnvoll hält: So hätte das hygienische Vorteile und auch das Auftreten von Gebärmutterhalskrebs bei Frauen beschnittener Männer würde sinken. Deswegen empfehle die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch diesen Eingriff. Außerdem gäbe es durch den Eingriff keinen körperlichen Nachteil für den Mann.

Die etwa 50 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde in Weingarten besteht vor allem aus älteren Menschen aus dem Gebiet der Ex-Sowjetunion. Neugeborene gibt es hier nicht, die beschnitten werden könnten. Auch in letzter Zeit gab es keine. Sollte jedoch ein jüdischer Junge geboren werden, würde ihn der Rabbi in Stuttgart beschneiden. Bei der türkisch-islamischen Gemeinde ist zu erfahren, dass etwa 70 bis 80 Prozent der Jungen in der muslimischen Heimat bei einem Arzt beschnitten werden. Sollte die Beschneidung in Deutschland verboten werden, würde das an der Tradition nichts ändern, sagt Ali Esref Cimen, die Buben würden dann im Ausland beschnitten.

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