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Weingarten (Württemberg)
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Auch Heilig-Blut-Fahnen machen Winterschlaf

Warum die Heilig-Blut-Fahnen nur im Sommerhalbjahr präsentiert werden
Seit 1844 in Gebrauch ist die historische rote Heiligblutfahne mit ihren filigranen Metallteilen.
Seit 1844 in Gebrauch ist die historische rote Heiligblutfahne mit ihren filigranen Metallteilen.
Fotos: Julia Marre

Weingarten sz Während im Jahr 1844 Heinrich Heine erstmals sein „Wintermärchen“ veröffentlicht und der englische Maler William Turner gerade an seinem Spätwerk malt, wird in Weingarten – das zu dieser Zeit noch Altdorf heißt – eine kostbare Heiligblutfahne gestiftet. Sie ist 2,30 mal 1,45 Meter groß, aus rotem Samt und mit vergoldeten Metallteilen bestickt. „Die Fahne war damals so teuer wie ein Einfamilienhaus“, sagt Christoph Sprißler, Vorsitzender der Blutfreitagsgemeinschaft.

Immerhin: Die großformatige Samtfahne ist kunstvoll in aufwendiger Handarbeit bestickt mit allerlei floralen Ornamenten, Weinranken, Trauben und einer Abbildung der umstrahlten Heiligblut-Reliquie. Und: „Für die Fahne wurden Teile aus Gussmetall verwendet, die sehr brüchig sind und dadurch auch leicht das Fahnentuch beschädigen können“, so Sprißler. Zwar ist die Heiligblutfahne, die während der Sommermonate oberhalb der Welfengruft in der Basilika präsentiert wird, vor 25 Jahren renoviert worden. Doch der Blutfreitagsgemeinschaft war seit einiger Zeit bewusst: Sie brauchte unbedingt einen Ersatz für die kostbare Fahne. Denn die historische Samtflagge könne nur noch bei bestem Wetter genutzt werden, sagt Sprißler.

Von drei Männern getragen

Während des Blutritts spielt die Heiligblutfahne seit jeher eine zentrale Rolle: Während der Reiterprozession am Blutfreitag wird die zentnerschwere Fahne von drei Männern vor dem Heiligen Blut hergetragen. Der erste Blutritt nach der Säkularisierung fand in Weingarten 1849 wieder statt – mit der damals neuwertigen, weinroten Fahne. Auch am Heiligblutfest am ersten Sonntag im Juli und zur Fronleichnamsprozession kommt die Heiligblutfahne zum Einsatz. „Diese alte Fahne ist nicht nur von großem materiellem Wert, sondern darüber hinaus auch ein besonderes Identifikationssymbol“, erklärt Sprißler. „Wir lieben die Fahne und halten sie in Ehren.“ Sie sei Ausdruck der Überzeugung, dass Gläubige an die Erlösung der Menschheit durch das Blut Christi glauben.

Um die Heiligblutfahne zu erhalten, sei es unerlässlich gewesen, eine neue Fahne anzuschaffen – die seit Ostern 2016 in Gebrauch ist. Die Entscheidung fiel auf die Neugestaltung einer Fahne – „weil eine Kopie der alten Blutfreitagsfahne ebenso viel gekostet hätte und wir uns eine moderne Fahne gewünscht haben“, sagt Christoph Sprißler. Gestaltet hat diese zeitgemäße Heiligblutfahne der Grafikdesigner Wolfgang Philipp Seiter. In einer Biberacher Fahnenstickerei ist die bordeauxfarbene Fahne entstanden. Sie zeigt ein mit Glasedelsteinen besetztes Reliquiar, das von einem rot-gelben Strahlenkranz umgeben ist, und bildet auch die Basilika und die Welfenlöwen als Stickerei ab.

Seltene Übergröße

Die Fahnenstange mit ihrer seltenen Übergröße hat eine dem Blutfreitag wohlgesonnene Drechslerei gefertigt. Auch eine Regenhülle aus Folie wurde eigens für die neue Fahne angefertigt. Gekostet hat die Heiligblutfahne diesmal eine fünfstellige Summe; sie ist eine Spende der Blutfreitagsgemeinschaft an die Pfarrei. Doch sind beim Blutritt noch immer beide großformatigen Heiligblutfahnen einsatzfähig, wie Sprißler betont.

Neben dem Heiligblutaltar in der Basilika ist die neu gestaltete Heiligblutfahne zu sehen – zumindest im Sommerhalbjahr. Denn die kostbaren Heiligblutfahnen machen Winterschlaf: Weil die Basilika über keinerlei Heizung verfügt und das Klima in der Kirche daher im Winterhalbjahr zu feucht für die Stoffe ist, werden die Heiligblutfahnen abgenommen und zusammengelegt in den ehemaligen Klosterräumen aufbewahrt.

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