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Alfons Kubieschek ist der neue Altschützenkönig

RAVENSBURG sz „Willkommen uns, du Tag der Freude”: Das Ravensburger Rutenfestlied aus dem Jahr 1826 beschreibt treffend das Lebensgefühl einer Stadt und ihrer Menschen, die sich fünf Tage lang in einen kollektiven Freudentaumel stürzen. Das Ravensburger Rutenfest, das Heimatfest schlechthin, steht in diesem Jahr unter einem besonderen Stern. Es ist Altschützenjahr, und das findet nur alle fünf Jahre statt.

Von unserer Mitarbeiterin  Gabriele Hoffmann

Nach dem nassen Auftakt am Freitag und Samstag zeigte sich der Sonntag von seiner besten Seite. So konnte auch der ökumenische Gottesdienst im Freien auf dem Marienplatz stattfinden. Blasmusik und Dudelsackpfeifen sowie niedliche Rutenkinder trugen zum festlichen Gelingen bei, und das besondere Rutenfest-Wir-Gefühl stellte sich von ganz alleine ein. Nach dem Gottessdienst verteilten sich die Besucher entlang des Weges des Altschützenzuges. Ganz Schlaue hatten sich schon vorher in den Kaffees am Straßenrand niedergelassen und konnten so dem Defilee aus nächster Nähe folgen.

Auffallend viele Frauen und Mädchen trugen Blumen in der Hand, von einer dunkelroten Rose bis zu wahren Prachtgebinden, dann aber meist Rosen in Rosé. Worum frau Blumen zum Umzug mitnimmt, beantwortet eine Ravensburgerin mit strahlendem Lächeln. Die werden am Umzugsweg an Freunde, Bekannte, Verwandte verschenkt, oder an jemanden, den man einmal sehr verehrt hat. Statt Rutenkuss eine Rose, das hat doch auch was. Am Ende waren die meisten Blumen verteilt, und die Zuschauer konnten an den rosigen Aussichten feststellen, wer bei den Damen besonders beliebt ist.

Mehr als 2000 Teilnehmer

Punkt 10.15 Uhr verkündeten fünf Böllerschüsse vom Mehlsack herunter den Start des Altschützenzuges. Die Herolde zu Pferde voran, machten sich die weit mehr als 2000 Teilnehmer am Altenschießen auf den Weg, von der Marktstraße über die Kirchstraße und den Marienplatz zur Kuppelnau. Die Jüngsten, Jahrgang 1990, voran an der Spitze, die Ältesten in schön geschmückten Kutschen am Schluss. Beim Schießen wird es nachher genau umgekehrt sein, da haben die Senioren ab Jahrgang 1919 den Vortritt. Doch nicht jeder, der Anrecht auf einen Kutschenplatz hatte, bevorzugt das bequeme Fahren. Aus dem Jahrgang 1920 marschiert nur noch ein Altschütze hinter der Fahre her, beim Jahrgang1925 sind es noch drei.

Auf der Kuppelnau angekommen, postieren sich Altentrommler, Musikanten, Trokos und Landsknechte auf dem blauen Platz vor der Tribüne, alle anderen im Karree drumherum. Dieter Graf, der Vorsitzende der Rutenfestkommission, heißt alle herzlich willkommen, besonders den ältesten Schützen, Hans Mezler, ein Rutenfesturgestein, der im September 91 Jahre alt wird. Genau 2269 Teilnehmer haben sich zum Altschützenjahr aus aller Herrenländer angemeldet, zu Begegnungen, Gesprächen, Erinnerungen. sagt Graf“. Das Rutenfest ist ein Fest der Freude, des Frohsinns und der herzlichen Begegnungen”, bekräftigt Graf noch einmal. Das Stadtorchester spielt das Ravensburger Heimatlied, später die Nationalhymne und ließ im etwas martialischen Schützenlied den Held Armin hochleben. Aufrecht stehend singt das Publikum mit.

„Das Rutenfest ist das Fest der Bürger, ich bin froh hier, zu sein”, erklärt kurz und knapp der Schirmherr, OB Dr.Daniel Rapp, dankt der Rutenfestkommission und wünscht „guten Schuss”. Klaus Thommel, Tambourmajor der Altentrommler, findet erheblich mehr Worte, für den „spannendenden denkwürdigen Wettlauf“ der Altenschützen. „Das Rutenfest ist das größte Fest der Feste”, bekräftigt Thommel. „Ein Fest für Alt und Jung, für Alt- und Neubürger. Insbesondere, betont er, auch für die ausländischen Mitbürger, die hier mitarbeiten.” Die Altentrommler stehen als Mittler zwischen den Generationen, erklärt Thommel und wünscht den Schützen beim ehrenhaften Schuss auf den Adler“ eine ruhige Hand, gut Schuss und viel Spaß.”

Zur Ehre das Tages spielten die Altentrommler den Zapfenstreich. Für den verstorbenen letzten Schützenkönig übergab dessen Sohn Philipp Weber die Schützenfahne an Thommel, der sie später an den neuen Schützenkönig weitergab. Traditionell spendet die Schützengilde Ravensburg, die bis 1877 auf der Kuppelnau ihren Schießplatz hatte, die Fahne für die Schützenkönige, die normalerweise bereits am Freitag übergeben werden. Allerdings fiel das in diesem Jahr in des Wortes echter Bedeutung ins Wasser, weshalb Schützenobermeister Michael Maurer die beiden Fahnen nun auf der Kuppelnau an Schützenvater Teufel übergab.

Nachdem der Blaue Platz leergeräumt war, konnte das Adlerschießen beginnen. Teilnehmen können alle männlichen, ehemaligen Schüler der Oberrealschule, der Gymnasien und die Mitglieder der Rutenfestkommission, wenn sie eine Ravensburger Schule besucht haben. Geschossen wird auf zwei Adler. Altschützen über 45 Jahre nehmen den Insignienadler ins Ziel, der mit Reichsapfel, Zepter und Herz ausgestattet ist. Wer den Reichsapfel trifft, wird Altschützenkönig. Jüngere Schützen bis 45 Jahre müssen sich mit dem Wappenadler begnügen, der statt der Insignien Wappentafeln hat.

„Ich hatte Bammel“

Der treffsicherste Schütze wird zum Wappenschützenkönig. Als ältestem Teilnehmer gebührte Hans Mezler der erste Schuss. Etwas wacklig stand der alte Herr auf dem Schießstand, zielte, schoss, und ein Aufschrei ging durch die Menge. Mit dem ersten Schuss hat er gleich dem Adler das Zepter geraubt. „Ich hatte ganz schönen Bammel”, sagt er freudestrahlend und hält sein Zepter fest in der Hand. Sohn Hermann, der ihn begleitet, war selber 1974 beim Troko Schützenkönig. „Ich habe zu meinem Vater gesagt, ziel einfach auf den Baum.“ Wie sich zeigte, ein guter Rat.

Albrecht Kraus, langjähriger Vorsitzender der Rutenfestkommission, kündigt, wie schon seit 30 Jahren, die einzelnen Schützen an. Wusste zu jedem Schule und Beruf und brachte oft auch ganz persönliche Eindrücke mit herein.

Da spulten sich in kurzen Sätzen erfolgreiche Lebensläufe ab, traten viele Bekannte des öffentlichen Lebens, aus Wirtschaft und Wissenschaft, auf den Schießstand. Es gab viel zu erfahren. Auch wer wann Schützenkönig war, Tambourmajor oder Fahnenschwinger der Landsknechte, oder dass der Urravensburger Hans Miller 1936 Schützenkönig war und sein Vater 1902.

Ekkehard Assfalg, ehemaliger Rektor an der Realschule, hatte das Bogenschießen eingeführt. Viel Applaus bekam Alt-OB Karl Wäschle. Aus den USA, aus Miami und Florida, waren Altschützen angereist. Ein „echter“ Schweizer, der in Ravensburg die Schule besucht hatte, kam natürlich aus der Schweiz. Die weiteste Anreise hatte ein Schütze aus Shanghai. Die längste Zeit, nämlich zweieinhalb Tage, brauchte einer, der in Ulan Bator in der Mongolei lebt. .

Klein ist Wappenschützenkönig

Ganz im Hier und Heute, im Schussental, lebt Malermeister Willi Müller, Jahrgang1934. Die eigene Armbrust benutzt er gemeinsam mit den drei Söhnen. Einmal den Reichsapfel zu schießen, das ist sein Traum. „Meine Hochzeit und drei Söhne, das sind die Höhepunkte in meinem Leben”, sagte er, „jetzt noch den Reichsapfel, das wäre das Optimum, was zu erreichen ist.” Leider wurde es heuer wieder nichts. Eine schmale Handbreit ging der Bolzen vorbei. „Macht nichts“, meint Müller, „ich probiere es halt in fünf Jahren wieder.”

Nachdem der Jahrgang 1930 am Insignienadler vorbei war, wurde gleichzeitig auf den Wappenadler geschossen. Altschützenkönig wurde Alfons Kubieschek, zum Wappenschützenkönig schaffte es Christoph Klein.

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