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Abschied in Reim und Liedern

Stammgäste bedanken sich rührend bei den scheidenden Wirtsleuten des Grünen Baum in Mietingen

Am Fasnetsdienstag war der Grüne Baum in Mietingen zum letzten Mal geöffnet. Von links: Arthur Berg, Ruth Kobsch und Herbert Denzel.
Am Fasnetsdienstag war der Grüne Baum in Mietingen zum letzten Mal geöffnet. Von links: Arthur Berg, Ruth Kobsch und Herbert Denzel.
Franz Liesch

Mietingen sz Trauer um die verflossene Fasnet hat sich am Dienstag in Mietingen vermischt mit der Trauer über das Ende des Gasthauses Grüner Baum mit den Wirtsleuten Ruth Kobsch und Hermann Grimm.

Am letzten Öffnungstag sind Gasthaus und Nebenzimmer proppenvoll. Peter Rodi hat einen Sattelzug neben das Gebäude gestellt und darin eine Bar eröffnet. Die Wirtsleute schaffen es nicht mehr alleine, mehrere Kellnerinnen gehen ihnen zur Hand. Die Gasträume sind geschmückt mit Fasnetsdekoration, und auch einige Besucher tragen Fasnetskostüm. Viele hatten ihren Stammtisch im Wirtshaus an der Hauptstraße, viele sind an diesem Abend nochmals vorbeigekommen.

Unter ihnen die Mietinger Originale Arthur Berg und Herbert Denzel. In Reim und Liedern wird Abschied genommen. „Es ist ein schwieriger Tag“, hebt Arthur Berg hervor, da es gelte, sich von der langjährigen Wirtin zu verabschieden. 24 Jahre lang hat sie Bier ausgeschenkt und die Gäste mit Speisen verwöhnt. Berg erinnert an die gemeinsamen Unternehmungen von Stammgästen und Wirtsleuten. Das Bedauern über das Ende von deren Arbeitsleben mischt sich bei den Gästen mit dem Dank für den langjährigen Service. „Schade, dass du schon gehen musst“, so Arthur Berg. „Solche Gäste findet man in der ganzen Welt nicht mehr“, gibt Ruth Kobsch gerührt zurück. Es folgt musikalisch ein Blumenstrauß: „Sag dankeschön mit roten Rosen.“

Für musikalische Begleitung durch den Abend sorgt Herbert Denzel. So manches Lied wird umgedichtet. Etwa das Rennsteiglied aus der Heimat der Wirtin. „Wir kehren ja so gerne ein im Grünen Baum“, heißt es da. Es ist die Rede von den Hähnchen, „ dem reinsten Traum“, vom „strammen Max, eine Wucht“, vom „schönen Biergarten“ und von „viel Heiterkeit.“ Luise Danner hat sich den Liedtext einfallen lassen für jenes Haus, in dem sich einst der Schillerverein Mietingen regelmäßig traf und der dann den Dichterfürsten mit einer Schillerbüste im Garten ehrte. Arthur Berg hat das Lied von der Vogelhochzeit umgedichtet und findet: „An vieles muss man sich mit einer Träne im Auge erinnern.“

Pendelnder Musikant

Immer wieder werden spontan Lieder angestimmt. Ja, in diesem Haus ist die Tradition des Singens über all die Jahre gepflegt worden. Es gab ein Adventssingen und Singen in den Mai. Und auch die Ehemaligen des Musikvereins haben gerne Lieder angestimmt. Herbert Denzel mit seinem Akkordeon hätte sich an diesem Abend teilen müssen. So ist er vom Gastraum zum Nebenzimmer hin und her gependelt. Um 21.15 Uhr geht die letzte Sulz über den Tresen, die ersten Gäste verabschieden sich, andere stoßen jetzt erst dazu.

„Ich empfinde großes Bedauern, dass diese Ära heute endet“, sagt Herbert Denzel, „dies ist aber verbunden mit großer Dankbarkeit, dass wir die Wirtin so lange hatten. Sie hat den Ruhestand jetzt verdient.“ Für Paul Birk „geht ein Stück Kultur verloren.“ Er gönnt den Wirtsleuten „von Herzen den Ruhestand, aber es hätte auch noch fünf Jahre so weitergehen können.“ Altbürgermeister Reiner Buck bedauert, dass die Stammtischkultur schwindet. Es gehe mit dem Wirtshaussterben ein Stück Lebens- und Wohnqualität verloren. Die menschliche Kommunikation habe sich verlagert auf Facebook und Co. „Der Grüne Baum, das war eine Institution“, hat Buck bemerkt. Das ist auch an diesem Abend spürbar: Wirtshausatmosphäre, gepaart mit Wehmut und Fasnetsfröhlichkeit. Und zum Abschied herzliche Umarmungen.

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