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„Wir haben in Deutschland familienpolitische Anarchie“

Der Ertinger Bürgermeister Alexander Leitz setzt sich für eine Stärkung der Familien und der Kindererziehung in Familien ein
Ertingens Bürgermeister Alexander Leitz.
privat

Ertingen uno Um die Kindererziehung ist in Deutschland ein heftiger Streit entbrannt. Krippe oder Eltern – so der ideologische Graben. Wir haben mit Ertingens Bürgermeister Alexander Leitz gesprochen, der sich vehement für Familien und die Kinderziehung in Familien einsetzt.

SZ: Sie bauen in Ertingen eine Kinderkrippe und setzen sich doch für eine Erziehung der Kinder in den Familien ein. Wie passt das zusammen?

Zum einen gibt es vermehrt Fälle, bei denen die Familien durch die Krippe erzieherische Hilfestellung erfahren. Zum allergrößten Teil aber werden die Mütter durch gesellschaftliche und finanzielle Rahmenbedingungen gezwungen, möglichst schnell nach der Geburt wieder einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen. 70 Prozent der Mütter würden nach der IPSOS-Studie 2007 aber lieber in den ersten drei Jahren ihre Kinder selbst erziehen. Diese Mütter werden über den Geldbeutel gezwungen ihre kleinen Kinder beim Staat abzugeben.

SZ: Können Sie kurz erklären, warum Sie es für besser halten, wenn Kinder bis zum 3. Lebensjahr zuhause erzogen werden?

Erstens: Es ist nicht nur seit jeher naturgegeben, sondern wird von der Hirnforschung mehrfach bewiesen, dass die Säuglinge und Kleinkinder als Grundnahrung den Mutterkontakt und die Mutterliebe zur Ausbildung des Gehirns und zur Bildung von Urvertrauen brauchen. Zweitens: Mehrfach wurde nachgewiesen, dass bei Krippenkindern durch Ausschüttung von Stresshormonen der Cortisolspiegel deutlich erhöht ist, was Depressionen und Ängste zur Folge hat. Drittens: Diese Kinder reagieren im Unterbewusstsein mit teilweise dramatischen Spätfolgen.

SZ: Wie erklären Sie sich diese emotionale Debatte um das Betreuungsgeld, das als „Herdprämie“ verunglimpft wird?

Hingabe, Opferbereitschaft und Verpflichtung zum Gemeinwohl wurde in den letzten Jahrzehnten durch Konsum, Individualismus und Egoismus ersetzt. Kinder wurden mehr und mehr als Last empfunden, die die eigene Selbstverwirklichung einschränkt. Anstatt diesen fatalen Irrtum einzusehen, zuzugeben und gegenzusteuern, fungiert die staatliche Lufthoheit über die Kinderbetten als Brandbeschleuniger: Mit dieser Politik kommen jährlich immer weniger Kinder zur Welt. Um den aktuellen Wohlstand zu erhalten braucht die Industrie somit die Frauen „an den Maschinen“. Dieses Wirtschaftssystem funktioniert noch einige Zeit perfekt. Das Erbe der Egoisten wird aber sein, dass in zehn bis 20 Jahren der Facharbeitermangel, der Pflegenotstand und der Mangel an Akademikern und auch an Erzieherinnen explodiert bei gleichzeitiger völliger Überalterung der Gesellschaft.

SZ: Wo zeigt sich, dass Familien schwächer werden?

Wir spüren das in vielen Bereichen und alle Bereiche kosten den Staat und die Gemeinden Geld: Sprachförderung, Schulsozialarbeit, Berufseinstiegsbegleitung, Ganztagesbetreuung, fast 50 Prozent Steigerungsrate bei psychisch kranken Kindern in NRW 2010, steigende Suizidrate, steigender Alkoholkonsum, Frühsexualisierung der Kinder, und , und, und ... Der Staat hat nach dem Grundgesetz nur die Wächterfunktion, nicht mehr: Das ist genau die Frage, wo ist die Grenze zwischen Unterstützung und Aufbürdung?

SZ:. Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, dass Familien wieder besser aufgestellt werden?

Zunächst muss man erkennen, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Elternteile keine Errungenschaft, sondern die Quadratur des Kreises ist. Die Rolle der Mutter muss aufgewertet werden und Müttern dürfen – wie zum Beispiel bei der Gemeinde Ertingen – während der Kinderphase nicht aufs Abstellgleis gestellt werden, sondern an den Betrieb gebunden und weitergebildet bleiben. Zudem: Da das Bundesverfassungsgericht kein Vollzugsorgan hat, müssen die Medien kontrollieren, ob Urteile umgesetzt werden. Aber da 70 Prozent der Medienvertreter kinderlos sind, werden seit über 20 Jahren zahlreiche Urteile des Bundesverfassungsgerichts nicht oder unzureichend umgesetzt. Es geht um die bessere Finanzausstattung und Versorgung der Mutter und der Familien. Wir haben es hier in Deutschland mit familienpolitischer Anarchie zu tun und keinen stört es. Wir brauchen einen familienpolitischen Paradigmenwechsel, einen Rettungsschirm für Familien.

SZ: Sind wir eine familienfreundliche Gesellschaft?

Natürlich nicht, – im Gegenteil!

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