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„Sie hat einfach meine Tochter umgebracht“

Beim dritten Prozesstag wird deutlich, dass die Angeklagte die Schwangerschaft nicht verheimlichen konnte

Der Staatsanwaltschaft wirft der jungen Frau Mord am Neugeborenen vor aus niederen Beweggründen.
Der Staatsanwaltschaft wirft der jungen Frau Mord am Neugeborenen vor aus niederen Beweggründen.
dpa

Ravensburg/Mengen sz Beim dritten Prozesstag um die Tötung eines Neugeborenen wird deutlich, dass die Angeklagte die Schwangerschaft nicht verheimlichen konnte.

Ihr Freund, der gemeinsame Hund Jacky und Autos – Mehr Interessen scheint die 23-jährige Frau aus dem Kreis Konstanz in den vergangenen knapp zwei Jahren nicht gehabt zu haben, die sich vor dem Landgericht Ravensburg wegen Mordes verantworten muss. Sie hat Ende Mai auf dem Rückweg aus dem Urlaub bei einem Hof bei Rulfingen ein Mädchen zur Welt gebracht und soll es anschließend getötet haben. Die Zeugen, die am dritten Verhandlungstag vernommen werden, beschreiben die Angeklagte durchweg als freundliche und offene Person. Ihre Einstellungen, ihren Charakter und ihre Interessen näher zu beschreiben, fällt aber allen irgendwie schwer.

Details der Beziehung

Das mag damit zusammenhängen, dass alle die 23-Jährige erst durch ihren Freund kennengelernt haben, mit dem sie im Februar 2016 zusammengekommen ist. Er hat sie mit zu seiner Arbeitskollegin gebracht, mit der er sich auch privat gut versteht. Gemeinsam haben sie vor einem Jahr das Pärchen neu kennen gelernt, mit dem sie schließlich im Mai zum GTI-Treffen für Sportwagenfans an den Wörthersee gefahren sind. Die Angeklagte und ihr heutiger Verlobter gehörten wie dieses Pärchen zu einer Clique, die sich oft an einer Tankstelle in Singen getroffen hat. Dort drehte sich meist alles um Autos. Persönliche Vieraugen-Gespräche gab es keine.

Als der Bauch der 23-Jährigen immer dicker wird, ist die Schwangerschaft bald so etwas wie ein offenes Geheimnis. „Wir haben da viel drüber geredet, alle haben es gesehen und vermutet, auch wenn sie selbst eine Schwangerschaft immer abgestritten hat“, sagt die befreundete Arbeitskollegin. Sie erzählt davon, dass die Angeklagte ihr einmal auf einer Fahrt zu einer Diskothek davon erzählte, durch den Tritt ihres Freundes in den Bauch ein Kind verloren zu haben. „Da bin ich ziemlich deutlich geworden, dass ich soetwas nicht gut finde“, sagt sie.

Gefühl der Machtlosigkeit

Andererseits habe sie die beiden auch immer wieder auf eine Schwangerschaft angesprochen und Unterstützung signalisiert. „Ich habe ganz offen gefragt, wann ich denn Patentante werde.“ Sie erzählt außerdem von Gesprächen mit dem heutigen Verlobten, in denen er von seiner Machtlosigkeit gegenüber der Angeklagten berichtet, die Schwangerschaft einzugestehen. „Sie hat ihm von einer Zyste erzählt, die ihren Bauch anschwellen ließe.“

Auch der Vater des Verlobten und seine Lebensgefährtin vermuten zunächst eine Schwangerschaft. Der Sohn habe mit der Zeit immer genervter auf die Fragen reagiert und schließlich habe die Erklärung mit der Zyste glaubwürdig geklungen. „Heute machen wir uns natürlich die größten Vorwürfe, warum wir ihr nicht mehr ins Gewissen geredet, deutlicher unsere Hilfe angeboten oder sie zu einem Schwangerschaftstest gezwungen haben“, sagt die Lebensgefährtin unter Tränen.

„Mein Sohn wusste, dass ich gerne Opa geworden wäre“, sagt der Vater mit belegter Stimme. Von der Verlobung seines Sohnes hat er erst am Tag vor der Verhandlung erfahren. Aus dem Internet. Dabei beschreibt er das Verhältnis zu seinem Sohn als sehr eng. „Er ist immer mit allem zuerst zu mir gekommen.“ Dass es diesmal nicht so war, versucht die verteidigende Anwältin damit zu erklären, dass der Vater seine Enttäuschung und seine „Stinkwut“ über die Angeklagte deutlich gemacht habe.

Ängste, sie könne ihren Job verlieren, seien von Anfang an unbegründet gewesen, sagt der Arbeitgeber der Angeklagten. Im Büro hätten alle von der Schwangerschaft gewusst, obwohl die Angeklagte sie immer abgestritten habe. „Ich habe ihr erklärt, dass sie als Schwangere besonderen Kündigungsschutz genießt“, sagt er. „Ich würde bei einem so schönen Ereignis, das ein Kind erwartet wird, nie einen Mitarbeiter kündigen.“ Die 23-Jährige hätte aber weiter dementiert. „Als der Urlaubsantrag kam, haben alle gewitzelt, dass sie den Urlaub für die Geburt nimmt“, sagt der Chef. „Aber was sollten wir tun?“

Begleiter schicken Freund vor

Die beiden 29-Jährigen, mit denen die Angeklagte und ihr Verlobter am Wörthersee waren, beschreiben den Aufenthalt als ganz normal. Die Angeklagte habe das ganze Programm komplett mitgemacht. Erst auf der Rückfahrt sei es ihr immer schlechter gegangen.

Gegen die beiden läuft ein separates Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung. Sie müssen sich also nicht selbst belasten. Wie sie erzählen, hätten sie sich schon Sorgen gemacht, aber es dem Freund überlassen, sich um die 23-Jährige zu kümmern. Die Frau schreibt in der Tatnacht noch über den Nachrichtendienst mit einem weiteren Freund. Darin geht es auch darum, dass die Angeklagte schwanger ist. „Hoffentlich macht sie keinen Scheiß“, heißt es dort. Erst mit der Radiomeldung über den gefundenen Säugling scheint den beiden die Tat ganz bewusst geworden zu sein.

„Sie hat einfach meine Tochter umgebracht.“ Das war laut seiner befreundeten Arbeitskollegin der erste Satz, den der Verlobte der Angeklagten zu ihr sagte, nachdem sie sich nach seinem Urlaub am Wörthersee wiedersahen.

Da trug der 22-Jährige eine Sonnenbrille und hatte seine Baseball-Cap tief ins Gesicht gezogen. „Er hat geweint und war vollkommen fertig“, sagt die Kollegin. Das hätte sie der Angeklagten nicht zugetraut. Sie rät ihrem Arbeitskollegen auch davon ab, die Wahrheit in der Clique zu erzählen. Er tut es trotzdem. Geredet wurde danach viel. Ein Gerücht, dass seine Arbeitskollegin bei der Polizei zu Protokoll gibt, ist, dass die Angeklagte schon einmal ein Kind im Geheimen ausgetragen und an der tschechischen Grenze begraben haben soll.

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 21. Dezember, um 9 Uhr fortgesetzt.

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