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Weingarten (Württemberg)
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„Mimikama“-Experte klärt auf: Fake News unter der Lupe

Beim Fachtag an der PH Weingarten beschäftigt sich mit Fake News und Hate Speech

Weingarten sz In Zeiten von Facebook und anderen sozialen Netzwerken wird die Kommunikation über das Internet für die Menschen durch die weltweite Vernetzung immer einfacher. Gleichzeitig wird es aber auch immer leichter, über sogenannte „Fake News“ gezielt Verwirrung im Netz zu stiften.

Auch die Hemmschwelle im Umgang mit Minderheiten und politisch Andersdenkenden scheint immer weiter zu sinken. Wie eng die Verbindungen zwischen den beiden Aspekten ist, versuchte der Fachtag „Fake News! Im Netz der Lügen – Alternative Fakten und Hate Speech in den sozialen Netzwerken“ in der Pädagogischen Hochschule Weingarten zu zeigen.

„In meiner Generation war klar: Um 20 Uhr läuft die Wahrheit in der Tagesschau“, bringt der Vorstandsvorsitzende der Jugendstiftung Baden-Württemberg die Problematik in seinem Grußwort auf den Punkt. Dies sei heute durch das Internet nicht mehr so einfach, das Problem ginge von der Politik bis ins Klassenzimmer. Daran schließen sich drei Vorträge von Gastrednern, die verschiedene Aspekte von Fake News und Hate Speech unter die Lupe nehmen. Den Anfang macht der IT-Anwalt Chan-Jo Jun, der durch seine Ermittlungsverfahren und Gerichtsverfahren gegen Facebook bekannt wurde.

„Mit Facebook kann man sich nur an den Runden Tisch setzen. Die bleiben Lobbyisten und machen dir keine Zugeständnisse“, sagt er. Hintergrund der Aussage sind Hasskommentare im sozialen Netzwerk, die oftmals rassistisch und diskriminierend sind. Sie werden von Facebook aber nicht gelöscht, sondern fallen in den Community-Richtlinien des Netzwerks unter die Meinungsfreiheit. „Hass und Verleumdungen sind keine Meinung“, meint Jun. „Die Kommentare werden nicht gelöscht, weil Facebook damit Profit macht.“

Fake News schüren Angst und wecken Emotionen

Einer ganz ähnlichen Meinung ist Andre Wolf. Er ist Mitarbeiter bei Mimikama, einem Verein, der sich gegen Internetmissbrauch einsetzt. Nach seiner Analyse funktionieren Fake News über mehrere Aspekte: „Sie schüren Angst, sie wecken Emotionen und sie müssen eine gewisse Authentizität suggerieren“, erklärt Wolf. Als klassisches Beispiel führt er etwa die Verbreitung von Krankheiten durch Flüchtlinge auf. Eine haltlose Behauptung, die sich aber rasend schnell im Internet verbreitete. „Das Problem ist natürlich auch, dass man solche Nachrichten nur ganz schwer wieder aus der Welt bekommt.“ Auch sogenannte „Hybrid-Fakes“ seien ein großes Problem, dort werden zwei verschiedene Aspekte zusammengeführt, die nicht zusammengehören, in ihrer Verbindung aber einen neuen, unwahren Inhalt bekommen. „Unsere Arbeit ist schwierig, weil Facebook auch von den Interaktionen in den Kommentarspalten lebt.“

Hannes Ley, der dritte Redner des Tages, stimmt dem zu, ergänzt aber noch einen entscheidenden Punkt: „Viele Verlagshäuser und Medien verstecken sich hinter Facebook, lassen Hasskommentare unter ihren Beiträgen oft einfach zu.“ Ley gründete im Dezember 2016 „#ichbinhier“, eine Facebook-Aktionsgruppe für eine bessere Diskussionskultur in den sozialen Medien. Die Gruppe hat mittlerweile über 38 000 Mitglieder und hat es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinsam auf Hasskommentare in den Netzwerken zu antworten. Er seziert „Hate Speech“ in ihre verschiedenen Themenfelder, also etwa Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie, aber auch Sexismus und Staatsfeindlichkeit.

Außerdem erklärt Ley das „Framing“, die systematisch pauschalisierende und diffamierende Sprache, durch die Ausdrücke wie „Lügenpresse“ oder „Rapefugees“ erst entstanden sind. Andererseits betont er, dass es noch keine klare Definition von „Hate Speech“ gebe. Deshalb sei wichtig: „Nicht alles, was nicht unserer Meinung entspricht, ist Hate Speech. Das gilt für Kritik an der Flüchtlingspolitik wie auch für manche Aussagen der AfD.“ Es gehe auch nicht darum, die Leute zu überzeugen, die Hasskommentare posten, sondern diejenigen, die sie lesen.

In der abschließenden Diskussionsrunde mit dem Publikum können die drei Redner ihre Aussagen präzisieren. So stellt Wolf klar: „Wir wollen auf jeden Fall überparteilich bleiben. Deshalb gehen wir natürlich auch gegen Falschmeldungen über die AfD vor.“

Am Nachmittag finden noch verschiedene Workshops zu den Themen statt, die in den Vorträgen umrissen wurden. „Dort soll das theoretische Wissen aus den Vorträgen in praktische Übungen umgesetzt werden“, erklärt Stephan Ruhmannseder vom Demokratiezentrum Baden-Württemberg. „Die Leute sollen aus dem Tag nicht nur Wissen mitnehmen, sondern auch realitätsnahe Tipps mitbekommen, wie sie in ihrem Alltag mit dem Thema umgehen können.“

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