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„Gläubige Christen sind die Minderheit in unserer Gesellschaft“

Der Theologe Yasin Adigüzel sprach in Feldstetten über das „Christ-Sein“ in einer multireligiösen Welt

Benjamin Bäuerle (li.) im Gespräch mit Yasin Adigüzel.
Benjamin Bäuerle (li.) im Gespräch mit Yasin Adigüzel.
Scharbert

Feldstetten chs Was bedeutet es eigentlich, Christ zu sein? Oder anders gefragt: Was sollte es bedeuten? Dieser Frage sind Besucher des Feldstetter Familiengottesdienst vor Kurzem in der Galluskirche nachgegangen. Den Sonntag im Advent nahm die Kirchengemeinde zum Anlass, ihre Veranstaltungsreihe „Treff unterm Turm“ mit einem besonderen Gottesdienst fortzusetzen. Gastreferent war Yasin Adigüzel, der für das Württembergische evangelische Jugendwerk arbeitet. Besondere Rolle spielte die Multireligiöse Gesellschaft und wie man dieser als Christ begegnen kann.

Die Weihnachtszeit. Die Zeit, um sich als Christ auf die Geburt Jesu vorzubereiten? Eigentlich schon. Dennoch spielt Christi Geburt in der Weihnachtstradition eine untergeordnete bis fast verschwundene Rolle. Weihnachten als Fest feiern aber trotzdem viele und dieses ist fester Bestandteil alljährlicher Bräuche und Rituale. Mit diesen Ausführungen leitete Georg Straub von der Feldstetter Kirchengemeinde den Gottesdienst ein – und führte zum Thema hin: „Gläubige Christen sind inzwischen die Minderheit in unserer Gesellschaft.“ Das liege vor allem am Bedeutungsverlust von Religionen allgemein. Das und der verstärkte Kontakt mit anderen Religionen trage zu einer multireligiösen Gesellschaft bei. Es gelte, sich als Christ in dieser Gesellschaft einzubringen und Angebote zu machen, sich mit christlichen Botschaften auseinanderzusetzen. Im Laufe des Gottesdienstes zeigte sich: Das Christentum in einer multireligiösen Gesellschaft kann sich nur über Verantwortung gegenüber allen Menschen erhalten.

Gastreferent Yasin Adigüzel weiß, was es bedeutet, sich mit verschiedensten Glaubensrichtungen auseinanderzusetzen. Früh setzte er sich intensiv mit dem Christentum und dem Islam auseinander, er stammt aus einer gemischtreligiösen Familie mit türkischem Migrationshintergrund. Nach intensivem Hin und Her entschied er sich dafür, sich im Christentum zu engagieren. Heute ist er Landesreferent für Vielfaltskultur und interkulturelle Öffnung beim württembergischen evangelischen Jugendwerk. Besonders ist er in der Flüchtlingshilfe aktiv – sowohl in Deutschland als auch in Auffanglagern an der europäischen Grenze. Als „christliche Mission“ bezeichnet er das Engagement, das sowohl beinhaltet zu helfen als auch christliche Botschaften anzubieten.

Ein Beispiel: Das Jugend-Sommercamp „Freestyle“, in dem Yasin Adigüzel mitwirkt. Dort treffen freiwillige Helfer auf geflüchtete Jugendliche. Es wird viel geredet – auch über Religion, so Yasin Adigüzel. „Dort können Muslime mit dem Christentum in Kontakt kommen. Andersherum gibt es auch Workshops, die den Islam beleuchten.“ Verpflichtend seien die religiösen Auseinandersetzungen für niemanden. „Wer davon nichts wissen will, kann im Camp etwas anderes machen.“

Was Yasin Adigüzel als „Mission” bezeichnet, bezeichnet er als christliches Angebot. „Wichtig ist es, niemanden bekehren zu wollen. Wir sollten das, was uns antreibt und hilft, lediglich denen anbieten, die interessiert sind.“ Dies bedeute aber nicht, die Kernaufgabe der Mission zu vergessen: Denjenigen zu helfen, die Unterstützung benötigen. Sich als Christ zu präsentieren, sei demnach nur eine Ergänzung für Hilfsbedürftige. „Das Christentum wird am besten dadurch in die Welt getragen, indem man Nächstenliebe gegenüber allen Menschen zeigt.“ Dazu gehöre es auch, sich in seiner Vielfältigkeit anzuerkennen. Viele Christen, berichtet Adigüzel, würden sich in der Entwicklungshilfe sogar deshalb zurückhalten, weil sie Geflüchteten ihre Religion nicht „nehmen“ wollen würden. „Deshalb gilt: Das Christentum sollte bei einer Mission nur denjenigen vorgestellt werden, die Interessen haben. Andersgläubigen kann man auch helfen, ohne dies mit religiösen Auseinandersetzungen zu tun.“

Entscheidend aber sei der religiöse Austausch, um Vorurteile abzubauen. Seine Erfahrungen hätten gezeigt, dass fehlender Kontakt zu Andersgläubigen oftmals ein verzerrtes, ja negatives Bild einer Religion verstärken kann. „Das geht in beide Richtungen. Das liegt vermutlich daran, dass sowohl Fremdenfeindlichkeit von Christen als auch der Islamismus viel größere mediale Aufmerksamkeit erhalten, als Menschen mit Nächstenliebe.“ Er habe aber aufgehört, dies zu bedauern, so Adigüzel. „Was ich tun kann, ist anzupacken und meinen Teil zur Besserung beizutragen.“ Besonders legte Adigüzel den Besuchern den ersten Petrusbrief des Neuen Testaments ans Herz. Dort heißt es sinngemäß, den törichten Menschen das „Maul“ zu „stopfen“ – damit Fremdenfeindlichkeit, Extremismus und Ausgrenzung nicht mehr die Merkmale von Religionen sind, die das öffentliche Bild am meisten prägen.

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