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Weingarten (Württemberg)
Lokales

#metoo auch in Weingarten

Weingarten sz Die meisten Studenten auf dem Campus der Pädagogischen Hochschule (PH) Weingarten wehren erstmal erschrocken ab: „Sexuell belästigt? Nein, das wurde ich noch nie", sagen sie. „Vielleicht gibt es ab und zu eine unangenehme Situation, aber belästigt? Ich weiß nicht." Und irgendwann erzählen sie dann doch. Vom Tennislehrer, der ihnen manchmal näher kommt, als es nötig wäre. Von Umarmungen, die viel länger dauern, als sie es möchten. Von Grapschern, nicht nur in der Disko.

„Viele Betroffene behalten das Geschehene für sich, weil sie sich schämen", sagt Kristin Rheinwald. Sie ist seit 2014 gemeinsam mit Joachim Kunstmann an der PH Weingarten Ansprechpartnerin für Opfer sexueller Belästigung.

Das baden-württembergische Landeshochschulgesetz fordert Hochschulen dazu auf, solche Ansprechpartner zu benennen, an die sich Studenten und Mitarbeiter im Falle einer Belästigung wenden können.

Unter den Ansprechpartnern soll ausdrücklich auch ein Mann sein, denn viele Studien belegen: Opfer sexueller Belästigung sind bei Weitem nicht nur Frauen. „Wir ermutigen die Betroffenen, egal ob Mann oder Frau, die Schuld nicht bei sich selbst zu suchen und sich zur Wehr zu setzen. Und wir bieten unsere Unterstützung dabei an", so Rheinwald. Die Ansprechpartner bieten Gespräche im geschützten Raum, wollen Betroffenen vermitteln: Ihr werdet ernstgenommen.

Auf der ganzen Welt wird derzeit über das Thema diskutiert. Hunderttausende Frauen, darunter viele Hollywood-Stars, haben sich in den letzten Wochen unter dem Schlagwort „#metoo" zu Wort gemeldet. In sozialen Netzwerken berichten sie von sexueller Belästigung, von aggressiven Übergriffen bis hin zur Vergewaltigung.

Auslöser ist der Skandal um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein. Er soll Dutzende Frauen belästigt und einige von ihnen auch vergewaltigt haben.

Jede zweite Frau betroffen

Auch hier in Deutschland soll jede zweite Frau schonmal Opfer sexueller Belästigung geworden sein. Aber wo beginnt sexuelle Belästigung? Der Tatbestand steht seit genau einem Jahr im Strafgesetzbuch. Der Paragraf entstand unter dem Eindruck der Kölner Silvesternacht und soll sogenannte „Grapscherfälle" erfassen. 176 Sexualdelikte wurden im vergangenen Jahr im Landkreis Ravensburg erfasst - Tendenz steigend. Etwa 13 Prozent davon fallen unter den neuen Paragrafen. Die Dunkelziffer ist unbekannt. Dass es heute mehr Fälle sexueller Belästigung gibt, hat aus Joachim Kunstmanns Sicht zwei Gründe: „Zum einen fühlen sich Menschen heute schneller belästigt, sind einfach ein bisschen sensibler, zum anderen gibt es in unserer Gesellschaft heute ein größeres Potenzial für solche Übergriffe, als noch vor einigen Jahren."

Doch auch das neue Gesetz verlangt eindeutig eine körperliche Berührung. Verbale Belästigungen sind weiterhin keine Straftat. „Dabei ist sexuelle Belästigung etwas sehr Subjektives. Jede Person nimmt das anders wahr. Und jede Person hat das Recht, dass ihre persönlichen Grenzen gewahrt werden", sagt Rheinwald. Von noch schärferen Gesetze, wie sie etwa Bundesfamilienministerin Katarina Barley fordert, halten Rheinwald und Kunstmann trotzdem wenig. „Das Problem ist zu subjektiv. Schärfere Gesetze verändern weder die Motivation, so etwas zu machen, noch die Sensibilität, sich verletzt zu fühlen. So einfach ist das einfach nicht", sagt Kunstmann. Aus Sicht der beiden Ansprechpartner liegt die Lösung letztlich im Diskurs und im offenen Umgang mit dem Thema.

Die Metoo-Kampagne trage ihren Teil dazu bei. „Es ist gut, dass diese Debatte stattfindet", sagt Joachim Kunstmann. „Sie zeigt, dass das Bewusstsein wächst." Kunstmann und Rheinwald hoffen jetzt, dass künftig noch mehr Menschen, die sich belästigt fühlen, darüber sprechen. Auch in Weingarten.

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Vor einiger Zeit durfte man von einen Ex-Generalstaatsanwalt erfahren dass er eine Vergewaltigung seiner Tochter nicht anzeigen würde. Was sagt uns das über unseren Rechtsstaat bei niederschwelligeren Übergriffigkeiten?
Zitat Anne Will Sendung:
[Dass Frauen, die eine Vergewaltigung anzeigen, eingehend geprüft werden] ist belegbare Praxis, weshalb der Ex-Generalstaatsanwalt Karge Frauen pauschal davon abriet, den Rechtsweg zu suchen. Als Staatsanwalt solle er so etwas zwar nicht sagen, aber: Die Frauen würden in einer Weise befragt – hätte er eine Tochter, er würde ihr diese Tortur nicht nahelegen. Das also war die Botschaft auf einem der besten TV-Sendeplätze: Frauen, egal was passiert ist, tut euch das nicht an. Hände weg von den Anzeigen wegen Vergewaltigung!
Als Anne Will fragte, ob das die „Botschaft des Falles Kachelmann sein soll“, bekam sie sowohl von Hansjürgen Karge als auch von Alice Schwarzer, ebenfalls Gast der Sendung, lediglich die Antwort: „Ja, leider!“. mehr

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