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Rüge: Im Gelehrtenzirkel findet Christian Wulff scharfe Worte
Zum Auftakt der Tagung, bei der noch bis Samstag in Lindau am Bodensee 17 Wirtschaftsnobelpreisträger mit mehr als 370 Nachwuchsökonomen zusammentreffen, hat Christian Wulff in einer Grundsatzrede das Handeln der Politik zerrissen. In der abgedunkelten Inselhalle hat der Bundespräsident in wohlformulierten Sätzen den Mächtigen die Fragen gestellt, die viele Menschen in einfachen Worten an den Stammtischen in Europa auch diskutieren. Warum gibt man mehr Geld aus, als man hat? Bei Wulff klingt das so: „Über viele Jahre wurden in vielen Ländern Probleme immer wieder über höhere staatliche Ausgaben, höhere Schulden und billigeres Geld vor sich hergeschoben. Dabei wurde im großen Stil konsumiert und spekuliert, anstatt in das zu investieren, was eine produktive Wirtschaft ausmacht.“
Oder: Warum müssen sich Staaten eigentlich nicht an Gesetze halten? In den Worten des Bundespräsidenten: „Die Zielmarken sind die Grundsätze der Europäischen Union, die wir vertraglich verankert haben und zu denen wir schnellst möglich zurückkehren müssen. Seit Jahren verletzen die Mitgliedsstaaten die einst in Maastricht beschlossenen Stabilitätskriterien.“
Politik der ungedeckten Wechsel
Weiter: Wer soll die Schulden eigentlich zahlen? Wulff formuliert es so: „Politik mit ungedeckten Wechseln auf die Zukunft ist an ihr Ende gekommen. Was vermeintlich immer gut ging – neue Schulden zu machen – geht eben nicht ewig gut.“ Und bei einigen Fragen trifft der Bundespräsident sogar genau den Ton der Menschen: „Ich verstehe, dass viele nicht nachvollziehen wollen, dass Bankmanager teils exorbitant verdienen, dass aber zugleich Banken mit Milliarden gestützt werden.“
Die Wirtschaftsnobelpreisträger, die in der anschließenden Podiumsrunde „Die Nachhaltigkeit der internationalen Ökonomie“ diskutieren, nehmen den Ball ihres Vorredners zumindest in der Hinsicht auf, dass sie ebenfalls die Politiker an ihre Pflichten erinnern: Nicht im Ton des kleinen Manns, sondern in der intellektuellen Sprache der Wissenschaft mahnen die Ökonomen Dinge an, die auch viele Menschen in Deutschland und Europa fordern: Eine wirksame Kontrolle nennt Daniel McFadden (Nobelpreis 2000) den „ernsten Bedarf, die Institutionen zu stärken, die das System überwachen“.
Der Wunsch der Bevölkerung, das Wirken der Finanzmärkte zu verstehen, ist für Roger Myerson (Nobelpreis 2007) die „Aufgabe der Politik, die Zusammenhänge und Regeln den Wählern endlich richtig zu erklären.“
Der Euro ist wie Rührei
Einzig Joseph Stiglitz (Nobelpreis 2001) wählt einprägsame Worte, als er über die Frage referiert, ob Europa den Euro beerdigen soll: „Der Euro ist wie Rührei, ihn wieder zu entrühren, ist mit sehr großer Mühe verbunden.“ Für den Ökonomen gibt es gute Gründe für die Gemeinschaftswährung, aber es „ist nicht einfach, sie zum Laufen zu bringen“ – und auch Stiglitz fordert von der Politik endlich Taten. „Denn wenn man noch länger wartet, wird es noch mehr Geld kosten.“
Erst in der ersten Pause, als die Tagungsteilnehmer passend zum Stiglitz’schen Rührei eine Butterbrezel in der Hand haben und die Touristen vor der Halle um die letzten Parkplätze auf der Insel streiten, lassen die Nachwuchsforscher die intellektuelle Atmospähre hinter sich und diskutieren den Auftritt der Herren Wulff, Myerson und Co. „Ich teile die Ansicht von Joseph Stiglitz, kurzfristig muss man auf den Märkten mit Geld Vertrauen schaffen, um langfristig Nachhaltigkeit zu sichern“, erläutert Daniel Beltran. Der US-Amerikaner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentralbank-System der Vereinigen Staaten.
Fabian Paetzel hat besonders die Rede Christians Wulffs beeindruckt – gerade auch, weil der Bundespräsident seine Worte nicht auf den Zirkel der Wissenschaft beschränkt hat. „Es ist richtig, dass Werte wie Vertrauen und Fairness wieder ganz neu im politisch-ökonomischen System verankert werden müssen“, erklärt Paetzel, der als Assistent im Fach Volkswirtschaft an der Uni Bremen arbeitet. Auch die Chinesin Xiaofei Pan ist von Wulff begeistert. „Was für ein ernsthafter, schöner Mann – ein typischer Deutscher“, schwärmt Pan, sie studiert an der George-Mason-University in den USA. „Aber ich befürworte auch seine Appelle, endlich die Regeln, die man sich gesetzt hat, zu befolgen.“
(Erschienen: 24.08.2011 22:15)
Zum Auftakt der Tagung, bei der noch bis Samstag in Lindau am Bodensee 17 Wirtschaftsnobelpreisträger mit mehr als 370 Nachwuchsökonomen zusammentreffen, hat Christian Wulff in einer Grundsatzrede das Handeln der Politik zerrissen. In der abgedunkelten Inselhalle hat der Bundespräsident in wohlformulierten Sätzen den Mächtigen die Fragen gestellt, die viele Menschen in einfachen Worten an den Stammtischen in Europa auch diskutieren. Warum gibt man mehr Geld aus, als man hat? Bei Wulff klingt das so: „Über viele Jahre wurden in vielen Ländern Probleme immer wieder über höhere staatliche Ausgaben, höhere Schulden und billigeres Geld vor sich hergeschoben. Dabei wurde im großen Stil konsumiert und spekuliert, anstatt in das zu investieren, was eine produktive Wirtschaft ausmacht.“
Oder: Warum müssen sich Staaten eigentlich nicht an Gesetze halten? In den Worten des Bundespräsidenten: „Die Zielmarken sind die Grundsätze der Europäischen Union, die wir vertraglich verankert haben und zu denen wir schnellst möglich zurückkehren müssen. Seit Jahren verletzen die Mitgliedsstaaten die einst in Maastricht beschlossenen Stabilitätskriterien.“
Politik der ungedeckten Wechsel
Weiter: Wer soll die Schulden eigentlich zahlen? Wulff formuliert es so: „Politik mit ungedeckten Wechseln auf die Zukunft ist an ihr Ende gekommen. Was vermeintlich immer gut ging – neue Schulden zu machen – geht eben nicht ewig gut.“ Und bei einigen Fragen trifft der Bundespräsident sogar genau den Ton der Menschen: „Ich verstehe, dass viele nicht nachvollziehen wollen, dass Bankmanager teils exorbitant verdienen, dass aber zugleich Banken mit Milliarden gestützt werden.“
Die Wirtschaftsnobelpreisträger, die in der anschließenden Podiumsrunde „Die Nachhaltigkeit der internationalen Ökonomie“ diskutieren, nehmen den Ball ihres Vorredners zumindest in der Hinsicht auf, dass sie ebenfalls die Politiker an ihre Pflichten erinnern: Nicht im Ton des kleinen Manns, sondern in der intellektuellen Sprache der Wissenschaft mahnen die Ökonomen Dinge an, die auch viele Menschen in Deutschland und Europa fordern: Eine wirksame Kontrolle nennt Daniel McFadden (Nobelpreis 2000) den „ernsten Bedarf, die Institutionen zu stärken, die das System überwachen“.
Der Wunsch der Bevölkerung, das Wirken der Finanzmärkte zu verstehen, ist für Roger Myerson (Nobelpreis 2007) die „Aufgabe der Politik, die Zusammenhänge und Regeln den Wählern endlich richtig zu erklären.“
Der Euro ist wie Rührei
Einzig Joseph Stiglitz (Nobelpreis 2001) wählt einprägsame Worte, als er über die Frage referiert, ob Europa den Euro beerdigen soll: „Der Euro ist wie Rührei, ihn wieder zu entrühren, ist mit sehr großer Mühe verbunden.“ Für den Ökonomen gibt es gute Gründe für die Gemeinschaftswährung, aber es „ist nicht einfach, sie zum Laufen zu bringen“ – und auch Stiglitz fordert von der Politik endlich Taten. „Denn wenn man noch länger wartet, wird es noch mehr Geld kosten.“
Erst in der ersten Pause, als die Tagungsteilnehmer passend zum Stiglitz’schen Rührei eine Butterbrezel in der Hand haben und die Touristen vor der Halle um die letzten Parkplätze auf der Insel streiten, lassen die Nachwuchsforscher die intellektuelle Atmospähre hinter sich und diskutieren den Auftritt der Herren Wulff, Myerson und Co. „Ich teile die Ansicht von Joseph Stiglitz, kurzfristig muss man auf den Märkten mit Geld Vertrauen schaffen, um langfristig Nachhaltigkeit zu sichern“, erläutert Daniel Beltran. Der US-Amerikaner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentralbank-System der Vereinigen Staaten.
Fabian Paetzel hat besonders die Rede Christians Wulffs beeindruckt – gerade auch, weil der Bundespräsident seine Worte nicht auf den Zirkel der Wissenschaft beschränkt hat. „Es ist richtig, dass Werte wie Vertrauen und Fairness wieder ganz neu im politisch-ökonomischen System verankert werden müssen“, erklärt Paetzel, der als Assistent im Fach Volkswirtschaft an der Uni Bremen arbeitet. Auch die Chinesin Xiaofei Pan ist von Wulff begeistert. „Was für ein ernsthafter, schöner Mann – ein typischer Deutscher“, schwärmt Pan, sie studiert an der George-Mason-University in den USA. „Aber ich befürworte auch seine Appelle, endlich die Regeln, die man sich gesetzt hat, zu befolgen.“
(Erschienen: 24.08.2011 22:15)



























