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Kretschmann fährt mit den Nobelpreisträgern über den Bodensee

Selbstverständlich erfahren die rund 600 Schiffspassagiere auch, dass Hochdeutsch nicht ins Kenntnis-Repertoire der Schwaben gehört. Das haben sie allerdings mit den meisten Gästen gemeinsam. Die kommen nämlich aus allen Teilen der Welt und sind entweder berühmte Nobelpreisträger – oder solche in Lauerstellung, also hoffnungsvolle Nachwuchswissenschaftler.
Am Freitag durfte sich Baden-Württemberg präsentieren auf der Traditionstagung in Lindau, und die Organisatoren hatten beschlossen, das Licht des Südwestens keinesfalls unter den Scheffel zu stellen – bayerisches Hoheitsgebiet hin oder her. Der ausgelegte Prospekt informierte die Gäste darüber, dass niemand in der westlichen Hemisphäre mehr Geld für Forschung ausgebe als der Südwesten, dass hier 72 Hochschulen forschen und lehren, dass das Land über neun Nobelpreisträger verfügt, dass die bedeutendsten Erfinder der Welt Baden-Württemberger sind, dass im letzten Jahr 14.813 Patente angemeldet wurden und so weiter und so fort.
Winfried Kretschmann
Autoaufkleber lagen auch noch aus: „Nett hier. Aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?“ Ach ja: Bei den Erfindern schmückt sich der grüne Ministerpräsident, dessen Autobegeisterung bekanntlich eher gedrosselt daherkommt, im Prospekt dann doch mit Namen wie Carl Benz, Gottlieb Daimler, Wilhelm Maybach und – man glaubt es kaum – Ferdinand Porsche.
Als die „Sonnenkönigin“ (über deren Liebreiz man durchaus geteilter Meinung sein kann) kurz nach acht Uhr morgens in See sticht, ist neben dem relativ frisch gebackenen Ministerpräsidenten und seiner Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (ebenfalls Grüne) ein noch frischer gebackener Berg von Brezeln an Bord. Letzteren arbeiten die Seereisenden aber während der zweistündigen Fahrt zur Mainau in beachtlichem Maße ab.
Als Winfried Kretschmann – vermutlich trägt er als Zugeständnis ans bayerische Ausland heute einen blau-weiß gestreiften Schlips – zur Begrüßung anhebt, liegt für einen Moment die spannende Frage im Raum: Riskiert er’s auf Englisch wie weiland Günther Oettinger (mit eher bedauerlichem Ergebnis) oder macht er’s lieber in seinem speziellen Nicht-Hochdeutsch? Kretschmann bevorzugt Letzteres und lässt übersetzen. Keine schlechte Entscheidung, denn er sagt den Zuhörern unverblümt, dass sein Englisch halt noch für einen „small talk“ tauge. „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“ erklärt er in punkto selbstbewusstem Auftritt des Landes an diesem Tag.
Kretschmann macht alles in allem einen souveränen, freundlichen Landesvater-Eindruck – und der Gedanke an seinen Vor-Vor-Vorgänger Erwin Teufel lässt sich wieder mal nicht ganz verdrängen. Einen kleinen Seitenhieb kann sich der Grüne allerdings nicht verkneifen. Er sei froh, erzählt er dem Publikum, dass er als Politiker einen naturwissenschaftlichen Hintergrund habe: „Da schaut man sich immer zuerst die Fakten an – im Gegensatz zu einigen Kollegen.“
Für seine Grußrede erntet er netten Applaus. Hinterher reicht die Zeit gerade noch, um den mehr als 20 Ausstellern auf dem Schiff – in erster Linie Universitäten und andere Forschungseinrichtungen – nacheinander einen kurzen Besuch abzustatten. Und reichen muss die Zeit auch noch, um sich einen Rüffel abzuholen bei Julian Köhler. Der studiert in Freiburg Medizin und findet die Präsentation des Landes viel zu protzig. Insbesondere der Spruch mit „Your first step to Stockholm...“ sei auch anderen jungen Leuten sauer aufgestoßen. Er passe einfach nicht zur speziellen Atmosphäre der Nobelpreisträger-Tagung.
Winfried Kretschmann hört sich alles an, schmunzelt ein wenig, verweist darauf, das er in seiner Rede „unsere Bescheidenheit doch gepriesen“ habe, meint, den Werbespruch müsse man doch auch ein wenig ironisch sehen. Als das alles den Julian Köhler nicht recht zu überzeugen scheint, kommt ihm ein Satz über die Lippen, der dem in jahrelangen grünen Flügelkämpfen gestählten Realo Winfried Kretschmann prächtig ansteht: „Also“, sagt er, „ich find’s ein bisschen fundimäßig.“
Der Satz, mit dem er sich dann auf der Mainau schnell verabschiedet, ist ihm dagegen sicher noch nicht oft über die Lippen gekommen: „Meine Regierungsgeschäft machen leider meine Anwesenheit in Stuttgart erforderlich.“
(Erschienen: 01.07.2011 21:45)

Selbstverständlich erfahren die rund 600 Schiffspassagiere auch, dass Hochdeutsch nicht ins Kenntnis-Repertoire der Schwaben gehört. Das haben sie allerdings mit den meisten Gästen gemeinsam. Die kommen nämlich aus allen Teilen der Welt und sind entweder berühmte Nobelpreisträger – oder solche in Lauerstellung, also hoffnungsvolle Nachwuchswissenschaftler.
Am Freitag durfte sich Baden-Württemberg präsentieren auf der Traditionstagung in Lindau, und die Organisatoren hatten beschlossen, das Licht des Südwestens keinesfalls unter den Scheffel zu stellen – bayerisches Hoheitsgebiet hin oder her. Der ausgelegte Prospekt informierte die Gäste darüber, dass niemand in der westlichen Hemisphäre mehr Geld für Forschung ausgebe als der Südwesten, dass hier 72 Hochschulen forschen und lehren, dass das Land über neun Nobelpreisträger verfügt, dass die bedeutendsten Erfinder der Welt Baden-Württemberger sind, dass im letzten Jahr 14.813 Patente angemeldet wurden und so weiter und so fort.
Winfried Kretschmann
Autoaufkleber lagen auch noch aus: „Nett hier. Aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?“ Ach ja: Bei den Erfindern schmückt sich der grüne Ministerpräsident, dessen Autobegeisterung bekanntlich eher gedrosselt daherkommt, im Prospekt dann doch mit Namen wie Carl Benz, Gottlieb Daimler, Wilhelm Maybach und – man glaubt es kaum – Ferdinand Porsche.
Als die „Sonnenkönigin“ (über deren Liebreiz man durchaus geteilter Meinung sein kann) kurz nach acht Uhr morgens in See sticht, ist neben dem relativ frisch gebackenen Ministerpräsidenten und seiner Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (ebenfalls Grüne) ein noch frischer gebackener Berg von Brezeln an Bord. Letzteren arbeiten die Seereisenden aber während der zweistündigen Fahrt zur Mainau in beachtlichem Maße ab.
Als Winfried Kretschmann – vermutlich trägt er als Zugeständnis ans bayerische Ausland heute einen blau-weiß gestreiften Schlips – zur Begrüßung anhebt, liegt für einen Moment die spannende Frage im Raum: Riskiert er’s auf Englisch wie weiland Günther Oettinger (mit eher bedauerlichem Ergebnis) oder macht er’s lieber in seinem speziellen Nicht-Hochdeutsch? Kretschmann bevorzugt Letzteres und lässt übersetzen. Keine schlechte Entscheidung, denn er sagt den Zuhörern unverblümt, dass sein Englisch halt noch für einen „small talk“ tauge. „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“ erklärt er in punkto selbstbewusstem Auftritt des Landes an diesem Tag.
Kretschmann macht alles in allem einen souveränen, freundlichen Landesvater-Eindruck – und der Gedanke an seinen Vor-Vor-Vorgänger Erwin Teufel lässt sich wieder mal nicht ganz verdrängen. Einen kleinen Seitenhieb kann sich der Grüne allerdings nicht verkneifen. Er sei froh, erzählt er dem Publikum, dass er als Politiker einen naturwissenschaftlichen Hintergrund habe: „Da schaut man sich immer zuerst die Fakten an – im Gegensatz zu einigen Kollegen.“
Für seine Grußrede erntet er netten Applaus. Hinterher reicht die Zeit gerade noch, um den mehr als 20 Ausstellern auf dem Schiff – in erster Linie Universitäten und andere Forschungseinrichtungen – nacheinander einen kurzen Besuch abzustatten. Und reichen muss die Zeit auch noch, um sich einen Rüffel abzuholen bei Julian Köhler. Der studiert in Freiburg Medizin und findet die Präsentation des Landes viel zu protzig. Insbesondere der Spruch mit „Your first step to Stockholm...“ sei auch anderen jungen Leuten sauer aufgestoßen. Er passe einfach nicht zur speziellen Atmosphäre der Nobelpreisträger-Tagung.
Winfried Kretschmann hört sich alles an, schmunzelt ein wenig, verweist darauf, das er in seiner Rede „unsere Bescheidenheit doch gepriesen“ habe, meint, den Werbespruch müsse man doch auch ein wenig ironisch sehen. Als das alles den Julian Köhler nicht recht zu überzeugen scheint, kommt ihm ein Satz über die Lippen, der dem in jahrelangen grünen Flügelkämpfen gestählten Realo Winfried Kretschmann prächtig ansteht: „Also“, sagt er, „ich find’s ein bisschen fundimäßig.“
Der Satz, mit dem er sich dann auf der Mainau schnell verabschiedet, ist ihm dagegen sicher noch nicht oft über die Lippen gekommen: „Meine Regierungsgeschäft machen leider meine Anwesenheit in Stuttgart erforderlich.“
(Erschienen: 01.07.2011 21:45)




























