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Archäologen graben sich durch 800 Jahre Münchner Stadtgeschichte

Archäologen graben sich durch 800 Jahre Münchner Stadtgeschichte
Archäologen graben sich durch 800 Jahre Münchner Stadtgeschichte

München / dpa Mitten im Zentrum Münchens findet die derzeit größte archäologische Ausgrabung Süddeutschlands statt — auf dem ehemals grünen Rasen des Marienhofs. Zu entdecken gibt es viel, denn seit 800 Jahren haben Menschen die Fläche hinter dem Münchner Rathaus bewohnt und bebaut.

Auf der einst grünen Wiese klaffen Löcher und häufen sich Berge aus Schutt, Kies und Ziegelsteinen. Am Marienhof in München buddeln sich Archäologen seit April durch acht Jahrhunderte Stadtgeschichte. Was sie zutage fördern, ist interessant, manchmal überraschend. Denn die heute unspektakuläre Grünfläche hinterm Rathaus ist seit Gründung Münchens im 12. Jahrhundert immer dicht bebaut gewesen — bis 1944 die Bomben alles zerstörten.

„Wir sind hier am Nordrand des historischen Kerns in München“, erklärt Jochen Haberstroh, der sich um die oberbayerischen Bodendenkmäler für das Landesamt für Denkmalschutz kümmert. Haberstroh zeigt zum nordwestlichen Ende der Baustelle. Dort verlaufe die älteste Stadtmauer Münchens. Gleich daneben — außerhalb des inneren Stadtrings — zeigen sich sehr alte Brunnen und Latrinen — von mehreren Metern Erde befreit.

„Das ist für uns schon was Besonderes“, sagt Haberstroh. Denn die Brunnen zeigten, dass die Münchner früher als bisher angenommen das Land außerhalb des innersten Stadtkerns besiedelt hätten.

Spaziert man durch die aufgetürmten Schuttberge der momentan größten Ausgrabung in Süddeutschland, gibt es viel zu entdecken: Mauerreste aus verschiedenen Jahrhunderten, Keller und Kanäle, Brunnen und Latrinen. Das sei erstaunlich für ein Gebiet mitten in der Stadt, sagt der Leiter des Landesamtes, Egon Greipl. „Dauernd hat es gebrannt und dauernd wurde gewühlt und gebaut. Dass trotzdem aus der frühen Zeit so was noch da ist, das ist wirklich für München eine kleine Sensation.“

Spektakuläre Gegenstände kamen ans Licht wie etwa ein Messer mit Elfenbeingriff oder grünes Glas. Doch besonders der Jahrhunderte alte Müll aus den Latrinen fasziniert die Archäologen. In den historischen Kloaken finden sie Alltagsgegenstände und Speisereste wie Knochen, Leder oder Geschirr. Sie erzählen viel über das Leben der Menschen von damals. „Da kann man spannende Geschichten aus einem Haufen Dreck schreiben“, sagt Greipl.

Für Aufregung sorgten derzeit ein paar Spardosen aus dem Spätmittelalter, erzählt Haberstroh und holt eine hervor. Optisch ist sie unspektakulär: ein kleines, rundes und sehr einfach gehaltenes Keramikgefäß. „Das ist schon ein kleines Vermögen, was in so ein Stück reinpasst.“ Die Münchner, die in dieser Zeit den Marienhof bewohnt haben, seien wohl reich genug gewesen, um sparen zu können: „Das ist nicht die Regel im späten Mittelalter.“

Trotz dieser Funde wäre es dem Denkmalschutz lieber gewesen, man hätte überhaupt nicht graben müssen, sagt Denkmalschutzleiter Greipl. Denn so spannend die Mauerreste aus 800 Jahren Zeitgeschichte anzuschauen sind, im Boden seien sie besser aufgehoben. Initiator der Ausgrabung ist denn auch nicht der Denkmalschutz, sondern die Deutsche Bahn AG. Sie will hier ihre zweite Stammstrecke für den Münchner S-Bahnverkehr bauen. Der unterirdische Bau würde die alten Brunnen und Kanäle, die Hunderte von Jahren überdauert haben, zerstören.

Damit die historischen Gemäuer des Marienhofs nicht verloren gehen, werden sie nun unter fachlicher Begleitung des Denkmalschutzes ausgegraben. Greipl betont: „Es wird nicht einfach kaputt gemacht, sondern vorher mit viel Geld erfasst und dokumentiert.“ Ist alles auf Papier festgehalten und sind alle Kleinfunde eingesammelt, landen die Mauern, Kanäle und Brunnen auf dem Müll.

Ob die zweite Stammstrecke kommt, ist indes unsicher. Nach dem Aus für Olympische Winterspiele 2018 in München streiten sich Bahn, Freistaat, Stadt und Bund um die Finanzierung. Dass die Stammstrecke dennoch kommt, davon ist Deutsche Bahn-Sprecher Bernd Honerkamp überzeugt: „Für uns seitens der Bahn, hat sich jetzt im Moment nichts geändert. Die Gespräche finden ja jetzt erst statt.“ Die Archäologen graben erstmal fleißig weiter. Etwa die Hälfte der Ausgrabungsfläche haben sie bereits untersucht. Viel gibt es noch zu dokumentieren, bis die Arbeiten Anfang des Winters abgeschlossen sein sollen.

(Erschienen: 02.09.2011 08:40)

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