Baden-Württemberg
Skikurs führt Kriegsversehrte zurück ins Leben
Von unserem Redakteur Uwe Jauß
Es ist ein eiskalter Morgen oben am Nebelhorn, dem 2224 Meter hohen Hausberg von Oberstdorf. Das Thermometer zeigt 19 Grad minus an. Dazu peitschen Windböen den Schnee über die Skipisten. Ein Wetter, bei dem nur wenige Zeitgenossen auf Bretter gestiegen sind. Zu ihnen gehört Andy Barlow. Elegant kurvt der Engländer die Gipfelabfahrt herunter. Ein guter Skifahrer. Nur etwas unterscheidet ihn von den anderen Pistenflitzern: Sein linkes Bein fehlt. Barlow ist kriegsversehrt. Zum Sport trägt er auch keine Prothese.
Wer mit dem Skifahren vor 30 Jahren oder früher angefangen hat, dürfte sich noch erinnern: Damals sah man in Wintersportgebieten öfters Männer mit einem einzigen Ski und zwei speziellen Stützstöcken. Sie waren jedoch schon alt gewesen. Die Schlachten des Zweiten Weltkriegs hatten ihnen ein Bein genommen. Barlow ist aber erst 23 Jahre alt, ein munterer, großer Mann mit blonden Haaren und blauen Augen. Sein Pech: Er lief in ein Minenfeld.
Vor vier Jahren war Barlow mit der britischen Armee nach Afghanistan gezogen, 7000 Kilometer weg von daheim. „Meine Einheit musste den Kajakai-Damm sichern“, erzählt er, während der eisige Allgäuer Wind sein blasses Gesicht rötlich färbt. Das Sperrwerk am Helmand-Fluss gehört zu den wichtigsten in Afghanistan. Vom Stausee aus werden Felder der benachbarten Wüstenei bewässert. Das dazugehörige, damals noch marode Kraftwerk sollte repariert werden. Für die Briten ein Prestige-Projekt, für die Taliban ein rotes Tuch. Sie attackierten den Damm immer wieder. Barlow und seine Kameraden hielten dagegen. Ein gewaltiger Schlag
An einem Septembertag waren sie auf Patrouille, gerieten in einen Hinterhalt. Schüsse, Befehle, Chaos – und Landminen. Sie sind meist vergraben, also unsichtbar. Am Hindukusch werden noch Sprengfallen sowjetischen Typs benutzt, kaum größer als Nivea-Dosen. Kostenpunkt: ein Dollar. Womöglich war es eine solche Mine, die Barlow das linke Bein gekostet hat. „Rausgefunden haben wir es nicht“, sagt er. Barlow zuckt ungerührt mit seinen breiten Schultern. Er erinnert sich nur noch an Kampf, einen gewaltigen Schlag, an Schmerz und weiteren Kampf.
Nicht nur ihn erwischte es an jenem Tag. Zwei weitere Kameraden traten auf Minen. Einem war nicht mehr zu helfen, Barlow schon. Ob er dies seinerzeit als Glück empfunden hat? Der junge Mann stockt. So richtig weiß er keine Antwort darauf. „Ich dachte wohl eher, dass alles keinen Sinn mehr hat“, meint Barlow. „Wie sollte ich je wieder Fußball oder Rugby spielen können?“ Er kommt aus Bolton im Nordwesten Englands, dem Ruhrgebiet des Königreichs. Gut gegen den Ball treten zu können, ist dort wichtig – zumal es ansonsten so trist aussieht wie in einem aufgelassenen Dortmunder Bergwerk. Diesem Elend wollte Barlow früh entfliehen. Als 16-Jähriger meldete er sich zum Militär. Das geht in England.
Barlow wurde Schütze, der niedrigste Rang. Schütze ist er auch heute noch – und froh darum. Die Armee ließ ihn nicht im Stich. Einige Generationen zuvor hätte er wohl als Bettler vor einer der gotischen Kathedralen Englands geendet. Aber die Zeiten haben sich geändert. „Mir half es sehr, dass Leute da waren, die sich um mich kümmerten. Gut war auch der Kontakt zu Kameraden, die Ähnliches erlebt hatten“, sagt Barlow.
Drei Monate nach dem Tritt auf die Mine war er wieder im Dienst, mit Beinprothese. Ein Jahr später schickte ihn sein Vorgesetzter Richtung Allgäu. Er solle Skifahren lernen, etwas, an das Barlow davor nie gedacht hatte: „Wintersport? Um Gottes Willen, das war wirklich nicht meine Welt.“ Ebenso wenig das Allgäu. Aber die britische Armee betreibt seit 1992 in Oberstdorf ein Zentrum für „erlebnisorientierte Ausbildung“. Müde Krieger werden dort neu motiviert, Bürohengste dürfen ihre Grenzen austesten, junge Soldaten können ihre Kräfte erproben. Auf dem Programm stehen Wintersportarten, Klettern, Bergsteigen, Kajakfahren, Gleitschirmfliegen oder Bergläufe. Vor drei Jahren führten die Briten noch etwas Neues ein: einen Skikurs für Kriegsversehrte, eine Art Kopf-hoch-Programm. Die britische Armee reagierte damit auf die Kriege im Irak und in Afghanistan. Versehrten Soldaten soll neues Selbstwertgefühl vermittelt werden.
Jeder geht unterschiedlich damit um, wenn ihm plötzlich ein Körperteil fehlt. Barlow nickt, ein wenig schmunzelt er. Der Soldat kennt solche Fragen nach dem persönlichen Befinden. Routiniert meint er, man gewöhne sich an alles. Wirklich? „Natürlich.“ Er habe auch bereits verschiedene Kneipen in Oberstdorf durchgemacht -- „netter Flecken“. Wie sieht es aber zum Beispiel mit den Mädchen aus? Barlow sagt, er sei liiert gewesen, als es zum fatalen Schritt gekommen sei.
Wie der Soldat erzählt, hielt die Verbindung bis auf Weiteres. Vor zweieinhalb Jahren sei der gemeinsame Sohn auf die Welt gekommen. Dass kürzlich Schluss war, sieht Barlow gelassen: „Ach, dies passiert jedem mal.“ Ihm ist es wichtig, seinen Buben regelmäßig zu sehen. Der Dienst lässt es zu. Barlow ist nun fest in England stationiert, arbeitet im Heer als Segellehrer. „Es gibt schlechtere Jobs“, flachst er.
Im Allgäu ist Barlow für zwei Wochen. So lange dauern die Kurse. 50 Mann haben sie bisher durchlaufen. „Ein Erfolg“, glaubt Les Pond, Leiter des Programms. „Skifahren holt die Versehrten aus Depressionen heraus.“ Nur arglose Winterurlauber staunen, wenn an der Mittelstation beim Höfatsblick eine Gruppe Sportler auftaucht, in der die einen bloß eien Ski haben – und einzelne auf einer Mischung aus Schlitten und Skiern abfahren. Dies sind die Soldaten, denen beide Beine fehlen. Spaß soll dabei eine große Rolle spielen. Das Training ist aber auch ambitioniert. In vier Jahren bei den Paralympics in Sotschi am Schwarzen Meer will Les Pond einige seiner Kursteilnehmer am Start sehen.Die Paralympics als Ziel
Barlow hat sich bereits mit dem Gedanken angefreundet, am Schwarzen Meer die Pisten hinunterzurasen -- so wie vorher die Gipfelabfahrt des Nebelhorns: ein Fuß stramm auf dem Ski, das zweite Bein der Skihose oberhalb des Knies abgebunden, damit es nicht im Wind flattert. „Klar, Sotchi ist eine Herausforderung“, meint der Soldat. Er strahlt Energie aus, selbst als wegen der Kälte Feierabend ist.
Barlow schnallt den Ski ab, grinst zufrieden. Die Stöcke dienen ihm als Krücken. Er schwingt sich darauf zum Restaurant am Höfatsblick. Im selben Moment flitzt eine Gruppe Männer vorbei, Feriengäste im Alter von Barlow, alle unversehrt. Kommt bei diesem Anblick wirklich keine Bitterkeit auf? „Nein“, betont Barlow. Eine letzte Frage noch: Ob sich rückblickend sein Einsatz in Afghanistan gelohnt habe? Der Soldat zögert, meint: Die Frage sei zu politisch. Barlow zieht es vor, nicht zu antworten.
(Erschienen: 15.03.2010 09:55)
Von unserem Redakteur Uwe Jauß
Es ist ein eiskalter Morgen oben am Nebelhorn, dem 2224 Meter hohen Hausberg von Oberstdorf. Das Thermometer zeigt 19 Grad minus an. Dazu peitschen Windböen den Schnee über die Skipisten. Ein Wetter, bei dem nur wenige Zeitgenossen auf Bretter gestiegen sind. Zu ihnen gehört Andy Barlow. Elegant kurvt der Engländer die Gipfelabfahrt herunter. Ein guter Skifahrer. Nur etwas unterscheidet ihn von den anderen Pistenflitzern: Sein linkes Bein fehlt. Barlow ist kriegsversehrt. Zum Sport trägt er auch keine Prothese.
Wer mit dem Skifahren vor 30 Jahren oder früher angefangen hat, dürfte sich noch erinnern: Damals sah man in Wintersportgebieten öfters Männer mit einem einzigen Ski und zwei speziellen Stützstöcken. Sie waren jedoch schon alt gewesen. Die Schlachten des Zweiten Weltkriegs hatten ihnen ein Bein genommen. Barlow ist aber erst 23 Jahre alt, ein munterer, großer Mann mit blonden Haaren und blauen Augen. Sein Pech: Er lief in ein Minenfeld.
Vor vier Jahren war Barlow mit der britischen Armee nach Afghanistan gezogen, 7000 Kilometer weg von daheim. „Meine Einheit musste den Kajakai-Damm sichern“, erzählt er, während der eisige Allgäuer Wind sein blasses Gesicht rötlich färbt. Das Sperrwerk am Helmand-Fluss gehört zu den wichtigsten in Afghanistan. Vom Stausee aus werden Felder der benachbarten Wüstenei bewässert. Das dazugehörige, damals noch marode Kraftwerk sollte repariert werden. Für die Briten ein Prestige-Projekt, für die Taliban ein rotes Tuch. Sie attackierten den Damm immer wieder. Barlow und seine Kameraden hielten dagegen. Ein gewaltiger Schlag
An einem Septembertag waren sie auf Patrouille, gerieten in einen Hinterhalt. Schüsse, Befehle, Chaos – und Landminen. Sie sind meist vergraben, also unsichtbar. Am Hindukusch werden noch Sprengfallen sowjetischen Typs benutzt, kaum größer als Nivea-Dosen. Kostenpunkt: ein Dollar. Womöglich war es eine solche Mine, die Barlow das linke Bein gekostet hat. „Rausgefunden haben wir es nicht“, sagt er. Barlow zuckt ungerührt mit seinen breiten Schultern. Er erinnert sich nur noch an Kampf, einen gewaltigen Schlag, an Schmerz und weiteren Kampf.
Nicht nur ihn erwischte es an jenem Tag. Zwei weitere Kameraden traten auf Minen. Einem war nicht mehr zu helfen, Barlow schon. Ob er dies seinerzeit als Glück empfunden hat? Der junge Mann stockt. So richtig weiß er keine Antwort darauf. „Ich dachte wohl eher, dass alles keinen Sinn mehr hat“, meint Barlow. „Wie sollte ich je wieder Fußball oder Rugby spielen können?“ Er kommt aus Bolton im Nordwesten Englands, dem Ruhrgebiet des Königreichs. Gut gegen den Ball treten zu können, ist dort wichtig – zumal es ansonsten so trist aussieht wie in einem aufgelassenen Dortmunder Bergwerk. Diesem Elend wollte Barlow früh entfliehen. Als 16-Jähriger meldete er sich zum Militär. Das geht in England.
Barlow wurde Schütze, der niedrigste Rang. Schütze ist er auch heute noch – und froh darum. Die Armee ließ ihn nicht im Stich. Einige Generationen zuvor hätte er wohl als Bettler vor einer der gotischen Kathedralen Englands geendet. Aber die Zeiten haben sich geändert. „Mir half es sehr, dass Leute da waren, die sich um mich kümmerten. Gut war auch der Kontakt zu Kameraden, die Ähnliches erlebt hatten“, sagt Barlow.
Drei Monate nach dem Tritt auf die Mine war er wieder im Dienst, mit Beinprothese. Ein Jahr später schickte ihn sein Vorgesetzter Richtung Allgäu. Er solle Skifahren lernen, etwas, an das Barlow davor nie gedacht hatte: „Wintersport? Um Gottes Willen, das war wirklich nicht meine Welt.“ Ebenso wenig das Allgäu. Aber die britische Armee betreibt seit 1992 in Oberstdorf ein Zentrum für „erlebnisorientierte Ausbildung“. Müde Krieger werden dort neu motiviert, Bürohengste dürfen ihre Grenzen austesten, junge Soldaten können ihre Kräfte erproben. Auf dem Programm stehen Wintersportarten, Klettern, Bergsteigen, Kajakfahren, Gleitschirmfliegen oder Bergläufe. Vor drei Jahren führten die Briten noch etwas Neues ein: einen Skikurs für Kriegsversehrte, eine Art Kopf-hoch-Programm. Die britische Armee reagierte damit auf die Kriege im Irak und in Afghanistan. Versehrten Soldaten soll neues Selbstwertgefühl vermittelt werden.
Jeder geht unterschiedlich damit um, wenn ihm plötzlich ein Körperteil fehlt. Barlow nickt, ein wenig schmunzelt er. Der Soldat kennt solche Fragen nach dem persönlichen Befinden. Routiniert meint er, man gewöhne sich an alles. Wirklich? „Natürlich.“ Er habe auch bereits verschiedene Kneipen in Oberstdorf durchgemacht -- „netter Flecken“. Wie sieht es aber zum Beispiel mit den Mädchen aus? Barlow sagt, er sei liiert gewesen, als es zum fatalen Schritt gekommen sei.
Wie der Soldat erzählt, hielt die Verbindung bis auf Weiteres. Vor zweieinhalb Jahren sei der gemeinsame Sohn auf die Welt gekommen. Dass kürzlich Schluss war, sieht Barlow gelassen: „Ach, dies passiert jedem mal.“ Ihm ist es wichtig, seinen Buben regelmäßig zu sehen. Der Dienst lässt es zu. Barlow ist nun fest in England stationiert, arbeitet im Heer als Segellehrer. „Es gibt schlechtere Jobs“, flachst er.
Im Allgäu ist Barlow für zwei Wochen. So lange dauern die Kurse. 50 Mann haben sie bisher durchlaufen. „Ein Erfolg“, glaubt Les Pond, Leiter des Programms. „Skifahren holt die Versehrten aus Depressionen heraus.“ Nur arglose Winterurlauber staunen, wenn an der Mittelstation beim Höfatsblick eine Gruppe Sportler auftaucht, in der die einen bloß eien Ski haben – und einzelne auf einer Mischung aus Schlitten und Skiern abfahren. Dies sind die Soldaten, denen beide Beine fehlen. Spaß soll dabei eine große Rolle spielen. Das Training ist aber auch ambitioniert. In vier Jahren bei den Paralympics in Sotschi am Schwarzen Meer will Les Pond einige seiner Kursteilnehmer am Start sehen.Die Paralympics als Ziel
Barlow hat sich bereits mit dem Gedanken angefreundet, am Schwarzen Meer die Pisten hinunterzurasen -- so wie vorher die Gipfelabfahrt des Nebelhorns: ein Fuß stramm auf dem Ski, das zweite Bein der Skihose oberhalb des Knies abgebunden, damit es nicht im Wind flattert. „Klar, Sotchi ist eine Herausforderung“, meint der Soldat. Er strahlt Energie aus, selbst als wegen der Kälte Feierabend ist.
Barlow schnallt den Ski ab, grinst zufrieden. Die Stöcke dienen ihm als Krücken. Er schwingt sich darauf zum Restaurant am Höfatsblick. Im selben Moment flitzt eine Gruppe Männer vorbei, Feriengäste im Alter von Barlow, alle unversehrt. Kommt bei diesem Anblick wirklich keine Bitterkeit auf? „Nein“, betont Barlow. Eine letzte Frage noch: Ob sich rückblickend sein Einsatz in Afghanistan gelohnt habe? Der Soldat zögert, meint: Die Frage sei zu politisch. Barlow zieht es vor, nicht zu antworten.
(Erschienen: 15.03.2010 09:55)
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