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Baden-Württemberg

Russlanddeutsche helfen sich selbst

In Stuttgart hilft ein Verein russlanddeutschen Jugendlichen bei der Integration. Ilija (hinten rechts), der früher selbst obdac
In Stuttgart hilft ein Verein russlanddeutschen Jugendlichen bei der Integration. Ilija (hinten rechts), der früher selbst obdac

Stuttgart / sz Auffällig hohe Kriminalitätsraten unter russlanddeutschen Jugendlichen waren in bis vor wenigen Jahren noch ein Problem. Jetzt sieht das anders aus. Das liegt auch an Initiativen wie dem Verein Deutsche Jugend aus Russland (DJR). Er bietet den Jugendlichen Hilfe an. Für 2010 will die Stadt der DJR nun aber die Zuschüsse streichen.

Von unserem RedakteurArmin Kübler

Ilija hat es geschafft. Er ist weg von der Straße. Die Zeiten, als er sich mit einer Jugendbande am Stuttgarter Hauptbahnhof herumtrieb, sind vorbei. 2000 war der heute 23-Jährige aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. „Ich habe Sprachkurse gemacht, war ein Jahr auf der Hauptschule, dann hab ich nichts mehr gemacht, nur Blödsinn und Schwierigkeiten.“

Seine wilde Vergangenheit ist Ilija nicht anzusehen. Er redet ruhig, mit leichtem Akzent. Er ist gut gekleidet und trägt eine modische Brille. In Pforzheim macht er eine Ausbildung zum Goldschmied. Auf die richtige Bahn brachte ihn der Verein Deutsche Jugend aus Russland (DJR). Die DJR bildet Mentoren aus, die Jugendlichen zeigen, wie sie einen Ausweg aus Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit finden können. Die meisten Mentoren kennen das Schicksal der Jugendlichen aus eigener Erfahrung. Ilija betreut nun selbst acht Schützlinge.

Die Bilanz der DJR in Stuttgart kann sich sehen lassen: Um knapp 100 Jugendliche kümmert sich der Verein jedes Jahr. Viele davon sind auf irgendeine Art mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Nur jeder Zehnte wird später wieder straffällig. Ernst Strohmaier leitet die DJR Kreisgruppe in Stuttgart. Der 55-Jährige ist die Ruhe in Person. Er spricht leise. Anlass, laut zu werden, gibt es nicht. Die Jugendlichen, die sich am späten Nachmittag in den Räumen der DJR in der Stuttgarter Innenstadt einfinden, machen einen wohlerzogenen Eindruck. Ehemalige Bandenmitglieder würde man unter ihnen nicht vermuten.

In Stuttgart habe es zeitweise erhebliche Probleme mit russlanddeutschen Jugendlichen gegeben, sagt Strohmaier. Die Kriminalitätsrate war überdurchschnittlich hoch. Die DJR wurde in dieser Phase gegründet. „Als Eigeninitiative der Jugendlichen.“ Die deutschlandweit vertretene Organisation hat allein in Baden-Württemberg 22 Ortsgruppen und 1000 aktive Mitglieder. Die DJR in Stuttgart ist auch für ihre Boxsportgruppe bekannt. Federgewichtsweltmeister Vitali Tajbert startete hier seine Karriere.

Schon der Begriff Russlanddeutsche sei problematisch, sagt Strohmaier. Denn die rund drei Millionen Spätaussiedler kamen nicht nur aus Russland, sondern aus mehreren ehemaligen Sowjetrepubliken, etwa aus Kasachstan oder der Ukraine. Strohmaier stammt aus Usbekistan, geboren wurde er in Sibirien. „Eine russlandeutsche Kultur gibt es nicht“, sagt er. Dennoch ist es ein Ziel seiner Arbeit, den Jugendlichen ein Gefühl für ihre Identität zu geben. „Sie sollen sich integrieren, aber sie wissen nicht wie“, fasst Strohmaier die Probleme vieler junger Spätaussiedler zusammen.

Integration ist in Stuttgart ein dominierendes kommunalpolitisches Thema. 40 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund. Viele sind inzwischen eingebürgert. 21,3 Prozent der Stuttgarter haben aber noch keinen deutschen Pass.

Jugendarbeit droht das Aus

Es habe in Deutschland mehrere Vereinigungen gegeben, sagt Gari Pavkovic, Integrationsbeauftragter der Stadt. Die Eingliederung der Vertriebenen gleich nach dem Krieg sei eine Erfolgsgeschichte gewesen. „Im Wirtschaftswunder konnte man sich durch Leistung integrieren.“ Seit 1955 kamen die Gastarbeiter aus ganz Europa nach Deutschland. Pavkovic nennt sie „die neuen Deutschen“. Schließlich die Vereinigung nach 1989. Bei der Einwanderung der Spätaussiedler hätten sich besonders Kinder schwergetan.

Auch Pavkovic ist nicht glücklich mit dem Begriff Russlanddeutsche. Er spricht von russisch-sprachigen Jugendlichen. „Das ist eine sehr heterogene Gruppe“. Probleme mache nur ein kleiner Teil: „Männlich, Hauptschule, Alkohol, Drogen“, skizziert Pavkovic dieses Milieu. Ihnen hängen teilweise noch die Probleme aus ihren Herkunftsländern nach. Mit der Sowjetunion brachen 1990 schließlich auch Teile des Bildungs- und Sozialsystems zusammen. Dieser vorbelasteten Gruppe stünden aber die Kinder der eingewanderten Akademiker gegenüber. Diese würden zur Bildungselite unter den Migranten gehören.

Einem Großteil der erfolgreichen Jugendarbeit der DJR droht 2010 das Ende. Die Stadt Stuttgart hat den finanziellen Zuschuss für den Verein jüngst gestrichen. Die CDU im Gemeinderat wollte den Verein auch im kommenden Jahr mit 25000 Euro unterstützen. Doch eine Mehrheit unter Führung der Grünen, der stärksten Fraktion in Stuttgart, lehnte das ab. Laut Fraktionschef Werner Wölfle sei die Entscheidung Teil einer Gesamtstrategie. Man wolle nicht „für jede Nationalität extra Projekte“. Es sei an der Zeit, die Aktivitäten zu bündeln oder unter das Dach der deutschen Systeme in der Stadt zu stellen.

Strohmaier kennt die Vorurteile gegenüber einer herkunftsbezogenen Jugendarbeit. Er verweist darauf, dass die Hälfte der Jugendlichen, die von der DJR betreut werden, gar keine Russlanddeutschen mehr seien. Pavkovic hält die Entscheidung des Gemeinderats für „kurzsichtig“. Die Stadt profitiere von der Arbeit der DJR. Strohmaier ist enttäuscht. Das Mentorenprogramm, durch das Jugendliche wie Ilija von der Straße geholt wurden, wird der Verein wohl streichen müssen.

(Erschienen: 06.12.2009 18:00)

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