Baden-Württemberg
Protest: Hebammen fürchten um ihre Existenz

Einmal in der Woche hört Sandra Buck das Herz, das in ihrem Bauch schlägt. Ein zaghaftes, aber regelmäßiges Wummern, manchmal kommt ein Knirschen dazu. „So hört es sich immer an, wenn sich das Kind bewegt“, sagt die junge Frau. Die Geräusche des Geräts, das die Herzfrequenz eines ungeborenen Kindes aufzeichnet, sind für Sandra Buck nicht neu. Schon vor drei Jahren lag sie hier, im Praxiszimmer der Leutkircher Hebamme Sabine Schenkel. Damals schon entschied sich die heute 36-Jährige, ihren ersten Sohn in diesem Raum zur Welt bringen – in familiärer Atmosphäre, im Geburtshaus. Diese Art von Hausgeburt ist nach wie vor grundsätzlich möglich. Trotzdem wird sie ihr zweites Kind nicht hier entbinden können – weil das Geburtshaus keines mehr ist.
Vor einem Jahr tauschte Sabine Schenkel das Namensschild an ihrer Eingangstür. Aus dem Geburtshaus wurde eine Hebammenpraxis. Nach wie vor bietet die 54-Jährige zwar Vorsorge, Geburtsvorbereitungskurse und Nachbetreuung an, aber bei den Geburten ist sie nicht mehr dabei, obwohl sie diese zuvor zwölf Jahre lang gern betreut hat. Der Grund ist das Geld: Außerklinische Geburten rechnen sich für die selbstständige Hebamme nicht mehr.
Schuld daran ist zum einen die stark gestiegene Haftpflichtversicherung, zu der Hebammen grundsätzlich verpflichtet sind. Musste Sabine Schenkel 1993 noch 350 Mark (178,95 Euro) Beitrag im Jahr zahlen, sind es heute 3700 Euro. Ihr Lohn ist dagegen kaum gestiegen. Zum Vergleich: Für eine Vorsorgeuntersuchung bekam die Hebamme 1998 noch 40 Mark (20,45 Euro) von der Krankenkasse – heute sind es 22,44 Euro, also kaum zwei Euro mehr. Dazu kommt, dass die Kosten für eine Büroausstattung mittlerweile viel höher sind, sagt sie. Computer, Handy, Internet, Fax – alles Posten, die unverzichtbar geworden sind, auch um die ausführlichen Dokumentationen an die Krankenkasse zu schicken.
Mehr Arbeitsstunden
Wie viele ihrer Kolleginnen versuchte Sabine Schenkel dieses Ungleichgewicht durch mehr Arbeitsstunden auszugleichen. Zwölf Stunden Arbeit sieben Tage die Woche sind keine Seltenheit. Die Hebamme ist für ihre Frauen rund um die Uhr erreichbar. Doch erst als sie 2009 die außerklinische Geburtshilfe aufgab und damit die hohen Haftpflichtprämien nicht mehr zahlen muss, kann sie wieder von ihrer Arbeit leben. So wie ihr geht es vielen. „Es ist schade, wenn du Kolleginnen siehst, die sagen: ,Ich geb‘ auf, weil ich drauf zahle‘“, sagt die 54-Jährige. Je mehr Hebammen das tun, umso schwieriger werde es für junge und werdende Mütter eine freiberufliche Geburtshelferin zu finden. Anfragen aus anderen Städten wie Wangen häufen sich inzwischen bei der in Leutkirch ansässigen Hebamme. Diesen Zustand will Schenkel nicht hinnehmen. Sie beteiligt sich an den Streiks, zu denen der Deutsche Hebammenverband aufruft. Anfang Dezember lässt sie wie viele ihrer Kolleginnen ihre Arbeit ruhen und protestiert auf den Straßen von Wangen. „Wir wollen eine angemessene Entlohnung für all unsere Tätigkeiten und für die Verantwortung, die wir tragen“, sagt sie. Solange es die nicht gibt, wird sie keine Geburt mehr begleiten.
Auch nicht die von Sandra Bucks Kind. Die werdende Mutter versteht die Forderungen ihrer Hebamme. Trotzdem hätte sie Sabine Schenkel gern bei der Geburt ihres zweiten Kindes an ihrer Seite gehabt. Nun wird sie in einer Klinik entbinden, bei einer anderen Hebamme. Eine, die ihr nicht so vetraut sein wird, wie die Frau, die sie seit Beginn ihrer Schwangerschaft betreut hat.
(Erschienen: 20.12.2010 07:30)

Einmal in der Woche hört Sandra Buck das Herz, das in ihrem Bauch schlägt. Ein zaghaftes, aber regelmäßiges Wummern, manchmal kommt ein Knirschen dazu. „So hört es sich immer an, wenn sich das Kind bewegt“, sagt die junge Frau. Die Geräusche des Geräts, das die Herzfrequenz eines ungeborenen Kindes aufzeichnet, sind für Sandra Buck nicht neu. Schon vor drei Jahren lag sie hier, im Praxiszimmer der Leutkircher Hebamme Sabine Schenkel. Damals schon entschied sich die heute 36-Jährige, ihren ersten Sohn in diesem Raum zur Welt bringen – in familiärer Atmosphäre, im Geburtshaus. Diese Art von Hausgeburt ist nach wie vor grundsätzlich möglich. Trotzdem wird sie ihr zweites Kind nicht hier entbinden können – weil das Geburtshaus keines mehr ist.
Vor einem Jahr tauschte Sabine Schenkel das Namensschild an ihrer Eingangstür. Aus dem Geburtshaus wurde eine Hebammenpraxis. Nach wie vor bietet die 54-Jährige zwar Vorsorge, Geburtsvorbereitungskurse und Nachbetreuung an, aber bei den Geburten ist sie nicht mehr dabei, obwohl sie diese zuvor zwölf Jahre lang gern betreut hat. Der Grund ist das Geld: Außerklinische Geburten rechnen sich für die selbstständige Hebamme nicht mehr.
Schuld daran ist zum einen die stark gestiegene Haftpflichtversicherung, zu der Hebammen grundsätzlich verpflichtet sind. Musste Sabine Schenkel 1993 noch 350 Mark (178,95 Euro) Beitrag im Jahr zahlen, sind es heute 3700 Euro. Ihr Lohn ist dagegen kaum gestiegen. Zum Vergleich: Für eine Vorsorgeuntersuchung bekam die Hebamme 1998 noch 40 Mark (20,45 Euro) von der Krankenkasse – heute sind es 22,44 Euro, also kaum zwei Euro mehr. Dazu kommt, dass die Kosten für eine Büroausstattung mittlerweile viel höher sind, sagt sie. Computer, Handy, Internet, Fax – alles Posten, die unverzichtbar geworden sind, auch um die ausführlichen Dokumentationen an die Krankenkasse zu schicken.
Mehr Arbeitsstunden
Wie viele ihrer Kolleginnen versuchte Sabine Schenkel dieses Ungleichgewicht durch mehr Arbeitsstunden auszugleichen. Zwölf Stunden Arbeit sieben Tage die Woche sind keine Seltenheit. Die Hebamme ist für ihre Frauen rund um die Uhr erreichbar. Doch erst als sie 2009 die außerklinische Geburtshilfe aufgab und damit die hohen Haftpflichtprämien nicht mehr zahlen muss, kann sie wieder von ihrer Arbeit leben. So wie ihr geht es vielen. „Es ist schade, wenn du Kolleginnen siehst, die sagen: ,Ich geb‘ auf, weil ich drauf zahle‘“, sagt die 54-Jährige. Je mehr Hebammen das tun, umso schwieriger werde es für junge und werdende Mütter eine freiberufliche Geburtshelferin zu finden. Anfragen aus anderen Städten wie Wangen häufen sich inzwischen bei der in Leutkirch ansässigen Hebamme. Diesen Zustand will Schenkel nicht hinnehmen. Sie beteiligt sich an den Streiks, zu denen der Deutsche Hebammenverband aufruft. Anfang Dezember lässt sie wie viele ihrer Kolleginnen ihre Arbeit ruhen und protestiert auf den Straßen von Wangen. „Wir wollen eine angemessene Entlohnung für all unsere Tätigkeiten und für die Verantwortung, die wir tragen“, sagt sie. Solange es die nicht gibt, wird sie keine Geburt mehr begleiten.
Auch nicht die von Sandra Bucks Kind. Die werdende Mutter versteht die Forderungen ihrer Hebamme. Trotzdem hätte sie Sabine Schenkel gern bei der Geburt ihres zweiten Kindes an ihrer Seite gehabt. Nun wird sie in einer Klinik entbinden, bei einer anderen Hebamme. Eine, die ihr nicht so vetraut sein wird, wie die Frau, die sie seit Beginn ihrer Schwangerschaft betreut hat.
(Erschienen: 20.12.2010 07:30)
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