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Justizminister schießt aus „Jux und Tollerei“

Justizminister Ulrich Goll will seine Waffen behalten.
Justizminister Ulrich Goll will seine Waffen behalten.

STUTTGART sz Die Debatte über den bewaffneten baden-württembergischen Justizminister Ulrich Goll nimmt groteske Züge an. Bei der „Regierungsbefragung“ gestern im Landtag versicherte der FDP-Politiker, die Bürger müssten vor ihm keine Angst haben. Was er verschwieg: Er greift auch aus „Jux und Tollerei“ zur Pistole.

Von unserem Redakteur  Andreas Schanz

Den ins politische Schussfeld geratenen Vize-Ministerpräsidenten erwartet ein Feuerwerk. Nächsten Dienstag eilt Bundesaußenminister Guido Westerwelle nach Stuttgart, um Golls 60. Geburtstag zu feiern – mit 200 weiteren Gästen im Abgeordnetenhaus. „Da kommt Prominenz, dass es knallt“, betonte ein Mitarbeiter der FDP-Fraktion.

Auch am 29. Juni lässt es der bald dienstälteste Justizminister des Landes krachen. Dann nämlich hält der „liebe Alte Herr“ einen Vortrag beim Corps Hubertia – das Thema: „Die Rechtspflege als Dienstleister?“ Der pflichtschlagenden Freiburger Verbindung gehört Goll schon seit Studienzeiten an.Treibjagd ausgeübt

Sie pflegt die forstlich-jagdliche Tradition, nimmt aber auch Juristen und Mediziner auf. Die 270 Corpsbrüder tragen neben dem grünen Rock auch einen Hirschfänger. In der Hubertushütte zwischen Feldberg und Belchen werden Trophäen eigener Treibjagden präsentiert. Auch auf Tontauben wird aber gezielt.

Für den Minister ist das selbstverständlich. Schon als junger Kerl hat er auf dem Obstbaubetrieb der Familie am Bodensee „mit allem herumgeschossen“, wie Goll 1999 gegenüber Journalisten berichtete. Damals verriet er auch, dass er aus „Jux und Tollerei“ bei der Stuttgarter Polizei trainiert. Sein Bekenntnis: „Ich gehe da gern hin, es ist absolut entspannend.“

Zunächst hatte er nur deren Präsidenten Volker Haas beim Probeschießen beeindrucken wollen. Doch Goll erlag auch der „technischen Faszination“. Unter den 100 besten Schützen reihte er sich auf Platz 25 ein. Der Repräsentant der öffentlichen Gewalt stellte fest: „Ich schieße mehr als jeder Streifenpolizist.“

Seinen Personenschutz hatte er da längst aufgegeben. Bei Waldläufen im Stuttgarter Rosensteinpark war es zwar ziemlich dunkel – „dort können Sie auch als Nicht-Justizminister erschlagen werden“, erklärte Goll einst staunenden Medienvertretern. Doch er wurde es leid, von zwei Polizeiwagen mit sechs Mann begleitet zu werden.

Seine gestern im Landtag genannte Begründung: Ihn habe belastet, „junge Leute um mich herum zu wissen, die nichts anderes zu tun haben, als auf mich aufzupassen“. Der FDP-Fraktionskollege Hans-Peter Wetzel wollte das als persönlichen Sparbeitrag Golls verstanden wissen.

Dabei zählt der Justizminister durchaus zu den im Südwesten am meisten gefährdeten Personen. Schon zu Beginn seiner Amtszeit erhielt er eine Morddrohung. Der Täter sei auch wegen weiterer Delikte zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden, ließ Goll gestern wissen.

Doch der Mann liebt das Risiko – erstens politisch. Zu Beginn seiner Karriere verabredete er sich jedenfalls mit dem Kärntner Rechtsaußen Jörg Haider zu einer Motorradfahrt in den Alpen. Im Juli 1999 verschärfte er den Erlass für Ladendiebe. Nur noch bei einer Beute unter zehn Mark durften Verfahren eingestellt werden. Goll sei „der beste CDU-Justizminister, den das Land je hatte“, unkten denn auch die Grünen.

Mit hoher Drehzahl verkehrt Goll aber auch privat. Bei Ausflügen mit seiner BMW, in der Garage stehen auch zwei Harleys, nimmt er den Nachwuchs im Seitenwagen mit. Zu einer gefährlichen Begegnung sei es schon gekommen, erzählte der Zigarrenraucher und Ferrari-Besitzer, der auch ganz anders kann.

1991 sprang er in seiner Heimatgemeinde Salem beim Musikverein Mimmenhausen als Vorsitzender ein – obwohl er gar kein Instrument spielte. Denn von den Jungen habe damals keiner Verantwortung übernehmen wollen, erinnert sich Goll. Er amtierte schließlich bis 1995 und lernte, das Horn zu blasen.

In einem Tatort („Bienzle und der Tod im Teig“) spielte er sich selbst. Als Neuling im Landtag hatte sich der Mann, der das Aufzug fahren und Fliegen fürchtet, als Autor einer Kurzgeschichte über die Kollegen eingeführt. Ein Auszug: „Wenn Scheuermann die Geisel schwingt, hört man manchmal nichts als Wimmer.“

Als feinsinnig und voll von hintergründigem Humor – so hat ihn FDP-Landeschefin Birgit Homburger zum jüngsten Wiegenfest charakterisiert. Von der Landtagsopposition wurde er gestern jedoch als politischer Amokläufer eingestuft. Denn Goll bekräftigte, dass er seine zwei Handfeuerwaffen behalten will, auch um seine Frau und die mittlerweile fünf Kinder „wirksam zu schützen“.

Nach Ansicht der SPD untergräbt der „Minister für Selbstjustiz“ das Vertrauen in die Polizei und stellt die staatliche Autorität in Frage. Durch das Bild des „letzten heldenhaften Rockers“ sehen die Grünen zudem das Ansehen des Landes gefährdet. Ihr Motto: „Ohne Rüstung leben“.

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