Baden-Württemberg
Der Spatenstich für die ICE-Trasse Wendlingen – Ulm steht im Herbst an

Von unserem Redakteur Andreas Schanz
Die Baugenehmigung des Eisenbahn-Bundesamtes für den Albaufstieg („Abschnitt 2.2“) liegt zwar noch nicht vor. Doch beim Schienenkonzern wird schon der Sekt kalt gestellt. An einer Brücke bei Aichelberg (Kreis Göppingen) soll im Herbst die neue ICE-Strecke begonnen werden, war am Donnerstag in Stuttgart zu erfahren. Im Hauptbahnhof wurde die Bauphase ja schon am 2. Februar eröffnet.
Zugleich hat Projektsprecher Wolfgang Drexler versichert, 2020 werde die erste Schnellbahn nach Bratislava fahren. Allerdings dürften die bisher auf zwei Milliarden Euro veranschlagten Kosten für die Strecke stark überschritten werden, ist aus Regierungskreisen zu erfahren. Denn sie beruhen noch auf dem Preis- und Planungsstand von 2004.
Grüne lassen Kosten prüfen
Vom Bundesverkehrsministerium schon für Ende Juli angekündigt war eine neue Kosten-Nutzen-Rechnung für die Trasse entlang der Autobahn A8. Doch sie wird inzwischen nicht vor September erwartet. Die Landtags-Grünen wollen eine eigene Untersuchung erstellen, der Auftrag soll kommende Woche vergeben werden.
Dass das Land 950 Millionen Euro beisteuert, weil die Bahn sonst erst 2016 mit dem Bau über die Alb begonnen hätte, hält Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann für unverantwortlich – wie einst Erwin Teufel. Kretschmann ist zugleich davon überzeugt, dass sich die Bauzeit wegen der maroden öffentlichen Haushalte auf 20 Jahre verdoppeln wird.
Indes verschärft sich der Streit um „Stuttgart 21“. Die Projektgegner wittern Morgenluft. Denn Bauarbeiter haben auf dem Gleisvorfeld ein wichtiges Signal demontiert, das den S-Bahn-Führern seit 1978 durch Fahren auf Sicht kurze Abstände erlaubte. Die Folge: Eine Linie muss zur Hauptverkehrszeit um die City herum geführt werden, was auch den übrigen Fahrplan im Hauptbahnhof stört.
Bis zum Ende der Sommerferien ist keine Abhilfe zu schaffen. „Das ist das erste Anzeichen dafür, was das Projekt tatsächlich bringt“, betont SÖS-Stadtrat Gangolf Stocker, der seit den 80er-Jahren gegen „Stuttgart 21“ kämpft. Bahnchef Rüdiger Grube hat „Fehleinschätzungen“ eingeräumt.
Seine Gegner saugen auch Honig aus einer bisher unbekannten Studie für ein neues Regionalverkehrskonzept des Landes ab 2020. Ein Züricher Ingenieurbüro stellte 2008 nicht nur fest, dass die von der Bahn versprochenen Fahrtzeitengewinne um bis zu vier Minuten zu hoch liegen. Beim Nahverkehr drohen im Tiefbahnhof zudem längere Standzeiten.
Die Gutachter identifizierten auch andere „Schwierigkeiten, Engpässe und Schwachstellen“ beim Betriebsablauf, wie Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) gestern bestätigte. Als problematisch gilt insbesondere die sogenannte Wendlinger Kurve mit „Konflikten“ zwischen Fern- und Regionalverkehr. Gönners Experten und der Stuttgarter Verkehrswissenschaftler Ulrich Martin glauben aber, die „anspruchsvollen“ Aufgaben bewältigen zu können.
Bemerkenswert ist freilich, dass die Stellungnahme der Fahrplan-Regisseure zu den Züricher Ermittlungen schon Hinweise auf „Erweiterungsoptionen“ bei der Schieneninfrastruktur enthält. Beispielweise könne der Tiefbahnhof eines Tages von acht auf zehn Gleise ausgebaut werden.
Großdemo am Samstag
Die Kritiker des Baus sammeln am Samstag ihre Truppen. In vier Sternmärschen wollen sie sich im Schlossgarten treffen, die „Parkschützer“ rechnen mit mehr als 10000 Teilnehmern. „Da zeigen wir, dass wir uns am Tag X zwischen Baumfäller und Bäume und zwischen Bagger und Bahnhofsgebäude stellen werden“, warnt ihr Vorkämpfer Klaus Gebhard.
Der harte Konflikt rückt näher. Am kommenden Dienstag will Bahn-Projektsprecher Wolfgang Drexler bekannt geben, wann der Nordflügel des Bonatzbaus abgerissen wird. Dass die 282 Bäume im Schlossgarten noch vor der Landtagswahl am 27. März 2011 fallen, hält Drexlers Gegenspieler Gangolf Stocker aber für ausgeschlossen.
Er will mit seinen Mitstreitern verdeutlichen, dass das Vorhaben im Herzen der Stadt „nicht durchzuhalten ist“, wie er in einem Interview mit dem Fernsehsender „Regio TV“ hervorhob. Drexler kann den anhaltenden Protest nicht nachvollziehen. Seine Diagnose: „Man könnte denken, in Stuttgart wird ein Atomendlager gebaut.“ Seiner festen Überzeugung nach ist das Schienen-Großprojekt längst „nicht mehr rückholbar“.
(Erschienen: 08.07.2010 23:00)

Von unserem Redakteur Andreas Schanz
Die Baugenehmigung des Eisenbahn-Bundesamtes für den Albaufstieg („Abschnitt 2.2“) liegt zwar noch nicht vor. Doch beim Schienenkonzern wird schon der Sekt kalt gestellt. An einer Brücke bei Aichelberg (Kreis Göppingen) soll im Herbst die neue ICE-Strecke begonnen werden, war am Donnerstag in Stuttgart zu erfahren. Im Hauptbahnhof wurde die Bauphase ja schon am 2. Februar eröffnet.
Zugleich hat Projektsprecher Wolfgang Drexler versichert, 2020 werde die erste Schnellbahn nach Bratislava fahren. Allerdings dürften die bisher auf zwei Milliarden Euro veranschlagten Kosten für die Strecke stark überschritten werden, ist aus Regierungskreisen zu erfahren. Denn sie beruhen noch auf dem Preis- und Planungsstand von 2004.
Grüne lassen Kosten prüfen
Vom Bundesverkehrsministerium schon für Ende Juli angekündigt war eine neue Kosten-Nutzen-Rechnung für die Trasse entlang der Autobahn A8. Doch sie wird inzwischen nicht vor September erwartet. Die Landtags-Grünen wollen eine eigene Untersuchung erstellen, der Auftrag soll kommende Woche vergeben werden.
Dass das Land 950 Millionen Euro beisteuert, weil die Bahn sonst erst 2016 mit dem Bau über die Alb begonnen hätte, hält Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann für unverantwortlich – wie einst Erwin Teufel. Kretschmann ist zugleich davon überzeugt, dass sich die Bauzeit wegen der maroden öffentlichen Haushalte auf 20 Jahre verdoppeln wird.
Indes verschärft sich der Streit um „Stuttgart 21“. Die Projektgegner wittern Morgenluft. Denn Bauarbeiter haben auf dem Gleisvorfeld ein wichtiges Signal demontiert, das den S-Bahn-Führern seit 1978 durch Fahren auf Sicht kurze Abstände erlaubte. Die Folge: Eine Linie muss zur Hauptverkehrszeit um die City herum geführt werden, was auch den übrigen Fahrplan im Hauptbahnhof stört.
Bis zum Ende der Sommerferien ist keine Abhilfe zu schaffen. „Das ist das erste Anzeichen dafür, was das Projekt tatsächlich bringt“, betont SÖS-Stadtrat Gangolf Stocker, der seit den 80er-Jahren gegen „Stuttgart 21“ kämpft. Bahnchef Rüdiger Grube hat „Fehleinschätzungen“ eingeräumt.
Seine Gegner saugen auch Honig aus einer bisher unbekannten Studie für ein neues Regionalverkehrskonzept des Landes ab 2020. Ein Züricher Ingenieurbüro stellte 2008 nicht nur fest, dass die von der Bahn versprochenen Fahrtzeitengewinne um bis zu vier Minuten zu hoch liegen. Beim Nahverkehr drohen im Tiefbahnhof zudem längere Standzeiten.
Die Gutachter identifizierten auch andere „Schwierigkeiten, Engpässe und Schwachstellen“ beim Betriebsablauf, wie Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) gestern bestätigte. Als problematisch gilt insbesondere die sogenannte Wendlinger Kurve mit „Konflikten“ zwischen Fern- und Regionalverkehr. Gönners Experten und der Stuttgarter Verkehrswissenschaftler Ulrich Martin glauben aber, die „anspruchsvollen“ Aufgaben bewältigen zu können.
Bemerkenswert ist freilich, dass die Stellungnahme der Fahrplan-Regisseure zu den Züricher Ermittlungen schon Hinweise auf „Erweiterungsoptionen“ bei der Schieneninfrastruktur enthält. Beispielweise könne der Tiefbahnhof eines Tages von acht auf zehn Gleise ausgebaut werden.
Großdemo am Samstag
Die Kritiker des Baus sammeln am Samstag ihre Truppen. In vier Sternmärschen wollen sie sich im Schlossgarten treffen, die „Parkschützer“ rechnen mit mehr als 10000 Teilnehmern. „Da zeigen wir, dass wir uns am Tag X zwischen Baumfäller und Bäume und zwischen Bagger und Bahnhofsgebäude stellen werden“, warnt ihr Vorkämpfer Klaus Gebhard.
Der harte Konflikt rückt näher. Am kommenden Dienstag will Bahn-Projektsprecher Wolfgang Drexler bekannt geben, wann der Nordflügel des Bonatzbaus abgerissen wird. Dass die 282 Bäume im Schlossgarten noch vor der Landtagswahl am 27. März 2011 fallen, hält Drexlers Gegenspieler Gangolf Stocker aber für ausgeschlossen.
Er will mit seinen Mitstreitern verdeutlichen, dass das Vorhaben im Herzen der Stadt „nicht durchzuhalten ist“, wie er in einem Interview mit dem Fernsehsender „Regio TV“ hervorhob. Drexler kann den anhaltenden Protest nicht nachvollziehen. Seine Diagnose: „Man könnte denken, in Stuttgart wird ein Atomendlager gebaut.“ Seiner festen Überzeugung nach ist das Schienen-Großprojekt längst „nicht mehr rückholbar“.
(Erschienen: 08.07.2010 23:00)
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