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Ravensburg
Baden-Württemberg

Das kleine Oberschwaben in Rumänien

Vor 300 Jahren zogen Siedler ins Sathmarer Land – Der schwäbische Dialekt wird heute kaum noch gesprochen
Ein Pferdefuhrwerk transportiert Holzstämme – keine Seltenheit im Sathmarer Land. Das Ortsschild des schwäbischen Dorfes Maitingen ist dreisprachig: Rumänisch (Moftinu Mare) ist die Amtssprache, Ungarisch (Nagymajtény) die dominierende Sprache der
Volker Strähle

Sathmar vst Die Hauptstadt des Schwabenlandes heißt nicht Stuttgart, sondern Satu Mare – auf deutsch Sathmar. Das kleine Schwabenland liegt im Nordwesten Rumäniens und ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Vor 300 Jahren haben sich hier oberschwäbische Siedler angesiedelt. Ihre Nachfahren sprechen meist ungarisch, doch einige von ihnen reden bis heute schwäbisch untereinander.

Die Suche nach den letzten echten Schwaben beginnt in Petrifeld. Mitten im Dorf steht eine Kirche mit Zwiebelturm, die Glocken schlagen zur zwölften Stunde. Ein Pferd wartet auf seinen Einsatz bei der Maisernte. Kein Mensch ist auf den Straßen zu sehen, die Schwaben haben sich offenbar in ihren Höfen verkrochen.

Strudel ist das Nationalgericht der Sathmarer Schwaben

„Grüß Gott“, ruft Maria Nagy von der Veranda ihres Hauses, die von Wein umrankt ist. Die kräftige Frau rollt gerade Teig auf einem großen Nudelholz aus. „Ich mache Strudel“, verkündet sie. Strudel – oder Strudli – ist so etwas wie das Nationalgericht der Sathmarer Schwaben: Die mit Pflaumenmarmelade, Kartoffeln oder Quark gefüllten Teigtaschen werden in Öl frittiert und zu jeder Tageszeit gegessen.

Die 60-Jährige ist die bekannteste Schwäbin im Dorf. 18 Jahre lang, von 1990 bis 2008, war sie Bürgermeisterin von Petrifeld – für das „Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien“, in dem die Schwaben organisiert sind. „Als Mädchen habe ich Rimili geheißen“, sagt sie. Der Name geht auf den oberschwäbischen Zunamen Rimmele zurück und stammt aus Unterwaldhausen im Kreis Ravensburg, woher ihre Vorfahren einst kamen. Verheiratet ist sie mit Francisc Nagy, der aus einer ungarisch-rumänischen Familie stammt. In den 1980er-Jahren war eine solche Verbindung eher ungewöhnlich. Die katholischen Schwaben heirateten untereinander, hielten sich von den reformierten Ungarn und den orthodoxen Rumänen fern.

Ein Leben zwischen Deutschland und Rumänien

Als Maria Nagy vor das Haus tritt, begegnet sie dem alten Nachbarn von gegenüber. Er scheint etwas verwirrt, erkundigt sich nach der Uhrzeit: „Hot’s scho zwelfi g’litta?“, will er in breitestem Schwäbisch wissen. Auf der anderen Seite des Gartenzauns schneidet das Ehepaar Pfeiffer Trauben von den Weinstöcken. Eigentlich leben die beiden in Deutschland, während des Umbruchs 1989 sind sie nach Kaufering in Bayern gezogen. Die Sommermonate verbringen sie in ihrer alten Heimat, kümmern sich um Hof und Garten. So machen es viele Schwaben, die in den vergangenen 25 Jahren ausgewandert sind. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes setzte eine große Auswanderungswelle ein, die meisten Deutschsprachigen verließen Rumänien. Wie lange die Pfeiffers ihre Sommeraufenthalte in der alten Heimat aufrechterhalten können, wissen sie nicht. „Wenn einer krank wird, dann isch’s aus“, sagt der 72-jährige Mann.

„Nach dem Krieg, da war ein Bruch“

Tibi Pfeiffer spricht das kernige Sathmarschwäbisch, das an den Dialekt der oberschwäbischen Bauern erinnert: „Er isch gsai“ für „Er ist gewesen“ und „I hon“ für „Ich habe“. Mit seiner Frau redet er ungarisch, obwohl sie Schwäbin ist und ebenfalls aus Petrifeld stammt. Sie ist 1944 geboren, nur vier Jahre nach ihm. „Nach dem Krieg, da war ein Bruch“, sagt Tibi Pfeiffer. Er meint damit das Trauma der Sathmarer Schwaben: 1945 wurden 5300 junge Menschen in die Sowjetunion deportiert, sie sollten die deutsche Kriegsschuld abtragen. Fast 1000 von ihnen überlebten die fünf Jahre dauernde Zwangsarbeit nicht. Wenn die Kinder nicht mehr deutsch sprächen, bliebe ihnen neues Leid erspart, hofften viele Eltern und redeten mit ihren Kindern nur noch ungarisch – die hier vorherrschende Sprache.

Der nordwestliche Zipfel Rumäniens zeichnet sich durch endlose Weiten aus, Maisacker reiht sich an Maisacker. Die 20 Dörfer, in denen seit drei Jahrhunderten Schwaben leben, liegen weit auseinander. In Petrifeld gaben bei der letzten Volkszählung im Jahr 2011 28 Prozent der Einwohner an, deutscher oder schwäbischer Nationalität zu sein. Die wenigsten von ihnen sprechen tatsächlich deutsch – „deutscher Nationalität“ zu sein kann schlichtweg bedeuten, einen schwäbischen Familiennamen zu tragen und katholisch zu sein. Andere Schwäbischstämmige lassen sich wegen ihrer Muttersprache als Ungarn registrieren.

Das Ungarische setzte sich durch

Fienen liegt rund zehn Kilometer von Petrifeld entfernt. Laut Statistik sind 21 Prozent der Einwohner Schwaben. Einer von ihnen ist Czaba Knecht, der mit seinem blassrosa Hemd in der Dorfkneipe sitzt. Der 36-Jährige hat es als Geschäftsführer der Polstermöbelfabrik zu etwas gebracht. Mit am Tisch sitzt sein Schwager Zsolt Czier im bunt gestreiften Hemd, er kommt als Instrumentenreparateur gerade so über die Runden. Während Knecht erzählt, hört Czier zu. „Hier redet niemand mehr schwäbisch“, sagt Knecht. „Das ganze Dorf spricht Ungarisch.“ Die Politik der Magyarisierung – der Anpassung an das Ungarische – war sehr erfolgreich.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte der ungarische Nationalstaat, die deutsche Sprache zu verdrängen. Pfarrer predigten nur noch ungarisch, an den Schulen war deutsch verpönt. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Dörfer, in denen die Schwaben nur noch ungarisch sprachen. Als die Sathmarer Gegend 1920 von Ungarn an Rumänien ging, wurde das Deutsche zulasten des Ungarischen gefördert: In den Schulen gab es plötzlich wieder deutschsprachige Klassen. Damit war nach dem Zweiten Weltkrieg Schluss. Das kommunistische Rumänien verwies zwar gerne auf die Förderung der Minderheitenrechte – in der Realität wurde der deutsche Schulunterricht jedoch stark eingeschränkt.

Schwäbischer Fleiß bei rumänischen Löhnen

Czaba Knecht und Zsolt Czier stoßen mit ihren Biergläsern an: „Prost.“ Dass die beiden bestes Hochdeutsch sprechen, hat vor allem damit zu tun, dass sie länger in Deutschland gearbeitet haben. Die von Knecht und einem weiteren Geschäftsführer geleitete Polstermöbelfabrik Polipol beschäftigt im Ort 640 Menschen. Die deutsche Mutterfirma hat laut Knecht bewusst Fienen als Produktionsort gewählt: „Kriterium war es, deutschstämmige Mitarbeiter zu finden“, sagt er. „Die Leute haben noch den schwäbischen Fleiß.“ Die Löhne freilich haben rumänisches Niveau – kaum jemand verdient 200 Euro im Monat.

Zsolt Czier ist Dirigent der Blaskapelle im Dorf, Musiklehrer und Instrumentenreparateur. Er will die schwäbische Blasmusik fördern, weshalb er die Noten in Oberschwaben einkauft. „Jedes Jahr bin ich in Rot an der Rot beim Musikverlag Rundel“, erzählt Czier. Sein Traum ist es, eine Art Blasmusikunternehmer zu werden und eine Musikschule aufzubauen.

Jahrhundertelang lebten die Schwaben in den Dörfern um Sathmar weitgehend unter sich. In den vergangenen Jahrzehnten ist ein großer Teil nach Deutschland ausgewandert – Rumänen und Roma kamen in die Dörfer. Seit der Industrialisierung in den 70-ern sind zudem viele Schwaben von den Dörfern in die Stadt Sathmar gezogen. Die wichtigsten Einrichtungen der Schwaben befinden sich heute dort – deutsche Kirche, Schule und das Forum.

Sonntag, 10 Uhr. In der Kalvarienkirche von Sathmar feiern die Schwaben ihre Messe – auf deutsch. Pfarrer Tiberius Schupler kritisiert die Phärisäer unter den Christen: „Von außen sind sie Christen, von innen sind sie Heiden.“ Die Predigt ist zweisprachig, wegen der Familienmitglieder, die kein Deutsch verstehen. „Sechs Minuten predige ich auf Deutsch, vier Minuten auf ungarisch“, sagt der Pfarrer nach dem Gottesdienst. „Wir haben das gute Prinzip: kurze Predigt, lange Wurst“, scherzt er.

Deutsche Schule hat großen Zulauf

Das Johann-Ettinger-Lyzeum ist die deutschsprachige Schule in Sathmar, sie besteht seit 1996. Derzeit werden 600 Schüler unterrichtet – Tendenz steigend. Die Lehrerin Gabriela Rist erklärt, dass die Schule großen Zulauf habe – „nicht nur bei Schwaben, auch bei Ungarn und Rumänen“. Die Beherrschung der deutschen Sprache verheißt gute Zukunftschancen im vereinten Europa.

Die 41-jährige Lehrerin arbeitet nebenberuflich als Journalistin für die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ und die monatlich erscheinende „Schwabenpost“. Die Zeitungen werden vom „Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien“ herausgegeben. Nach dem Umbruch 1989 gegründet, ist das Forum zur dominierenden Organisation der rumänischen Schwaben geworden. Das Forum stellt als politische Partei sieben Bürgermeister im Kreis Sathmar, unterhält eine Stiftung zur Wirtschaftsförderung und organisiert die Jugend- und Kulturarbeit. Unterstützt wird das Forum nicht nur vom rumänischen Staat, sondern auch aus Oberschwaben.

Hilfe für Sathmar kommt aus Ravensburg

Helmut Berger lebt seit 1973 in Ravensburg. Damals hat der Lehrer das Sathmarer Land verlassen und ist in die Urheimat seiner Vorfahren ausgewandert. „Ohne unsere Hilfe wäre das alles nicht aufgebaut worden“, sagt er über das Forum. Der 68-Jährige ist Vorsitzender des Vereins der Sathmarer Schwaben, die eine Landsmannschaft innerhalb des Bundes der Vertriebenen bilden – obwohl sie nach dem Zweiten Weltkrieg selber nicht vertrieben wurden. Nachdem die Auswanderungswelle der 90er-Jahre abgeebbt ist, glaubt Berner an eine Zukunft der Sathmarer Schwaben in Rumänien. Schwäbisch werden diese Schwaben allerdings nicht mehr sprechen: „Die oberschwäbische Mundart stirbt aus", sagt er ganz ohne Melancholie. „Maximal 20 Jahre, dann ist es vorbei.“

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