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Bei der Gedenkfeier geht der Blick in die Zukunft

Bei der Gedenkfeier geht der Blick in die Zukunft
Bei der Gedenkfeier geht der Blick in die Zukunft

Winnenden / sz Die Gedenkfeier zum Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden und Wendlingen ist so ruhig und andächtig verlaufen, wie sich die Betroffenen das gewünscht hatten. Nicht zuletzt der Schnee sorgte dafür, dass viele traumatische Bilder des 11. März 2009 überdeckt wurden.

Von unserem Redakteur  Armin Kübler

Die Organisatoren in Winnenden hatten sich größte Mühe gegeben, am Ort der schrecklichen Tat nicht die gleichen Eindrücke wie vor einem Jahr entstehen zu lassen. Alles, was bei den Angehörigen und den Schülern das Trauma des Erlebten wieder verstärken könnte, sollte vermieden werden. So wurde trotz hoher Sicherheitsanforderungen auf eine sichtbare Polizeipräsenz verzichtet. Die Übertragungswagen der TV-Stationen, die vor einem Jahr zu Dutzenden vor der Schule parkten, mussten weit entfernt abgestellt werden. Und es gab auch keine rot-weißen Absperrbänder, die damals den Tatort abriegelten. Das Wetter spielte den Organisatoren zusätzlich in die Hände. Statt blauem Himmel und Sonnenschein wie am 11. März 2009 war das Gelände rund um die Albertville-Realschule und auch die Schirme der knapp 1500 Gäste von Schnee bedeckt.

Manches erinnerte dennoch an die Stunden nach dem Amoklauf des 17-jährigen Tim K. So lagen sich auch gestern wieder junge Menschen in den Armen, um sich gegenseitig zu trösten. Als Bundespräsident Horst Köhler die Namen der 15 Opfer einzeln vorlas, wanderte ein Schluchzen durch die Menge. Dort wo die Angehörigen und Freunde des genannten Toten zusammenstanden, wurde es lauter.

Die Schüler der Albertville-Realschule, die die Gedenkfeier wochenlang vorbereitet hatten, wünschten sich möglichst wenige Redebeiträge. So war Bundespräsident Horst Köhler der einzige Politiker, der zu Wort kam. Bei der Trauerfeier wenige Tage nach dem Amoklauf hatte er heftig mit den Tränen gerungen. Diesmal sprach er gefasst. Aber es gelang ihm wieder, die Gefühlslage der Menschen in Winnenden zu treffen. „Dieser Tag steht dafür, dass alles anders ist, als es vorher war.“ Viel Schlimmes und Leid habe im vergangenen Jahr geteilt werden müssen. Doch Köhler versuchte auch Mut zu machen. „Was jetzt ist, ist so viel mehr als nichts.“

Köhler beschränkte sich allerdings nicht auf die Beschreibung der Gefühlslage. Er forderte eine weitere Verschärfung beim Waffenrecht. Gefährdete Menschen dürften nicht an Schusswaffen gelangen. Auch zu den umstrittenen Gewaltspielen für Computer äußerte er sich: „Wir müssen uns gegen eine drohende Verrohung der Gesellschaft zur Wehr setzen und Grenzen ziehen.“„Ihr seid alle so stark“

Als Astrid Hahn ans Mikrofon tritt, geht ein Raunen durch die Menge. Niemand steht so sehr für den Kampf, den die Albertville-Realschule seit einem Jahr gegen die Folgen des Amoklaufs führt, wie die tapfere Rektorin. Mit bebender Stimme wendet sich Hahn an ihre Schüler: „Ihr seid alle so stark.“

Das Motto der Gedenkfeier war der „Weg in die Zukunft“. Ausgehend von einem Kreis aus Steinplatten, mit den Namen der Opfer, legten zunächst die Schüler und die Ehrengäste symbolisch diesen Weg aus weißen Kieselsteinen. „Der Weg wird verschlungen und mühsam sein“, sagte Hahn. Zum Schluss der Gedenkfeier forderte sie die Besucher auf, selbst einen Stein zu nehmen, eine Botschaft darauf zu schreiben und ihn niederzulegen. „Sie können mit uns diesen Weg bauen.“ Von Minute zu Minute wurden mehr Kieselsteine aneinandergereiht. Meist waren auf ihnen nur einzelne Worte zu lesen: „Liebe“, „Hoffnung“, „Freude“. Mit den dicken Filzstiften, die Schüler reichten, wurden aber auch die Namen der Opfer auf den Steinen hinterlassen.

Den Medienvertretern waren für die Gedenkfeier in Winnenden Verhaltensregeln auferlegt worden. So sollten sie die trauernden Gäste nicht ansprechen, und Gesichter von Menschen, die weinen, sollten nicht fotografiert oder gefilmt werden. Auch Bundespräsident Köhler sprach die Rolle der Medien an. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass explizite Beschreibungen der Umstände von Amokläufen und der Täter, Nachahmer auf den Plan riefen. Er forderte daher einen „medienübergreifenden Pressekodex im Geist der Prävention“.

(Erschienen: 12.03.2010 06:35)

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