Stadtnachrichten Sigmaringen
Ergreifend: Die Welle geht durch Mark und Bein

Eigentlich ist die Geschichte, die im Theaterstück „Die Welle“ erzählt wird, bekannt: Der amerikanische Geschichtslehrer Ron Jones machte in den 60er-Jahren mit seinen Schülern ein Experiment, um ihnen zu beweisen, dass Faschismus in jedem steckt und kein deutsches Phänomen an sich ist. Die überaus gelungene Inszenierung von Nadja Kiesewetter und die beeindruckende schauspielerische Leistung der Jugendlichen haben das Publikum beeindruckt – und gleichzeitig in höchstem Maß erschüttert.
Jugendlich-spontane Dialoge
Die Inszenierung ist gekonnt ausgedacht. Ganz kurze Szenen spielen sich in hohem Tempo ab. Die Dialoge sind jugendlich-spontan, zeichnen die unterschiedlichen Charaktere detailliert nach und bringen die Entwicklung gut voran. Grelles Licht folgt dem Dunkel, während die Bühne umgestaltet wird. Requisiten werden gekonnt sparsam eingesetzt: Schulbänke für die Klasse, Tischdecke für die private Wohnung des Lehrers, gewöhnliche Stühle im Aufenthaltsraum der Schule. Die Kostüme sind zeitgemäß und unterstreichen perfekt die Persönlichkeiten.
Regisseurin Nadja Kiesewetter setzt zudem verschiedene interessante Mittel ein. Nachdem etwa ein jüdischer Mitschüler von den Mitgliedern der Welle zusammengeschlagen wird, überreicht er Schülerin Laurie, Chefredakteurin der Schülerzeitung, einen Leserbrief, in dem er erzählt, was passiert ist. Der Junge trägt eine Kapuze, sein Gesicht bleibt im Schatten, die Szene ist stumm. Sie ist dermaßen stark, dass der Applaus – der sonst nach jeder Szene einsetzt – zunächst ausbleibt, bis sich das Publikum wieder fasst und kurz vor der nächsten Szene applaudiert.
In Laurie wächst derweil Widerstand. Sie trägt die Bewegung der Welle nicht mit und gerät ins Abseits. Sie veröffentlicht einen Artikel gegen die Welle. Auch diese Szene ist unglaublich gut durchdacht: Laurie liest auf einer Seite der Bühne unter einem Lichtstrahl ihren Text, der von ihren Lesern – den Mitschülern auf der anderen Seite der Bühne – übernommen und weitergelesen wird. Das Licht wechselt zu ihnen. Laurie bleibt im Dunkel. Die Gewalt eskaliert.
Ein Außenseiter wird ganz groß
Spannend ist auch, wie der Außenseiter der Klasse zu Hochform aufläuft. Atemberaubend ist, wie schnell sich die Welle verselbstständigt und alle mitreißt. Fast alle. Erschüttert schaut das Publikum zu, wie die Logik des Faschismus Menschen in die Mitte der Gesellschaft rückt und andere brutal an den Rand wirft. Die letzte Szene, in der dem Alptraum endlich ein Ende gesetzt wird, ist kurz, knapp, heftig.
Der Vorstand der Waldbühne, Walter Kordovan, hatte also gut daran getan, dem Publikum in seiner Begrüßung nicht „viel Spaß“ zu wünschen – sondern die Besucher aufzufordern, sich beeindrucken zu lassen. Das ist den jungen begabten Schauspielern und ihrer Regisseurin absolut gelungen.
(Erschienen: 10.01.2011 09:55)

Eigentlich ist die Geschichte, die im Theaterstück „Die Welle“ erzählt wird, bekannt: Der amerikanische Geschichtslehrer Ron Jones machte in den 60er-Jahren mit seinen Schülern ein Experiment, um ihnen zu beweisen, dass Faschismus in jedem steckt und kein deutsches Phänomen an sich ist. Die überaus gelungene Inszenierung von Nadja Kiesewetter und die beeindruckende schauspielerische Leistung der Jugendlichen haben das Publikum beeindruckt – und gleichzeitig in höchstem Maß erschüttert.
Jugendlich-spontane Dialoge
Die Inszenierung ist gekonnt ausgedacht. Ganz kurze Szenen spielen sich in hohem Tempo ab. Die Dialoge sind jugendlich-spontan, zeichnen die unterschiedlichen Charaktere detailliert nach und bringen die Entwicklung gut voran. Grelles Licht folgt dem Dunkel, während die Bühne umgestaltet wird. Requisiten werden gekonnt sparsam eingesetzt: Schulbänke für die Klasse, Tischdecke für die private Wohnung des Lehrers, gewöhnliche Stühle im Aufenthaltsraum der Schule. Die Kostüme sind zeitgemäß und unterstreichen perfekt die Persönlichkeiten.
Regisseurin Nadja Kiesewetter setzt zudem verschiedene interessante Mittel ein. Nachdem etwa ein jüdischer Mitschüler von den Mitgliedern der Welle zusammengeschlagen wird, überreicht er Schülerin Laurie, Chefredakteurin der Schülerzeitung, einen Leserbrief, in dem er erzählt, was passiert ist. Der Junge trägt eine Kapuze, sein Gesicht bleibt im Schatten, die Szene ist stumm. Sie ist dermaßen stark, dass der Applaus – der sonst nach jeder Szene einsetzt – zunächst ausbleibt, bis sich das Publikum wieder fasst und kurz vor der nächsten Szene applaudiert.
In Laurie wächst derweil Widerstand. Sie trägt die Bewegung der Welle nicht mit und gerät ins Abseits. Sie veröffentlicht einen Artikel gegen die Welle. Auch diese Szene ist unglaublich gut durchdacht: Laurie liest auf einer Seite der Bühne unter einem Lichtstrahl ihren Text, der von ihren Lesern – den Mitschülern auf der anderen Seite der Bühne – übernommen und weitergelesen wird. Das Licht wechselt zu ihnen. Laurie bleibt im Dunkel. Die Gewalt eskaliert.
Ein Außenseiter wird ganz groß
Spannend ist auch, wie der Außenseiter der Klasse zu Hochform aufläuft. Atemberaubend ist, wie schnell sich die Welle verselbstständigt und alle mitreißt. Fast alle. Erschüttert schaut das Publikum zu, wie die Logik des Faschismus Menschen in die Mitte der Gesellschaft rückt und andere brutal an den Rand wirft. Die letzte Szene, in der dem Alptraum endlich ein Ende gesetzt wird, ist kurz, knapp, heftig.
Der Vorstand der Waldbühne, Walter Kordovan, hatte also gut daran getan, dem Publikum in seiner Begrüßung nicht „viel Spaß“ zu wünschen – sondern die Besucher aufzufordern, sich beeindrucken zu lassen. Das ist den jungen begabten Schauspielern und ihrer Regisseurin absolut gelungen.
(Erschienen: 10.01.2011 09:55)

































