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Im Ried wächst der Urwald von morgen

Mit mehr als 440 Hektar ist der Forst der größte zusammenhängende Bannwald Baden-Württembergs
Forst-Fachmann Walter Jäger erklärt Ministerialdirektor Wolfgang Reimer, Regierungspräsident Hermann Strampfer und  Martin Strittmatter, Leiter der Forstdirektion Tübingen, die Bedeutung des Bannwaldes.
Forst-Fachmann Walter Jäger erklärt Ministerialdirektor Wolfgang Reimer, Regierungspräsident Hermann Strampfer und Martin Strittmatter, Leiter der Forstdirektion Tübingen, die Bedeutung des Bannwaldes. (Foto: Julia Freyda)

Von Julia Freyda

Ostrach Unberührtheit und Öffentlichkeit sollen im neuen Bannwald miteinander verknüpft werden. Denn eigentlich ist ein Bannwald für den Menschen tabu. Doch mitten im Schutzgebiet verlaufen Wanderwege und laden Aussichtsplattformen ein, den Wald in seiner natürlichen Eigendynamik zu erleben. „Das eröffnet den Besuchern die Möglichkeit zur direkten Begegnung mit dem Naturschutz“, sagte Regierungspräsident Hermann Strampfer. Mit seiner Unterschrift wies er am Donnerstagnachmittag ein rund 440 Hektar großes Areal offiziell als Bannwald aus. „Mit dem neuen Bannwald und dem Moorkonzept ist hier ein Meilenstein in der Geschichte des Naturschutzes gesetzt“, sagte Wolfgang Reimer, Ministerialdirektor im Ministerium für Ländlichen Raum.

In jahrelanger Vorarbeit haben die Forstdirektion des Regierungspräsidiums in Tübingen und der Fachbereich Forst des Landratsamts Sigmaringen die Schaffung des Bannwaldes geplant und Flächen im Pfrunger-Burgweiler Ried aufgekauft. Bereits seit 20 Jahren ist rund 188 Hektar Wald am Großen Trauben als Bannwald ausgewiesen. Nun sind die Bereiche Obere Schnöden, Tisch, Hornung und Weites Ried hinzugekommen. „Das ist ein weiterer Beitrag zur Stabilisierung des Rieds und zur touristischen Erschließung“, freute sich der Erste Landesbeamte des Landkreises Sigmaringen Rolf Vögtle. Ostrachs Bürgermeister Christoph Schulz ist stolz auf das große Schutzgebiet: „Es liegt komplett auf unserer Gemarkung.“

Und um jegliche Einflüsse zu vermeiden, wird die Nutzung oder Bewirtschaftung des Waldes komplett eingestellt. Wenn künftig Bäume absterben oder umstürzen, werden sie einfach liegen bleiben. „Der Mensch wird keinerlei Eingriff nehmen“, betont Walter Jäger, Leiter des Forstbezirks Oberland im Landratsamt Sigmaringen. „Sondern nur beobachten, wie sich der Wald entwickelt.“ Den Wald sich selbst zu überlassen, schaffe auch neue Lebensräume. Denn während im Nutzwald tote Bäume weggeschafft werden, bleiben sie im Bannwald liegen. „Und gerade dieses Totholz fehlt manchen Tierarten als Lebensraum.“

Doch die Ausweisung zum Bannwald geschieht nicht allein aus Naturschutzgründen. Bannwald bedeute zwar, dass man sich nur auf den Wegen durch den Forst bewegen darf. „Aber Ziel ist auch, den Wandel des Waldes in seiner Bestandsstruktur und der Baumartenzusammensetzung zu untersuchen und die Eigendynamik kennenzulernen. Daher wird die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg den Bannwald wissenschaftlich immer wieder untersuchen“, sagt Jäger. Die Ergebnisse sollen als Grundlage dienen für ein besseres Verständnis natürlicher Entwicklungsabläufe.

Die Spaziergänger dürfen sich von der Entwicklung des Waldes aber nur von den ausgewiesenen Wegen und Plattformen aus ein Bild machen. „Das ist aber nicht nur wegen des Naturschutzes so. Denn der Bannwald ist mitten im wiedervernässten Gebiet und somit gar nicht begehbar“, sagt Jäger.

Mit dem Naturschutzgroßprojekt der Wiedervernässung hat der Bannwald an sich nichts zu tun, wird aber natürlich dessen Auswirkungen zu spüren bekommen. Einzelne Flächen werden dauerhaft überschwemmt sein, so werden dort beispielsweise keine Ameisen mehr siedeln. „Das wird öfters als Gegenargument zur Wiedervernässung angesprochen, aber bevor der Mensch das Gebiet entwässert hat, kamen sie auch nicht vor.“ Die Verbindung von Wiedervernässung und Bannwald stelle somit für das gesamte Gebiet die ursprünglichen Naturverhältnisse wieder her. „Und daher bin ich auch sicher, dass die Fichten absterben werden. Denn die stehen dort naturfremd und können das ständige Wasser nicht ertragen“, berichtet Walter Jäger.

(Erschienen: 10.02.2012 18:55)

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