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Shakespeare: Premiere mit Ortswechsel

„Was ihr wollt“ muss mitten im Spiel abbrechen und in die Aula umziehen
Shakespeare:
                  Premiere mit Ortswechsel
Shakespeare: Premiere mit Ortswechsel

Von Babette Caesar

WEINGARTEN „Sie werden auch in diesem Stück entdecken, dass da einer 1603 das Menschliche beschrieben hat, das 2011 noch immer gilt“, schreibt Regisseur und Leiter der Klosterfestspiele Klaus Wagner im Vorwort des Programmheftes. Er ist 81jährig Ende Juli während der Probenzeit zu William Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“ verstorben.

Seinem Publikum, das am Mittwochabend anlässlich der Premiere die Ränge im „Akademiehof“ der Abtei Weingarten füllte, hat er eine Inszenierung hinterlassen, die mit einem kongenialen Bühnenbild, einer Aufsehen erregenden Doppelbesetzung und komischen wie dramatischen Szenen, in denen die „Nebenfiguren“ das Szepter in der Hand hielten, aufwartete. Dank seiner Frau Madeleine Lienhard, die die Inszenierung vollendet hat.

Womit am Premierenabend nach der Pause wohl kaum jemand noch ernsthaft gerechnet hat, war der Regen. Und das so stark, dass man in die Aula der Pädagogischen Hochschule umziehen musste. Einerseits natürlich schade, andererseits verdichtete sich auf dem nunmehr geschlossenen Spielfeld das darstellerische Treiben des Ensembles. Trotz Kunstrasen und improvisierten Requisiten – den Akteuren ist der abrupte Ortswechsel gelungen. Zurück nach draußen. Hier hat Wagner entsprechend seines Aufführungskonzeptes das Bild eines englischen Gartens geschaffen. Geschlungene Wege, ein Brunnen und eine Grabstätte, eingespannt zwischen zwei Blöcken mit Zuschauerreihen. Gleich im ersten Aufzug herrschte wilde Geschäftigkeit – ein herzzerreißender Schrei der Gräfin Olivia (Undine Schmiedl) aus einem Fenster der Akademie, ein Trauerzug in Richtung Grab mit dem toten Bruder, davor ein Grammophon und dann ihr Sturz auf den Sargdeckel. Soll man da nun ganz im Shakespeareschen Sinne lachen oder weinen oder beides zusammen?

Von nicht minder tragikomischer Wirkung geriet der Auftritt von Viola (Eva Krujissen) und dem Schiffshauptmann Antonio (Alexander Altomirianos). Mit Überraschungseffekt. Aus dem Zentrum des Gartens heraus dicht an einen Zuschauerblock gerückt zogen sich die beiden, das Schiffsunglück vor der Küste Illyriens überlebt, aus dem Wasser empor und Viola schmiedete ihren Plan.

Top: Cesario und Malvolio

Krujissen hat Wagner die zweigeschlechtliche Doppelrolle der Viola und der ihres Bruders Sebastian auf den Leib geschrieben.

Genau genommen trat sie in drei Rollen auf – die der in den Grafen Orsino (Brian Lausund) heillos verliebten Viola, welche sich, um ihm näher zu kommen, als sein Diener Cesario verkleidete, und die des Sebastian, der sich gegen Schluss überlegen gegen die tolldreisten Junker Tobias von Rülp (Michael Rast) und Christoph von Bleichenwang (Nils Habermacher) zur Wehr setzte.

Ihren temporeichen wie ausdrucksstarken Rollenwechseln gebührte großer Applaus. Sie brachte in ihrem ersten Aufeinandertreffen mit der „allerstrahlendsten“ Gräfin das Geschehen ins Rollen und entfachte die Spitzfindigkeit der Dialoge. Welche Wagner auf der Basis von August Wilhelm Schlegels Übersetzung (1797) für die Bühne zu einer eigenen Fassung arrangiert hat.

Szenen, die von den Zuschauern begeistert aufgenommen wurden, rankten sich um das Intrigenspiel der Junker, des Narren (Alexander Kurzwernhart) und dem Kammermädchen Maria (Theresa Hanich). Ihnen gegenüber trat Günter Schoßböck als genialer Haushofmeister Malvolio, den es galt in seiner impertinenten Eigenliebe bloßzustellen. Mit vollem Erfolg, als sich die Anstifter auf ein hochgelegenes Podest in der nahen Linde verzogen, und dem mit sich um die fingierte Liebe Olivias ringenden Malvolio hämisch applaudierten.

Brüche in der Form, dass einem das Lachen genauso schnell verging wie es kam, bot der Fünfakter mehrfache. Beim „Frauen“-Kuss von Olivia und Viola, verkleidet als Cesario, wo einem blitzartig die Brisanz schwante, oder bei Malvolios Verbannung ins Brunnenloch, der nunmehr als vom Teufel besessen da stand. Inmitten all dem trieb der Narr sein lustiges Spiel. Denn nichts ist so, wie es ist. Nur der Regen in des Narren Abgesang, der prasselte vom Himmel und brachte einem Wagners Vermächtnis so nahe wie es draußen schon war.

(Erschienen: 04.08.2011 19:20)

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