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Man müsste noch mal in den Zwanzigern sein

Der Plätzlerball schwelgt in Nostalgie und reibt sich am Lieblingsfeind, den Ravensburgern
Schussentäler Verbrüderung unter Narren im Konfettiregen.
Schussentäler Verbrüderung unter Narren im Konfettiregen.

Von Margret Welsch

WEINGARTEN Am Ende hat er es an das Häs, das Plätzlerhäs, der August Schuler, der Ravensburger, der Räuber. Wie ein begossener Pudel steht er da. Gegröle im Saal. Nein, die Kälte kann der Fasnet nichts anhaben. Nicht in Altdorf Weingarten.

Nicht wenn der Plätzlerball ruft zu seiner 73. Ausgabe ins KuKo zu rot-weiß-geplätzter Glückseligkeit. Und letzte Frostbeulen und Bürgerlichkeit schmelzen dahin, wenn sie einfallen wie der Bienenschwarm, von der Zunftkapelle und dem Fanfarenzug Welfen in Stimmung gebracht: die Plätzler und Lauratalgeister, das störrische Rössle und die Waldweible.

Und wer noch keine Narrenkappe hat, bekommt jetzt eine auf den Deckel von Zunftrat Klaus Müller. Wie Günter Staud, der OB-Vertreter, ein Exemplar für Großkopfete für seinen unauslotbaren Einsatz in der Weingartner Fasnet. Die pflegt die Tradition, hat aber auch immer wieder Lust auf Neues. Wie „Der Plätzler blickt‘s“. Narrenregisseur Peter Nagel platzt vor Stolz fast der Zunftratskittel bei der Ankündigung der satirischen Tagesschau mit Rainer Beck, Beamer und Tobias Klar. Da vernimmt dann das kostümfreudige Publikum, dass der CDU-Mann Axel Müller doch eine Alternative zu Metzger und Schocki in Berlin wäre. Und dass Landvogt Ewald, der fiebrig darniederliegt, die Demokratie im Rahmen von STEP 2020 auszuhebeln gedenkt und den Gemeinderat durch einen Wünsch-dir-was-Rat ersetzt.

Bei so viel grausliger Gegenwart bleibt nur die Flucht in die verruchte Vergangenheit. Die Plätzlertanzgruppe unter Leitung von Cornelia Mangold und Evelyn Otten entfüht mit einer mitreißenden Choreografie in die Goldenen Zwanziger Jahre mit Charleston, lasziven Federboa-Frauen und Trichtergrammophon. Inklusive Mafiaboss, der unersättlichen Ravensburgern den Südturm der Basilika verscherbelt hat für die St. Christina Höhe, damit die „Weingartner Vorstadt“ was zum Aufschauen hat.

Zum Aufschauen und Ablachen war schließlich der fulminante Auftritt der Plätzler-Urgesteine, Klaus Müller und Eugen Hund. Längst angekommen in einem Alter, „wo ma bloß no gugga und nemme jugga ka“ schwelgen sie bucklig mit Rollator in alten Altdorfer Zeiten, wo sie voll im Saft die Frauen noch im Griff hatten, „im Cafe Himmel auf dem Münsterplatz nachts um halb eins“. Und das Zunftratsballett visualisiert als Salonlöwen in Comedian-Harmonists-Manier die Altmännerphantasien der Tattergreise. „Ein Freund, ein guter Freund“, ja und „Es wird einmal ein Wunder geschehen“. Und das geschieht dann auch. Bezirzt von einer Nachtschönen wirft August Schuler all seine Ravensburger Überzeugungen über die Rampe und geht unter in rot-weißer Camouflage, den Plätz nicht bloß am Fiedla, sondern vor allem auf seinem so markanten CDU-Haupt. Der Saal tobt. Konfetti regnen. Fanfarenzüge reißen die Narren von den Sitzen. Was bleibt ist Abtanzen mit den „NAS“ und Rocken in der Disko, was nicht nur mit zwanzig abartig klappt.

(Erschienen: 12.02.2012 13:00)

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