Ravensburg Stadtnachrichten
Wenn der Schutzraum zur katastrophalen Falle wird

Von unserer Mitarbeiterin Anett Koch
Unter der Tiefgarage des Finanzamtes Ravensburg in Weingarten befindet sich ein Atombunker. Die kalten Betonwände der Schutzräume vermitteln das Gefühl, erdrückt und lebendig begraben zu werden. Wer unter Platzangst leidet, ist an der Erdoberfläche besser aufgehoben.
Was die Ausstattung für den Ernstfall angeht, so mangelt es weder an chemischen Toiletten noch an schwarzen Toilettensäcken. Auch die Metallbehälter für – theoretisch – 50 Kubikmeter Wasser sind vorhanden. Wer sich jedoch im Fall der Fälle in die Schutzräume retten könnte, würde vergeblich nach Nahrungsmitteln, Medikamenten oder Decken zum Schlafen und Aufwärmen suchen. Und auch das Wasser, dass in die Wasserbehälter passt, wäre nicht vorhanden. Der Leiter des Finanzamtes, Robert Sattler, und Bürgerreferent Jürgen Ams sind sich einig: „Bei einem Atomangriff wären die Leute in Panik. Keiner würde auch nur einen Gedanken daran verschwenden, den Bunker mit Wasser und Nahrungsmitteln zu füllen. Selbst wenn, würde ihnen die Zeit fehlen.“
Gedacht ist dieser Bunker, der 1987 fertiggestellt wurde, für 880 Personen, eventuell mehr. Die Realität sieht jedoch so aus, dass die Schutzsuchenden auf dem kalten Betonboden der Tiefgarage unter dem Finanzamt ausharren müssten. Betten, Decken oder Nischen sind nicht vorhanden. Vielleicht ließen sich ja die Toilettenbeutel als Decken und Laken verwenden. Es wären jedenfalls genügend vorhanden.
Die Überlebenden wären im Schutzbunker jedoch vor ein weiteres Problem gestellt: Wie funktionieren die Lüftung, die Stromaggregate und die schweren Tore aus Stahl? Jürgen Ams ist schon lange beim Finanzamt Ravensburg tätig und war auch beim Bau des neuen Gebäudes, und somit beim Bau des Schutzbunkers, dabei. Er weiß zwar, wie man die Stromaggregate ankurbelt, aber bei dem Lüftungssystem ist auch er ratlos: „Hier wird die Luft von außen angezogen und gereinigt, und hier ist das Ventil für die Abluft – ich frage mich allerdings, wo die Luft wieder einströmt.“ Sein Kollege Sattler begutachtet die Rohre im „Lüftungszimmer“: „Man muss an diesen Rädchen drehen. Aber fragen Sie mich nicht, wie. Es muss doch irgendwo eine Anleitung geben…“ Schnell wird klar, dass im Ernstfall keiner auf die Idee käme, sich nach einer Anleitung umzusehen.
Das Bundesinnenministerium hat die Wartung dieser Schutzräume vor drei Jahren aufgegeben. Kreisbrandmeister Oliver Surbeck, von der Abteilung Brand- und Katastrophenschutz des Landratsamtes Ravensburg, weiß, warum: „Der Bund hat festgestellt, dass diese Räume nur sehr bedingt einen echten Schutz bieten können. Die Räume sind zwar technisch vorbereitet, müssen allerdings im Ernstfall mit dem noch erforderlichen Material – Decken, Verpflegung, Hygieneartikel und Medikamente – bestückt werden.“
Neun Schutzräume im Landkreis
Von 1983 bis 1995 wurden Kommunen vom Bund bezuschusst, wenn sie öffentliche Schutzräume gebaut haben. Im Landkreis Ravensburg entstanden in den 80er- und 90er-Jahren daher neun dieser bezuschussten Schutzräume. Die Gemeinde Achberg ließ 1989 einen Bunker für 299 Menschen errichten. Auch der 1991 gebaute Schutzraum in Altshausen bietet gerade mal 160 Menschen Platz. 1985 wurde in Baienfurt ein Schutzraum mit 240 Plätzen und 1983 einer in Vogt mit 385 Plätzen gebaut. Besser sieht es in Aulendorf aus. Die Gemeinde ließ 1991 den größten Schutzraum des Landkreises mit 1333 Plätzen errichten. Hinzu kommt der Bunker aus dem Jahr 1995 für 299 Menschen. Die Stadt Weingarten hat neben dem Bunker unter dem Finanzamt noch zwei private Bunker aus dem Jahr 1990, die je 299 Menschen Schutz bieten. Zudem gibt es private Schutzräume und sogenannte Schulschutzräume, über die das Landratsamt Ravensburg jedoch keinerlei Informationen besitzt. „Wenn Sie einen Bunker unter dem Haus bauen, dann möchten Sie ja auch nicht, dass im Notfall alle Nachbarn zu Ihnen rennen“, so Surbeck.
Die öffentlichen Schutzräume im Landkreis Ravensburg verfügen über 4194 Unterbringungsplätze. Sie sind komplett in kommunaler Hand. Die Beteiligung des Bundes am technischen Erhalt ist vergleichbar gering. Im Jahr 2010 wurden den Kommunen lediglich rund 600 Euro Bundesmittel für den Erhalt zugewiesen.
„Tatsächlich handelt es sich bei den noch bestehenden Schutzräumen um ein Relikt vergangener Zeiten“, sagt Surbeck. „Der fachtechnische Hintergrund dieser Bunker wird in Fachkreisen seit vielen Jahren kontrovers diskutiert. Die klare Tendenz entwickelt sich zwischenzeitlich weg von diesen Schutzräumen.“
Heute werden viele Bunker als Archiv oder Lagerraum genutzt. So auch der Schutzraum unter dem Feuerwehrhaus in Waldburg. Dieser wurde 1985 unter Kommandant Karl Hilebrand und Bürgermeister Otto Herrmann erbaut. Die Räume dienen mittlerweile als Treffpunkt für Vereine und als Archiv. „Bis auf ein paar Leitungen unter der Decke erinnert nichts mehr an den Bunker, der hier mal war“, sagt Norbert Junker, Fachbeamter für das Finanzwesen Waldburg. „Diese Schutzräume suggerierten eine Sicherheit, die so tatsächlich nie vorhanden war“, meint Surbeck. Er bekräftigt, dass auch die Entscheidung darüber, wer denn in die Bunker dürfe und wer nicht, niemandem zuzumuten sei. „So ein nuklearer Störfall wäre ja nicht nach ein paar Tagen erledigt. Die Menschen müssten Wochen, Monate oder Jahre in den Bunkern ausharren, da die Halbwertszeiten einfach so groß sind. Es wäre unmöglich, so viele Menschen über diesen langen Zeitraum unter der Erde zu versorgen.“
Bei einer Katastrophe – sei es ein Atomangriff, ein Virus oder eine Überschwemmung – werden heute andere Maßnahmen ergriffen. Es sei wichtig, die Mittel an die Situation anzupassen, so Surbeck. „Im konkreten Ernstfall sind die Katastrophenschutzbehörden – Landratsämter, Regierungspräsidien und Innenministerien – dafür zuständig, situationsangepasste Möglichkeiten zu entwickeln und die Bevölkerung auf geeignete Art zu schützen.
Denkbar wäre etwa eine flächendeckende Evakuierung oder Impfung. Evakuierungen bedeuten eine enorme logistische, personelle und materielle Herausforderung und sind tatsächlich das Mittel der letzten Wahl. Impfungen sind hingegen durchaus lösbar.“
Im Falle eines nuklearen Angriffs müssten alle Verwaltungsbereiche in den Evakuierungsplan miteinbezogen werden. Polizei, Bundeswehr, Katastrophenschutz und Hilfsorganisationen müssen zusammenarbeiten „Privatpersonen in Sicherheit zu bringen, ist relativ einfach“, sagt Surbeck. „Familien, die ein eigenes Auto besitzen, können – von Blaulicht begleitet – selbst in eine sichere Gegend wechseln.
Komplizierter wird es mit der Evakuierung von öffentlichen Gebäuden, wie Krankenhäusern, Heimen und Schulen.“ Enorm viele Parameter müssen beachtet werden: die Sicherstellung der medizinischen Versorgung, die Regelung des Straßenverkehrs und die Entscheidung, wohin bedrohte Menschen gebracht werden, damit sie vor der Umweltkatastrophe sicher sind. Die sogenannten „Schutzräume“ bieten jedenfalls keinen geeigneten Unterschlupf.
(Erschienen: 23.08.2010 15:35)

Von unserer Mitarbeiterin Anett Koch
Unter der Tiefgarage des Finanzamtes Ravensburg in Weingarten befindet sich ein Atombunker. Die kalten Betonwände der Schutzräume vermitteln das Gefühl, erdrückt und lebendig begraben zu werden. Wer unter Platzangst leidet, ist an der Erdoberfläche besser aufgehoben.
Was die Ausstattung für den Ernstfall angeht, so mangelt es weder an chemischen Toiletten noch an schwarzen Toilettensäcken. Auch die Metallbehälter für – theoretisch – 50 Kubikmeter Wasser sind vorhanden. Wer sich jedoch im Fall der Fälle in die Schutzräume retten könnte, würde vergeblich nach Nahrungsmitteln, Medikamenten oder Decken zum Schlafen und Aufwärmen suchen. Und auch das Wasser, dass in die Wasserbehälter passt, wäre nicht vorhanden. Der Leiter des Finanzamtes, Robert Sattler, und Bürgerreferent Jürgen Ams sind sich einig: „Bei einem Atomangriff wären die Leute in Panik. Keiner würde auch nur einen Gedanken daran verschwenden, den Bunker mit Wasser und Nahrungsmitteln zu füllen. Selbst wenn, würde ihnen die Zeit fehlen.“
Gedacht ist dieser Bunker, der 1987 fertiggestellt wurde, für 880 Personen, eventuell mehr. Die Realität sieht jedoch so aus, dass die Schutzsuchenden auf dem kalten Betonboden der Tiefgarage unter dem Finanzamt ausharren müssten. Betten, Decken oder Nischen sind nicht vorhanden. Vielleicht ließen sich ja die Toilettenbeutel als Decken und Laken verwenden. Es wären jedenfalls genügend vorhanden.
Die Überlebenden wären im Schutzbunker jedoch vor ein weiteres Problem gestellt: Wie funktionieren die Lüftung, die Stromaggregate und die schweren Tore aus Stahl? Jürgen Ams ist schon lange beim Finanzamt Ravensburg tätig und war auch beim Bau des neuen Gebäudes, und somit beim Bau des Schutzbunkers, dabei. Er weiß zwar, wie man die Stromaggregate ankurbelt, aber bei dem Lüftungssystem ist auch er ratlos: „Hier wird die Luft von außen angezogen und gereinigt, und hier ist das Ventil für die Abluft – ich frage mich allerdings, wo die Luft wieder einströmt.“ Sein Kollege Sattler begutachtet die Rohre im „Lüftungszimmer“: „Man muss an diesen Rädchen drehen. Aber fragen Sie mich nicht, wie. Es muss doch irgendwo eine Anleitung geben…“ Schnell wird klar, dass im Ernstfall keiner auf die Idee käme, sich nach einer Anleitung umzusehen.
Das Bundesinnenministerium hat die Wartung dieser Schutzräume vor drei Jahren aufgegeben. Kreisbrandmeister Oliver Surbeck, von der Abteilung Brand- und Katastrophenschutz des Landratsamtes Ravensburg, weiß, warum: „Der Bund hat festgestellt, dass diese Räume nur sehr bedingt einen echten Schutz bieten können. Die Räume sind zwar technisch vorbereitet, müssen allerdings im Ernstfall mit dem noch erforderlichen Material – Decken, Verpflegung, Hygieneartikel und Medikamente – bestückt werden.“
Neun Schutzräume im Landkreis
Von 1983 bis 1995 wurden Kommunen vom Bund bezuschusst, wenn sie öffentliche Schutzräume gebaut haben. Im Landkreis Ravensburg entstanden in den 80er- und 90er-Jahren daher neun dieser bezuschussten Schutzräume. Die Gemeinde Achberg ließ 1989 einen Bunker für 299 Menschen errichten. Auch der 1991 gebaute Schutzraum in Altshausen bietet gerade mal 160 Menschen Platz. 1985 wurde in Baienfurt ein Schutzraum mit 240 Plätzen und 1983 einer in Vogt mit 385 Plätzen gebaut. Besser sieht es in Aulendorf aus. Die Gemeinde ließ 1991 den größten Schutzraum des Landkreises mit 1333 Plätzen errichten. Hinzu kommt der Bunker aus dem Jahr 1995 für 299 Menschen. Die Stadt Weingarten hat neben dem Bunker unter dem Finanzamt noch zwei private Bunker aus dem Jahr 1990, die je 299 Menschen Schutz bieten. Zudem gibt es private Schutzräume und sogenannte Schulschutzräume, über die das Landratsamt Ravensburg jedoch keinerlei Informationen besitzt. „Wenn Sie einen Bunker unter dem Haus bauen, dann möchten Sie ja auch nicht, dass im Notfall alle Nachbarn zu Ihnen rennen“, so Surbeck.
Die öffentlichen Schutzräume im Landkreis Ravensburg verfügen über 4194 Unterbringungsplätze. Sie sind komplett in kommunaler Hand. Die Beteiligung des Bundes am technischen Erhalt ist vergleichbar gering. Im Jahr 2010 wurden den Kommunen lediglich rund 600 Euro Bundesmittel für den Erhalt zugewiesen.
„Tatsächlich handelt es sich bei den noch bestehenden Schutzräumen um ein Relikt vergangener Zeiten“, sagt Surbeck. „Der fachtechnische Hintergrund dieser Bunker wird in Fachkreisen seit vielen Jahren kontrovers diskutiert. Die klare Tendenz entwickelt sich zwischenzeitlich weg von diesen Schutzräumen.“
Heute werden viele Bunker als Archiv oder Lagerraum genutzt. So auch der Schutzraum unter dem Feuerwehrhaus in Waldburg. Dieser wurde 1985 unter Kommandant Karl Hilebrand und Bürgermeister Otto Herrmann erbaut. Die Räume dienen mittlerweile als Treffpunkt für Vereine und als Archiv. „Bis auf ein paar Leitungen unter der Decke erinnert nichts mehr an den Bunker, der hier mal war“, sagt Norbert Junker, Fachbeamter für das Finanzwesen Waldburg. „Diese Schutzräume suggerierten eine Sicherheit, die so tatsächlich nie vorhanden war“, meint Surbeck. Er bekräftigt, dass auch die Entscheidung darüber, wer denn in die Bunker dürfe und wer nicht, niemandem zuzumuten sei. „So ein nuklearer Störfall wäre ja nicht nach ein paar Tagen erledigt. Die Menschen müssten Wochen, Monate oder Jahre in den Bunkern ausharren, da die Halbwertszeiten einfach so groß sind. Es wäre unmöglich, so viele Menschen über diesen langen Zeitraum unter der Erde zu versorgen.“
Bei einer Katastrophe – sei es ein Atomangriff, ein Virus oder eine Überschwemmung – werden heute andere Maßnahmen ergriffen. Es sei wichtig, die Mittel an die Situation anzupassen, so Surbeck. „Im konkreten Ernstfall sind die Katastrophenschutzbehörden – Landratsämter, Regierungspräsidien und Innenministerien – dafür zuständig, situationsangepasste Möglichkeiten zu entwickeln und die Bevölkerung auf geeignete Art zu schützen.
Denkbar wäre etwa eine flächendeckende Evakuierung oder Impfung. Evakuierungen bedeuten eine enorme logistische, personelle und materielle Herausforderung und sind tatsächlich das Mittel der letzten Wahl. Impfungen sind hingegen durchaus lösbar.“
Im Falle eines nuklearen Angriffs müssten alle Verwaltungsbereiche in den Evakuierungsplan miteinbezogen werden. Polizei, Bundeswehr, Katastrophenschutz und Hilfsorganisationen müssen zusammenarbeiten „Privatpersonen in Sicherheit zu bringen, ist relativ einfach“, sagt Surbeck. „Familien, die ein eigenes Auto besitzen, können – von Blaulicht begleitet – selbst in eine sichere Gegend wechseln.
Komplizierter wird es mit der Evakuierung von öffentlichen Gebäuden, wie Krankenhäusern, Heimen und Schulen.“ Enorm viele Parameter müssen beachtet werden: die Sicherstellung der medizinischen Versorgung, die Regelung des Straßenverkehrs und die Entscheidung, wohin bedrohte Menschen gebracht werden, damit sie vor der Umweltkatastrophe sicher sind. Die sogenannten „Schutzräume“ bieten jedenfalls keinen geeigneten Unterschlupf.
(Erschienen: 23.08.2010 15:35)






































