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Explosives Gebräu begeistert die Zuhörer

Karl Seglems Musik entführt in eine nordische Welt, nach der man sich noch lange sehnt
Spielte in der Ravensburger Zehntscheuer ein fantastisches Jazzkonzert: Karl Seglem am Tenorsaxophon mit seiner Band.
Spielte in der Ravensburger Zehntscheuer ein fantastisches Jazzkonzert: Karl Seglem am Tenorsaxophon mit seiner Band. (Foto: Felix Kästle)

Von Babette Caesar

RAVENSBURG „Schön war´s, richtig zum Reinlegen“ oder „leicht melancholisch und trotzdem so warm“ lauteten Kommentare von Besuchern in der Zehntscheuer am Freitagabend, wo Karl Seglem im Rahmen des „Trans 4 Jazzfestivals“ mit seiner Band auftrat. Mit einem 90-minütigen Konzert, das nordische Volksmusik mit experimentellem Jazz verschmelzen ließ. Was dort oben in Ländern wie Norwegen und Schweden viel weiter verbreitet ist als in hiesigen Regionen, dass jeder mit jedem zusammen spielt, damit verführten die vier Musiker ihr Publikum regelrecht.

Ravensburg war der zweite Gig von insgesamt neun Stationen auf ihrer aktuellen „World- Jazz-Tour“, die mit Oslo begonnen hat. Håkon Høgemo auf seiner Hardangerfiedel, Bassist Stefan Bergman und Drummer Kåre Opheim machten zusammen mit Seglem am Tenorsaxophon einen Sound von unglaublicher Stille, abhebender Leichtigkeit, stets ausreichender Bodenhaftung mündend in einen Groove, der sich tranceartig auflud zu archaischen Rhythmen vom Schlagzeug her und erdigen Ostinato-Bass-Figuren.

Als „The Man with the horns“ wird Seglem gehandelt, doch was er am Tenorsax vollbracht hat, beeindruckte fast noch mehr. Nicht die vereinzelten Partien wie zu Konzertbeginn, die einen an Jan Garbarek als den Übervater folkloristisch gefärbtem Jazz erinnert haben mochten, sondern die kraftvollen und zugleich sanften Töne. Dem Behutsamen und genau Abmessenden, was die Spieleinsätze, Tempi und Klangfarben angeht, gehörte die volle Aufmerksamkeit. Und nicht nur das Publikum hatte daran seine Freude, sondern Seglem in seiner verhalten offenen Art nicht minder.

Gefühl völligen Losgelöstseins

„It’s great to be here“, sprach er ins Mikrofon und erklärte, wie die Fiedel von Høgemo funktioniert. Fünf Saiten habe sie, die übereinander liegen, wobei die unteren durch die oberen beim Streichen zum Vibrieren gebracht würden. Das erzeugte dieses sonore, den Resonanzkörper beharrlich ins meditative Steigernde, bei dem sich das Gefühl völligen Losgelöstseins einstellte.

Wer nach kürzester Zeit in wohl fast aller Munde war, saß mit Opheim am Schlagzeug. Dort hantierte er mit dicken Jazzbesen, die auf den Trommelfellen dumpfe Doppelschläge ergaben. Urban afrikanisch Klingendes floss ein zu den von Seglem mittels Sax- und Trompetenmundstück geblasenen Ziegenhörner. Sie brauchen gute Lungen, um an manchen Stellen zu tönen wie ein Dudelsack.

Dieses hoch explosive, doch nie über die Stränge schlagende sinnliche Gebräu unter Hinzunahme von Sampling reicherte er mit einem Saxophonsolo an, dessen sehnsuchtsvolle fragile Balladenform einen geradezu andächtig machte und in eine hoch im Norden liegende einsame Welt mitnahm. Genauso wie zu einem Tanz im Dreivierteltakt, „Den Siste Norske Trollet“, den Seglems Tenorsax weit über Garbareks mystisch abgehobenen Sound anschob, so als verwandle sich sein Instrument in einen kleinen Ozeandampfer.

(Erschienen: 14.11.2011 11:30)

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