Ravensburg Stadtnachrichten
Dieses Konzert war ein Signal für musische Bildung

Von unserem Mitarbeiter Wolfram Frommlet
Mit Michael Tippetts Requiem „A Child of Our Time“ begann das Konzert – eines der großen Werke der Moderne für ethnische und religiöse Toleranz. Diese komplexe „politische“ Komposition gewählt zu haben, ist auch ein kulturelles Signal.
Drei Kompositionen haben, zwischen 1944 und 1962, die Europäische Moderne radikal verändert. Musik als Auseinandersetzung mit Düsternis einer „Zivilisation“: Genozid, Rassenhass, nationalistischer Größenwahn. Arnold Schönbergs „Überlebender aus Warschau“, Benjamin Brittens „War Requiem“ und Michael Tippetts Requiem für den 17-jährigen jüdischen Attentäter Herschel Grynszpan.
Was die beiden Briten vor allem verbindet – die völlige Abstinenz von britischem „Pomp & Glory“, kein Pathos des Leidens und erst recht keines humanistischer „Wahrheit“. Beide, anders als Schönberg, begrenzen ihr Werk nicht auf den Naziterror. Tippett ist musikalisch am komplexesten, extrem schwierig zu hören und zu musizieren, weil er ein großes Epos erzählt von Leiden und Verfolgung mit Klangsprachen und formalen Strukturen von Bach, Händel über Negro-Spirituals bis zu psychologischem Expressionismus der Moderne.
In klassischer Oratorienform, in 30 Teilen, folgen der nüchternen Erzählung der endlosen Geschichte von Verfolgung (beeindruckend episch, unpathetisch Mikhail Smigelsky) die individuellen Geschichten des Leidens: die Wehrlosigkeit, die Unverdorbenheit des Jungen im Tenor (mit schlanker Leichtigkeit Javier Alonso), die Düsternis der Welt, die seelischen Abgründe von Tätern, die entsetzlichen Fragen nach dem Warum, in extreme Altlagen gelegt (ergreifend die Kraft von Mechthild Georg), die Verzweiflung der Mutter, für die vielen Mütter (Annette Royés starkes Tremolo wirkte gegen die anderen Solisten leider etwas pathetisch).
Enorm, wie Tippett den Chor einsetzt – in einem Satz fast distanziert und kühl über Leiden reflektierend, im nächsten schrille, schmerzliche Dissonanzen, und dann diese versöhnende Wärme der Spirituals. Gelegentlich, in Spitzenlagen, war zu spüren, dass dieser Chor in der relativ kurzen Probezeit sich bis an die eigenen Grenzen gewagt hat, und doch hoch differenzierte Stimmungen erreichte.
Ebenso bewundernswert die Leistung des Orchesters. Denn trotz der stringenten Gliederung strömt durch das gesamte Werk eine ständig wechselnde Dynamik. Filigrane solistische Miniaturen, winzige Leidens-Elegien für Violinen, Blech- und Holzbläser lösen sich heraus – alle exzellent gespielt. Vieles entwickelt sich im Orchester in feinsten Diminuendi vom zarten Pianissimo zum verhaltenen, dezenten Fortissimo. Das Gute, das Böse, Täter und Opfer sind in einem. In jedem? Das macht sein Werk so differenziert. Und genau so hat es Reiner Schuhenn, Rektor der Hochschule für Musik und Tanz in Köln und bis 1994 Kirchenmusiker in Ravensburg, gedeutet. Eindringlich dirigiert in den vielen, oft verunsichernden Zwischentönen, behutsam, sensibel und, bei aller Entsetzlichkeit des Themas, unaufgeregt. Starker Applaus für eine große Leistung.
(Erschienen: 05.09.2010 14:35)

Von unserem Mitarbeiter Wolfram Frommlet
Mit Michael Tippetts Requiem „A Child of Our Time“ begann das Konzert – eines der großen Werke der Moderne für ethnische und religiöse Toleranz. Diese komplexe „politische“ Komposition gewählt zu haben, ist auch ein kulturelles Signal.
Drei Kompositionen haben, zwischen 1944 und 1962, die Europäische Moderne radikal verändert. Musik als Auseinandersetzung mit Düsternis einer „Zivilisation“: Genozid, Rassenhass, nationalistischer Größenwahn. Arnold Schönbergs „Überlebender aus Warschau“, Benjamin Brittens „War Requiem“ und Michael Tippetts Requiem für den 17-jährigen jüdischen Attentäter Herschel Grynszpan.
Was die beiden Briten vor allem verbindet – die völlige Abstinenz von britischem „Pomp & Glory“, kein Pathos des Leidens und erst recht keines humanistischer „Wahrheit“. Beide, anders als Schönberg, begrenzen ihr Werk nicht auf den Naziterror. Tippett ist musikalisch am komplexesten, extrem schwierig zu hören und zu musizieren, weil er ein großes Epos erzählt von Leiden und Verfolgung mit Klangsprachen und formalen Strukturen von Bach, Händel über Negro-Spirituals bis zu psychologischem Expressionismus der Moderne.
In klassischer Oratorienform, in 30 Teilen, folgen der nüchternen Erzählung der endlosen Geschichte von Verfolgung (beeindruckend episch, unpathetisch Mikhail Smigelsky) die individuellen Geschichten des Leidens: die Wehrlosigkeit, die Unverdorbenheit des Jungen im Tenor (mit schlanker Leichtigkeit Javier Alonso), die Düsternis der Welt, die seelischen Abgründe von Tätern, die entsetzlichen Fragen nach dem Warum, in extreme Altlagen gelegt (ergreifend die Kraft von Mechthild Georg), die Verzweiflung der Mutter, für die vielen Mütter (Annette Royés starkes Tremolo wirkte gegen die anderen Solisten leider etwas pathetisch).
Enorm, wie Tippett den Chor einsetzt – in einem Satz fast distanziert und kühl über Leiden reflektierend, im nächsten schrille, schmerzliche Dissonanzen, und dann diese versöhnende Wärme der Spirituals. Gelegentlich, in Spitzenlagen, war zu spüren, dass dieser Chor in der relativ kurzen Probezeit sich bis an die eigenen Grenzen gewagt hat, und doch hoch differenzierte Stimmungen erreichte.
Ebenso bewundernswert die Leistung des Orchesters. Denn trotz der stringenten Gliederung strömt durch das gesamte Werk eine ständig wechselnde Dynamik. Filigrane solistische Miniaturen, winzige Leidens-Elegien für Violinen, Blech- und Holzbläser lösen sich heraus – alle exzellent gespielt. Vieles entwickelt sich im Orchester in feinsten Diminuendi vom zarten Pianissimo zum verhaltenen, dezenten Fortissimo. Das Gute, das Böse, Täter und Opfer sind in einem. In jedem? Das macht sein Werk so differenziert. Und genau so hat es Reiner Schuhenn, Rektor der Hochschule für Musik und Tanz in Köln und bis 1994 Kirchenmusiker in Ravensburg, gedeutet. Eindringlich dirigiert in den vielen, oft verunsichernden Zwischentönen, behutsam, sensibel und, bei aller Entsetzlichkeit des Themas, unaufgeregt. Starker Applaus für eine große Leistung.
(Erschienen: 05.09.2010 14:35)






































