Stadtnachrichten Salem
Eine Kastanie als Symbol für Hoffnung und Leben

„Fast jeden Morgen gehe ich auf den Dachboden hinauf, um die stickige Luft aus meinen Lungen zu pusten. Von meinem Lieblingsplatz auf dem Boden sehe ich hinauf in den blauen Himmel und in den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen wie Silber glitzern. Und ich sehe die Möwen und die anderen Vögel, wie sie im Wind gleiten. So lange wie dies existiert, so dachte ich, werde ich leben mögen, um dies zu sehen, diesen Sonnenschein, diesen wolkenlosen Himmel. Solange dies andauert, kann ich nicht unglücklich sein.” Diesen Tagebucheintrag verfasste Anne Frank am 23. Februar 1944.
Der Baum war der einzige Blickkontakt zur Außenwelt für die junge Frau, die schließlich 1944 mit ihrer Familie abtransportiert und in Ausschwitz ermordet wurde. Jahrzehntelang blieb die Kastanie als lebendiges Mahnmal erhalten. Bis die Anne-Frank-Gesellschaft den Baum 2007 fällen wollte, da er nicht mehr gesund war und zur Gefahr für die umstehenden Häuser zu werden drohte.
Dagegen formierte sich Widerstand. Zahlreiche Amsterdamer, unter ihnen viele Künstler, wehrten sich gegen das Fällen von Anne Franks Baum. Es gelang ihnen, ihr Anliegen durchzusetzen, der Baum wurde aufwendig gesichert, fiel aber im Jahr 2010 einem Sturm zum Opfer.
Unter den Gegnern der Baumfällung war auch die emeritierte Professorin für Städtebau, Helga Fassbinder. Und jetzt kommt der Markdorfer Komponist Johannes Eckmann ins Spiel, denn Fassbinder ist seine Cousine. So kommt es, dass auch der Komponist vom Bodensee das Thema „Anne Franks Baum“ künstlerisch aufgreift, der dramatischen Geschichte bis hin zur Fällung einen musikalischen Rahmen gibt, die Worte von Jos Versteegen mit Klängen versieht. „Jos Versteegen hatte seine Verse bereits als Lieder konzipiert“, erklärt Johannes Eckmann im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung. Peu à peu entstand der Liederzyklus; die ersten drei Lieder wurden im Jahr 2009 in der Stadtgalerie in Markdorf uraufgeführt.
Das vierte Lied behandelt schließlich den Umsturz des Baums. Bei den Liedern liegt der Fokus nicht auf dem Schildern der nationalsozialistischen Zeit und ihrer Gräueltaten, sondern auf dem Erleben Anne Franks als heranwachsende junge Frau. „Sie war ein pubertierendes Mädchen, das seine erste Liebe im beklemmenden Versteck erlebte“, erinnert Anuschka Schoepe, Ehefrau von Johannes Eckmann. Sie ist Mezzosopranistin und ihr Mann hat den Liederzyklus speziell auf ihre Stimme zugeschnitten, wie er berichtete.
Lachend erinnert sich die Opernsängerin an den Sprachunterricht mit Jos Versteegen. „Auf dem Gehrenberg hat er mir etwas Niederländisch beigebracht und ich ihm dafür etwas Deutsch“, verrät sie. Schoepe singt alle Verse auf Holländisch; die Gedichte werden bei der Aufführung zusätzlich in beiden Sprachen rezitiert. Eine Lesung ergänzt morgen Abend die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema, Heidi Ziegler trägt aus dem Buch „Annes Baum“ von Irene Cohen-Janca vor.
Bisher wurden die Lieder in Amsterdam, Wien und Markdorf aufgeführt. Weiterer Termin ist im September in Baden-Baden. Anlass ist die Eröffnung eines jüdischen Kindergartens. Und auch die Geschichte von Anne Franks Baum ist nicht zu Ende, denn Ableger der mächtigen Kastanie leben weiter. Schon 2008 hatte die Stiftung „Support Anne Frank Tree" Ableger des Mutterbaums gezogen. Sie sind unter anderem in Ingolstadt und Weira (Thüringen) gepflanzt worden, sodass der „Tod“ des Baumes in der Prinzengracht in neuem Leben gemündet ist.
(Erschienen: 26.01.2012 10:05)

„Fast jeden Morgen gehe ich auf den Dachboden hinauf, um die stickige Luft aus meinen Lungen zu pusten. Von meinem Lieblingsplatz auf dem Boden sehe ich hinauf in den blauen Himmel und in den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen wie Silber glitzern. Und ich sehe die Möwen und die anderen Vögel, wie sie im Wind gleiten. So lange wie dies existiert, so dachte ich, werde ich leben mögen, um dies zu sehen, diesen Sonnenschein, diesen wolkenlosen Himmel. Solange dies andauert, kann ich nicht unglücklich sein.” Diesen Tagebucheintrag verfasste Anne Frank am 23. Februar 1944.
Der Baum war der einzige Blickkontakt zur Außenwelt für die junge Frau, die schließlich 1944 mit ihrer Familie abtransportiert und in Ausschwitz ermordet wurde. Jahrzehntelang blieb die Kastanie als lebendiges Mahnmal erhalten. Bis die Anne-Frank-Gesellschaft den Baum 2007 fällen wollte, da er nicht mehr gesund war und zur Gefahr für die umstehenden Häuser zu werden drohte.
Dagegen formierte sich Widerstand. Zahlreiche Amsterdamer, unter ihnen viele Künstler, wehrten sich gegen das Fällen von Anne Franks Baum. Es gelang ihnen, ihr Anliegen durchzusetzen, der Baum wurde aufwendig gesichert, fiel aber im Jahr 2010 einem Sturm zum Opfer.
Unter den Gegnern der Baumfällung war auch die emeritierte Professorin für Städtebau, Helga Fassbinder. Und jetzt kommt der Markdorfer Komponist Johannes Eckmann ins Spiel, denn Fassbinder ist seine Cousine. So kommt es, dass auch der Komponist vom Bodensee das Thema „Anne Franks Baum“ künstlerisch aufgreift, der dramatischen Geschichte bis hin zur Fällung einen musikalischen Rahmen gibt, die Worte von Jos Versteegen mit Klängen versieht. „Jos Versteegen hatte seine Verse bereits als Lieder konzipiert“, erklärt Johannes Eckmann im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung. Peu à peu entstand der Liederzyklus; die ersten drei Lieder wurden im Jahr 2009 in der Stadtgalerie in Markdorf uraufgeführt.
Das vierte Lied behandelt schließlich den Umsturz des Baums. Bei den Liedern liegt der Fokus nicht auf dem Schildern der nationalsozialistischen Zeit und ihrer Gräueltaten, sondern auf dem Erleben Anne Franks als heranwachsende junge Frau. „Sie war ein pubertierendes Mädchen, das seine erste Liebe im beklemmenden Versteck erlebte“, erinnert Anuschka Schoepe, Ehefrau von Johannes Eckmann. Sie ist Mezzosopranistin und ihr Mann hat den Liederzyklus speziell auf ihre Stimme zugeschnitten, wie er berichtete.
Lachend erinnert sich die Opernsängerin an den Sprachunterricht mit Jos Versteegen. „Auf dem Gehrenberg hat er mir etwas Niederländisch beigebracht und ich ihm dafür etwas Deutsch“, verrät sie. Schoepe singt alle Verse auf Holländisch; die Gedichte werden bei der Aufführung zusätzlich in beiden Sprachen rezitiert. Eine Lesung ergänzt morgen Abend die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema, Heidi Ziegler trägt aus dem Buch „Annes Baum“ von Irene Cohen-Janca vor.
Bisher wurden die Lieder in Amsterdam, Wien und Markdorf aufgeführt. Weiterer Termin ist im September in Baden-Baden. Anlass ist die Eröffnung eines jüdischen Kindergartens. Und auch die Geschichte von Anne Franks Baum ist nicht zu Ende, denn Ableger der mächtigen Kastanie leben weiter. Schon 2008 hatte die Stiftung „Support Anne Frank Tree" Ableger des Mutterbaums gezogen. Sie sind unter anderem in Ingolstadt und Weira (Thüringen) gepflanzt worden, sodass der „Tod“ des Baumes in der Prinzengracht in neuem Leben gemündet ist.
(Erschienen: 26.01.2012 10:05)

































