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Wende: Die Grünen wollen eine neue Agrarpolitik

Spitzenkandidat Winfried Kretschmann und Landtagskandidat Martin Hahn stehen Landwirten Rede und Antwort
Wende:
                  Die Grünen wollen eine neue Agrarpolitik
Wende: Die Grünen wollen eine neue Agrarpolitik

Von Daniel Drescher

Deggenhausertal Biogas, Rinderzucht, Milchquote: Was Landwirten unter den Nägeln brennt, ist gestern in Roggenbeuren Thema gewesen. Der Spitzenkandidat der Grünen, Winfried Kretschmann, war gemeinsam mit Landtagskandidat Martin Hahn zu Gast, um mit den Landwirten über grüne Agrarpolitik ins Gespräch zu kommen. In gut fünf Wochen ist Landtagswahl, und die Grünen finden, 57 Jahre christdemokratischer Herrschaft sind genug. Sie wollen den Schulterschluss mit der Landwirtschaft, kündigen an, Agrarpolitik zum Schwerpunkt einer möglichen Regierungszeit zu machen.

Für manchen in der „Krone“ ist Kretschmann ein potenzieller Ministerpräsident. Bernhard Lang etwa, Politologe und Historiker aus Markdorf. Er ist nicht aus beruflichen Gründen da, Agrarpolitik betrifft ihn eher als Verbraucher. Grüner Politik steht er aber als Atomkraftgegner und Stuttgart-21-Protestler nahe. „Ich finde es gut, dass sich Kretschmann so offen zur Verbraucherpolitik bekannt hat“, wird er nach mehr als zwei Stunden Monologen und Diskussionsbeiträgen resümieren. Ein Kamerateam des ZDF, das für eine Polit-Sendung am 16. März recherchiert, fragt ihn: „Könnten Sie sich Herrn Kretschmann als Ministerpräsidenten vorstellen?“ Lang zögert nicht lange, seine Antwort fällt positiv aus.

Auch Franz Jehle interessiert sich in Roggenbeuren offenbar nicht vorrangig für Agrarpolitik. Der CDU-Gemeinderat aus Salem will von Kretschmann ganz konkret wissen, was er in puncto Stuttgart 21 vorhat, ob er mit der Linken koalieren wolle, um an die Regierung zu kommen und wie man sich grüne Bildungspolitik vorzustellen hat. Der Spitzenkandidat kündigt an, Stuttgart 21 zur Sache einer Volksabstimmung zu machen. Einer „Ausschließeritis“, wie er es nennt, verweigert er sich, wenn es um Koalitionen geht. Und bei der Bildungspolitik setzt er auf individuelle Förderung und mehr Offenheit für alternative Schulformen. Jehle ist zufrieden, seine Fragen sind beantwortet.

Die rund 50 Landwirte, die da sind, haben drängendere Fragen, existenzielle Fragen. Da geht es um die Kosten, die gentechnikfreies Futtermittel verursacht, um die Vor- und Nachteile der Biogasanlagen, um Dumpingpreise und den Druck, immer mehr zu produzieren. Und auch immer wieder um Gentechnik. Ein Imker spricht über eine Regelung, derzufolge keine Maispollen von gentechnisch verändertem Mais im Honig landen dürfen. Die Kontrolle: praktisch unmöglich, wenn man mehrere Bienenvölker hat. „Wer soll das bezahlen?“ Das bringt Winfried Kretschmann zu einem zentralen Satz aus der „Ulmer Erklärung“, die die Grünen jüngst zum Thema Agrarstandort Baden-Württemberg veröffentlicht haben: „Ein Nebeneinander zwischen gentechnikfreier Landwirtschaft und gentechnisch veränderten Pflanzen wird es nie geben können.“ Teilweise sind die Fragen der Landwirte so fachspezifisch, dass Kretschmann und Hahn – letzterer selbst Bio-Landwirt – zugeben müssen: „Da sind wir nicht so tief im Thema drin, da müssten wir jetzt Spezialisten befragen.“

„Zeit, dass sich was ändert“

Der Landtagskandidat Martin Hahn demonstriert in Roggenbeuren seine Nähe zur Basis und Verwurzelung im Thema. Die Landwirte sollen spüren, dass er einer aus ihren Reihen ist. „Biogas war der Versuch, aus Scheiße Gold zu machen“, sagt er, da hat er die Lacher auf seiner Seite. Er kritisiert, dass die Fördergelder für Umstellung auf Öko-Landwirtschaft 2012 ausgesetzt werden sollen. Zugleich zeigt er die prekäre Lage, in der sich die Agrarbranche befindet: Etwa, wenn nach Prognosen nur weniger als 20 Prozent der Höfe noch einen Nachfolger finden würden.

Winfried Kretschmann greift in seinem Vortrag immer wieder auf das Dreieck zurück: „Naturschutz – Landwirtschaft – Tourismus“. Massenproduktion zu Billigpreisen sieht er kritisch: „Da hab ich dann halt keine schöne Landschaft“, sagt er, bewusst vereinfacht.

Regionale Erzeugerstrukturen sollen Abhilfe schaffen und auch dem Verbraucher Lebensmittelskandale wie jüngst den Dioxin-Skandal ersparen. Doch das Thema Massenproduktion sehen längst nicht alle so kritisch wie Winfried Kretschmann. Ein Landwirt meldet sich zu Wort, der sich durch den in der Ulmer Erklärung auftauchenden Slogan „Masse statt Klasse“ angegriffen fühlt. „Mir ist es egal, an wen ich meine Ware verkaufe, ich brauche das Geld, um meine Familie zu ernähren“, sagt er und beteuert, dass seine Erzeugnisse trotz Massenproduktion erstklassig seien.

Die Ansage der Grünen ist klar: Sie wollen eine faire, gentechnikfreie und umweltschonenden Landwirtschaft. Die Landwirte sollen rentabel arbeiten und durch ihre Arbeit die Kulturlandschaft erhalten können. Das ist die Parole.

Ministerpräsident Kretschmann, ist das vorstellbar? „Es wird höchste Zeit, dass sich etwas ändert“, sagt ein Landwirt im Gespräch mit anderen Agrarfachleuten. Die Wahl wird es zeigen – und niemand dürfte gespannter sein als Kretschmann selbst.

(Erschienen: 21.02.2011 21:00)

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