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Zeitreise: Mit dem Nachtwächterunterwegs im Mittelalter

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                  Mit
                dem Nachtwächterunterwegs im Mittelalter
Zeitreise: Mit dem Nachtwächterunterwegs im Mittelalter

Lindau / sd Wir drehen die Zeit zurück ins finstere Mittelalter. Fridl Sornberger ist mit Hellebarde, Signalhorn und Kerzenlampe in den stockdunklen Lindauer Gassen unterwegs. Der 74-Jährige ist in die Rolle des mittelalterlichen Nachtwächters geschlüpft. Lindau ist eine Freie Reichsstadt. Sie ist ummauert und es sei daher nicht allzu schwer, sie vor bösen Buben aller Art zu schützen. Deshalb habe er seine Hellebarde noch nie einsetzen müssen, erklärt er seinen 70 Nachwuchsnachtwächtern, die ihn an diesem Abend begleiten und ihm brav und höchst interessiert an dunkle, lauschige und oft auch geheimnisvoll anmutende Plätze der Altstadt folgen.

„Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen…!“ Sornberger steht in der Ludwigstraße, ruft hinauf zu den Fenstern des imaginären Türmers, schwenkt seine Lampe. „Da seht ihr, er ist wach. Er schwenkt auch sein Licht, er antwortet“, sagt er zufrieden und ruft zum Türmer hinauf: „Hüt's wohl!“ 70 Augenpaare folgen seinem Blick und 70 Leute nicken, ja, sie können den Türmer sehen; denn der Nachtwächter hat sie mit seinem anschaulichen Rollenspiel längst in seinen Bann gezogen und ihre Fantasie entfacht. Im Geiste reißt er die Hotels und Häuser ab, die da stehen, wo früher die Stadtmauer mit ihren Türmen war, und betritt mit seinen Begleitern durch das imaginäre „Untere Inseltor“ die Stadt.

Licht für Spätheimkehrer

Der Lindauer Nachtwächter sei im Mittelalter vor allem für den Brandschutz zuständig, erklärt er, und er sorge für Ruhe und Ordnung. Und wie oft habe er schon Spätheimkehrern „heimgeleuchtet“, die zu nächtlicher Stunde aus dem Sünfzen stolperten. Denn im Mittelalter sind die Städte stockdunkel, es gibt keine Laternen. Das einzige Licht, das es nachts gibt, sind Kerzen und Fackeln und Glimmspäne.

Sie bergen gleichzeitig die Gefahr eines Brandes und sind deshalb verboten. Denn die Häuser sind aus Holz und stehen dicht an dicht. Brennt eines, brennen alle. Verheerende Stadtbrände haben Lindau schon heimgesucht.

Oft schimpfen die Leute zwar, wenn er so rufend und singend durch die Straßen wandert. „Aber sie sind doch froh, dass ich aufpasse“, erklärt Sornberger, der sich als lebendes Geschichtsbuch erweist. Nachdem seine Begleiter, es sind Touristen, aber auch etliche Einheimische, begierig sind, etwas aus der Stadtgeschichte zu erfahren, schüttet er sein Füllhorn aus. Dass die Lindauer im Mittelalter vom Wein leben. Dass die Frauen arbeiten müssen, weil der Verdienst des Gatten für die hungrigen Mäuler der vielen Kinder nicht ausreicht, erzählt er. Er erklärt, dass die Türen diese Bogenform haben, damit die Weinfässer durchpassen. Zeigt die Radabweiser, die die Ecken der Häuser schützen; denn die reichen Fugger aus Augsburg und die Humpis aus Ravensburg preschen mit ihren riesigen Pferdefuhrwerken durch die schmalen Gassen, um sie am Bodenseeufer bei der Lädine zu be- oder entladen.

Der Handel beginnt zu blühen. Die Häuser der reichen Patrizier werden mit Erkern geschmückt. Und die Straßen stinken. Denn aller Unrat und alle Fäkalien werden auf die schmalen Straßen gekippt. Dann wartet man auf „Scheißwetter“: auf Regen, der den ganzen Dreck wieder wegspült.

„Wie hat sich Lindau doch zum Glück verändert“, meint eine Urlauberin und schüttelt sich. Und Sornberger sagt: „Ja, aber die Menschen kennen es nicht anders. Das ist ihr Alltag.“ Oft sind die Schöpfbrunnen verseucht. Wo heute in den schön dekorierten Schaufenstern Ware gezeigt wird, hausten früher die Tiere. Im Stockwerk darüber wurde gelebt.

Intimität gab es nicht. „Wenn Papa und Mama Händchen halten, bekommen das alle mit“, erzählt Sornberger verschmitzt. Wie erfolgreich das „Händchenhalten“ trotzdem war, sehe man daran, dass die Mutter jedes Jahr ein Kindlein bekommt. Seine Zuhörer kleben förmlich an seinen Lippen. Lauschen andächtig, wenn er seine Lieder singt, oder Gedichte rezitiert.

Die beiden Freunde, Nico und Fabian aus Markdorf sind mit Nicos Mama Katja Paulik extra nach Lindau gefahren, um den Nachtwächterrundgang zu erleben und sie sind begeistert. Das Mittelalter habe es ihnen eh angetan und mit Sornberger werde es besonders lebendig.

Im Diebsturm erfahren sie, dass die Schlitzohren und Spitzbuben dort zwar bestraft wurden, aber dass über viele Jahrzehnte in Lindau der Galgen nicht benutzt wurde. Denn: „Die Leute werden zum Arbeiten gebraucht“, erklärt der Nachtwächter und singt zur Freude seiner Zuhörer und aus Spaß „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ in den dunklen Nachthimmel.

Sie kommen am Haus des Bäckers vorbei. Im Mittelalter wäre es jetzt drei Uhr morgens. Der von ihm aufgeweckte Bäcker würde ihm ein Stück Brot geben, das er, Fridl, obwohl sein Magen knurrt, aufhebt. Denn seine Kinder werden ihn am Morgen zu Hause begrüßen und sagen: „Papa, wir haben Hunger.“

Fast 150 Minuten lag erzählt und berichtet Fridolin Sornberger aus alter Zeit und erhält dafür begeisterten Beifall. Von Knechten und Mägdelein, von den Nachtwächtern die in den finsteren schmalen Gassen Ausschau nach Licht und Feuer in den Häusern halten, dafür sorgen, dass die Türmer nicht einschlafen damit alle anderen dafür ruhig schlafen dürfen.

Mit Beginn der Industrialisierung hat Lindau keine Verwendung mehr für ihre Nachwächter. Der Bahnhof wird gebaut und der Hafen ausgebaut, dafür werden die Steine der Türme, des Kirchleins auf der Römerschanze und der Kirche des Klosters Mehrerau verwendet. Im September 1857 geht der letzte Nachtwächter auf Rundgang…aber keine Sorge, seit 2006 dreht er wieder regelmäßig seine Runden…

(Erschienen: 19.08.2011 18:20)

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