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Wo die Gewaltzu Hause ist

Veronika Wäscher-Göggerle, Frauen- und Familienbeauftragte des Bodenseekreises, steht hinter der Ausstellung "Rosenstraße 76" in der Sparkasse Bodensee, die für häusliche Gewalt steht.
Veronika Wäscher-Göggerle, Frauen- und Familienbeauftragte des Bodenseekreises, steht hinter der Ausstellung "Rosenstraße 76" in der Sparkasse Bodensee, die für häusliche Gewalt steht.

FRIEDRICHSHAFEN / sz Eine Wohnung unter dem Dach der Sparkasse Bodensee wurde anlässlich des internationalen Frauentages im Foyer aufgebaut. Die „Rosenstraße 76“ ist keine Vorzeige-Immobilie der Bank, sondern eine interaktive Ausstellung zum Thema häusliche Gewalt. Ein Tabuthema, das ergreifend umgesetzt wurde.

Von unserer Mitarbeiterin  Lydia Schäfer

Zimmer frei in der Sparkasse Bodensee: Doch wer die „Rosenstraße 76“ erkundet, will dort nicht mehr einziehen. Dabei bietet die Dreizimmerwohnung alles, was man in einem herkömmlichen Haushalt braucht. Das Wohnzimmer mit der dazugehörigen Schrankwand, der Essbereich ist liebevoll dekoriert, im Schlafzimmer fehlen weder Kommode noch der Kleiderschrank, und im Kinderzimmer findet man Spielzeug und die Kinderbetten. Fehlt nur noch der Vorgarten, bepflanzt mit pflegeleichten Bodendeckern. Auf den ersten Blick ein Idyll, doch hinter der Fassade zeugen Infoschilder und Audio-Kassetten von einer anderen Realität.

Die Wohnung steht exemplarisch für ein Zuhause, in dem die Gewalt zu Hause ist. Betroffen von der Thematik der häuslichen Gewalt sind in erster Linie Frauen und Kinder. „Nach den Ergebnissen einer neuen Studie hat in Deutschland jede vierte Frau im Alter zwischen 16 und 80 Jahren körperliche und sexuelle Gewalt durch einen Beziehungspartner erlebt“, eröffnet Veronika Wäscher-Göggerle die Ausstellung. Das sei unabhängig vom sozialen Status, vom Bildungsstand, von der Kultur oder der Religionsangehörigkeit. Das sind Fakten und Zahlen, die für sich sprechen.

Sprachlosigkeit macht sich breit, wenn man die Wohnung betritt. Auf den Infotafeln kommen neben den Daten und Fakten auch Betroffene zu Wort. Schicksale, die berühren, Dokumente zahlloser Gewalttaten wie das Tagebuch der Tochter, die in kindlicher Handschrift mit einfachen Worten grausame Begebenheiten schildert, oder die achtlos auf der Kommode liegende Valiumpackung, die den Schmerz lindern soll. Es gibt Wunden, die bluten nicht, das wird bei einer Ortsbegehung der Rosenstraße deutlich.

„Stöbern sie in den Sachen, betrachten sie das Bücherregal und lassen sie sich Zeit, die Wohnung zu erkunden“, fordert Wäscher-Gögglere die Besucher auf. Ein Tabuthema, das mit eigentlich einfachen Mitteln ergreifend umgesetzt wurde. Der Besucher darf und soll jeden Winkel erkunden. Im Koffer stöbern, in der die Einladungskarte zur Hochzeit achtlos hingeworfen wurde. Vielleicht als ein Dokument aus einer anderen, besseren Zeit.

Dass dieses Thema noch immer zeitlos und doch aktuell ist, belegen auch die Zahlen der Polizei. Harald Reiner von der Polizeidirektion Friedrichshafen berichtete von 180 Polizeieinsätzen im Bodenseekreis. In 63 Fällen habe man einen Platzverweis ausgesprochen, sprich: Der Täter ist der Wohnung verwiesen worden, und „in jedem zweiten Fall waren Minderjährige betroffen, mittelbar oder unmittelbar“. Also auch hier ein Thema, über das man nicht hinwegsehen darf.

(Erschienen: 09.03.2010 19:00)

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