Nachrichten Friedrichshafen
Die Rettung kommt mit der Do 24

Die 75-Jährige, die im westpreußischen Neugut (heute polnisch Nowe Dobra) zur Welt gekommen ist und nach dem Krieg in Friedrichshafen eine Heimat gefunden hat, wischt sich eine Träne aus den Augen. Mit „es“ umschreibt sie eine schlimme Kindheit als Flüchtlingskind. In der das Flugboot Do 24 sie und fünf ihrer Geschwister rettet. Damals, als Millionen Deutsche aus den deutschen Ostgebieten vor der Roten Armee auf der Flucht sind, die sich mordend, vergewaltigend und brandschatzend ihren Weg nach Westen bahnt, nachdem die Wehrmacht in Russland verbrannte Erde zurückgelassen hat.
Geschwister werden auf drei Wagen verteilt
Die neue Lebensgefährtin des Vaters schnappt sich Alfred (5 Jahre) und Manfred (6), die beiden Kleinsten, als am 19. Januar 1945 bei extremer Kälte und meterhohem Schnee alle Bewohner Neuguts Hals über Kopf fliehen müssen. Was mit den anderen sechs Kindern Heinz (8 Jahre), Ursula (9), Werner (10), Ilse (11), Günther (13) und Waltraud (15) passiert, schert die Lebensgefährtin einen Dreck. Der Vater arbeitet bei der Bahn, die Treckkommandanten machen Druck – weg, nur weg von hier, die Sowjets kommen. Die sechs Geschwister werden auf drei Wagen verteilt. Bald müssen Heinz und Ursula ihren Wagen verlassen – sie gelten als unnützer Ballast. Die Geschwister kommen den Kleinen zu Hilfe. Zu sechst schlagen sie sich weiter durch – zu Fuß, mit einem Fahrrad, mit der Bahn, mit dem Bus.
Waltraud, die Älteste, ist schwer krank, als die Kinder in einem Lager am Fliegerhorst Kamp, zwischen Kolberg und Treptow an der Rega gelegen, ankommen. Dort lernen sie Marie Sanden kennen. Die Mutter, die mit ihren vier Kindern und der Großmutter ebenfalls auf der Flucht ist, nimmt sich der sechs Geschwister an. Drei Wochen bleibt die „Großfamilie“ dort. Bis am Morgen des 4. März 1945 eine beispiellose Evakuierungsaktion beginnt. Flugboote des Typs Do 24 der deutschen Seenotgruppe 81 heben im Minutentakt vom Kamper See ab, retten Tausende von Menschenleben. Zu den ersten gehören die Geschwister Gutsch mit Marie Sanden, deren Kindern und der Großmutter. „Am Hafen standen Unmengen von Leuten“, erinnert sich Ursula Huber. „Über ein Brett mussten wir hochklettern. Der Pilot hat uns gesagt, dass wir ganz nach hinten gehen müssen.“ An „Schaukelbewegungen“ erinnert sich Ursula Huber noch, und daran, dass ihr schlecht wurde, weil so viele Menschen in der Maschine waren. Sicher landet die Do 24 in Swinemünde. „Das Flugboot hat uns das Leben gerettet“, sagen die Geschwister.
Von Swinemünde geht es weiter nach Zwiedorf. 450 Kilometer haben die Kinder hinter sich. Doch die Not soll nicht enden. „Bei einem Bauern wurden wir Kinder wie Sklaven gehalten“, erinnert sich Günther Gutsch, der mittlerweile 80-jährige Bruder von Ursula. Seine Schwester fügt an: „Zwei Winter haben mein Bruder Heinz und ich gehungert. Wir haben nur überlebt, weil Waltraud uns in ihrer Schürze heimlich Pellkartoffeln gebracht hat.“
Das Rote Kreuz erlöst die Kinder: Sie werden nach Weingarten gebracht. Der Suchdienst hat herausgefunden, dass der Vater mit seiner Lebensgefährtin in Friedrichshafen lebt. Dort erleben die Geschwister eine herbe Enttäuschung: Der Vater interessiert sich nicht mehr für sie, die Kinder müssen sich weiter selber durchschlagen. Ursula hat Glück: Mit 14 Jahren wird sie im Sommer 1950 schwerkrank von Klara und Hans Matt aus Ailingen aufgenommen. „Sie haben sich um mich wie um ihr eigenes Kind gekümmert.“ Auch die Bunkhofener hat sie in guter Erinnerung: „Alle haben zusammengelegt, damit ich ein Konfirmationskleid bekommen habe.“
Ursula Huber und Günther Gutsch haben nur einen Wunsch: zur Ruhe kommen, endlich. Ruhe wünschen sie auch den Menschen, die seit dem 5. März 1945, einen Tag nach der Rettung der sechs Geschwister, auf dem Grund des Kamper Sees in einer Do 24 liegen. Der polnische Bürgermeister möchte die wohl von Sowjets abgeschossene Maschine mit vielen Kindern an Bord heben lassen. Die sterblichen Überreste sollen auf der Kriegsgräberstätte von Stare Czarnowo – früher Neumark – zur letzten Ruhe gebettet werden.
Ursula Huber kämpft mit den Tränen. „Lasst die Menschen in Frieden ruhen“, sagt sie und fügt leise an: „Es werden nur neue Wunden geschlagen.“
(Erschienen: 22.02.2012 12:20)

Die 75-Jährige, die im westpreußischen Neugut (heute polnisch Nowe Dobra) zur Welt gekommen ist und nach dem Krieg in Friedrichshafen eine Heimat gefunden hat, wischt sich eine Träne aus den Augen. Mit „es“ umschreibt sie eine schlimme Kindheit als Flüchtlingskind. In der das Flugboot Do 24 sie und fünf ihrer Geschwister rettet. Damals, als Millionen Deutsche aus den deutschen Ostgebieten vor der Roten Armee auf der Flucht sind, die sich mordend, vergewaltigend und brandschatzend ihren Weg nach Westen bahnt, nachdem die Wehrmacht in Russland verbrannte Erde zurückgelassen hat.
Geschwister werden auf drei Wagen verteilt
Die neue Lebensgefährtin des Vaters schnappt sich Alfred (5 Jahre) und Manfred (6), die beiden Kleinsten, als am 19. Januar 1945 bei extremer Kälte und meterhohem Schnee alle Bewohner Neuguts Hals über Kopf fliehen müssen. Was mit den anderen sechs Kindern Heinz (8 Jahre), Ursula (9), Werner (10), Ilse (11), Günther (13) und Waltraud (15) passiert, schert die Lebensgefährtin einen Dreck. Der Vater arbeitet bei der Bahn, die Treckkommandanten machen Druck – weg, nur weg von hier, die Sowjets kommen. Die sechs Geschwister werden auf drei Wagen verteilt. Bald müssen Heinz und Ursula ihren Wagen verlassen – sie gelten als unnützer Ballast. Die Geschwister kommen den Kleinen zu Hilfe. Zu sechst schlagen sie sich weiter durch – zu Fuß, mit einem Fahrrad, mit der Bahn, mit dem Bus.
Waltraud, die Älteste, ist schwer krank, als die Kinder in einem Lager am Fliegerhorst Kamp, zwischen Kolberg und Treptow an der Rega gelegen, ankommen. Dort lernen sie Marie Sanden kennen. Die Mutter, die mit ihren vier Kindern und der Großmutter ebenfalls auf der Flucht ist, nimmt sich der sechs Geschwister an. Drei Wochen bleibt die „Großfamilie“ dort. Bis am Morgen des 4. März 1945 eine beispiellose Evakuierungsaktion beginnt. Flugboote des Typs Do 24 der deutschen Seenotgruppe 81 heben im Minutentakt vom Kamper See ab, retten Tausende von Menschenleben. Zu den ersten gehören die Geschwister Gutsch mit Marie Sanden, deren Kindern und der Großmutter. „Am Hafen standen Unmengen von Leuten“, erinnert sich Ursula Huber. „Über ein Brett mussten wir hochklettern. Der Pilot hat uns gesagt, dass wir ganz nach hinten gehen müssen.“ An „Schaukelbewegungen“ erinnert sich Ursula Huber noch, und daran, dass ihr schlecht wurde, weil so viele Menschen in der Maschine waren. Sicher landet die Do 24 in Swinemünde. „Das Flugboot hat uns das Leben gerettet“, sagen die Geschwister.
Von Swinemünde geht es weiter nach Zwiedorf. 450 Kilometer haben die Kinder hinter sich. Doch die Not soll nicht enden. „Bei einem Bauern wurden wir Kinder wie Sklaven gehalten“, erinnert sich Günther Gutsch, der mittlerweile 80-jährige Bruder von Ursula. Seine Schwester fügt an: „Zwei Winter haben mein Bruder Heinz und ich gehungert. Wir haben nur überlebt, weil Waltraud uns in ihrer Schürze heimlich Pellkartoffeln gebracht hat.“
Das Rote Kreuz erlöst die Kinder: Sie werden nach Weingarten gebracht. Der Suchdienst hat herausgefunden, dass der Vater mit seiner Lebensgefährtin in Friedrichshafen lebt. Dort erleben die Geschwister eine herbe Enttäuschung: Der Vater interessiert sich nicht mehr für sie, die Kinder müssen sich weiter selber durchschlagen. Ursula hat Glück: Mit 14 Jahren wird sie im Sommer 1950 schwerkrank von Klara und Hans Matt aus Ailingen aufgenommen. „Sie haben sich um mich wie um ihr eigenes Kind gekümmert.“ Auch die Bunkhofener hat sie in guter Erinnerung: „Alle haben zusammengelegt, damit ich ein Konfirmationskleid bekommen habe.“
Ursula Huber und Günther Gutsch haben nur einen Wunsch: zur Ruhe kommen, endlich. Ruhe wünschen sie auch den Menschen, die seit dem 5. März 1945, einen Tag nach der Rettung der sechs Geschwister, auf dem Grund des Kamper Sees in einer Do 24 liegen. Der polnische Bürgermeister möchte die wohl von Sowjets abgeschossene Maschine mit vielen Kindern an Bord heben lassen. Die sterblichen Überreste sollen auf der Kriegsgräberstätte von Stare Czarnowo – früher Neumark – zur letzten Ruhe gebettet werden.
Ursula Huber kämpft mit den Tränen. „Lasst die Menschen in Frieden ruhen“, sagt sie und fügt leise an: „Es werden nur neue Wunden geschlagen.“
(Erschienen: 22.02.2012 12:20)





































