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Deutschlands bestes Lästermaul „verbrennt sich die Platte“

Urban Priol gibt sich leutselig.
Urban Priol gibt sich leutselig.

FRIEDRICHSHAFEN / sig Er ist das Beste, was Deutschland derzeit an Lästermäulern zu bieten hat. Darin sah sich nach mehr als drei Stunden ein knallvoll besetzter Hugo-Eckener-Saal im Graf-Zeppelin-Haus bestätigt, in dem es am Freitagabend nicht einmal mehr den berühmten letzten freien Platz gab. „Aufrücken“ hieß die schriftliche Aufforderung an den Stuhlreihen. Anstaltsleiter Urban Priol war ausverkauft.

Hin und wieder an einem Glas Weißbier nippend, ansonsten permanent auf der Bühne unterwegs, um Mainfränkisch zu „babbeln“ – so erlebten die Besucher einen Priol in Hochform. Aus Aschaffenburg kommend, von Insidern auch „Aschebersch“ genannt, hat sich der Politikkabarettist am Mittag am Bodenseeufer zwar „die Platte verbrannt“, was sich aber eher positiv auswirken sollte. Vom Wetter über Griechenland und dem Vulkan bis hin zur schwarz-gelben Chaos-Combo oder „Tigerenten-Koalition“ in Berlin mit der in Rom gestrandeten Kanzlerin im Pinguin-Schritt hatte er alles drauf, was seine generationenübergreifenden Fans von ihm erwarteten. Mehr noch.

Was wird heute im Fernsehen ein Theater um das Wetter gemacht. Auch ohne Kachelmann. Früher hat es einfach geheißen, „es wird arschkalt“, und jeder hat gewusst, ob er das Grillen planen kann oder nicht. Eine Lebensmittelknappheit hat man wegen des Vulkans erwartet, nur weil die Anlieferung von Hummer und Papayas nicht pünktlich gewährleistet schien. Zur heutigen Neugier von Google erinnerte er an die Volkszählung von 1986, wegen der man auf die Straße gegangen war.

Wo ist die Krise? Prior kennt nur eine, und das ist die Koalitionskrise, in der sich die CDU vor sich selbst retten muss, und Westerwelle, der früher ständig nach Neuwahlen gerufen hat. Westerwelles Staatsreisen sind „all inclusive“-Urlaubsreisen für Familienangehörige. Und vom Bundespräsidenten hat der Mainfranke lange nix gehört. Ist er entführt worden, und wenn Ja, wozu? Den Politikern gehe es um Postengeschachere und nicht ums Land. Dirk Niebel sei die Krönung („was hat der fürs ,i‘ bezahlt?“). Der hat zwölf alte Kumpels zusätzlich eingestellt und festgestellt: „Loyalität geht vor Kompetenz.“ „Versorgungsorgien“ nennte Prior das.

Bei der katholischen Kirche herrscht noch finsteres Mittelalter, sagte er. Aufklärung habe in ihr seit Jahrhunderten nicht funktioniert. Zollitzsch titulierte er den Anti-Käsmann, und die letzte Hoffnung der katholischen Kirche heiße „Marx“ -- wer hätte das gedacht? Als der geäußert habe, „Asche auf unser Haupt“ zu streuen, habe der Vulkan in Island gesagt: „Das könnt ihr haben“ -- und gerülpst. Prior meinte: „Im gütigen Benedikt schlummert der alte Ratzinger“.

„Wie im Film“ nennt Urban Prior sein Programm. Er sieht die Kompetenz der neuen Familienministerin Schröder darin, dass sie „Hessisch kann“ und als Teenager einst für Helmut Kohl schwärmte („Hatten deren Eltern nichts dagegen?“). Zu Minister Karl-Theodor fiel ihm ein: „Seit wann trägt Lothar Matthäus Brille?“ Und: „Hauptsache, die Frisur sitzt.“

„Mutti Merkel“ ist eines seiner Lieblingsopfer. Als Physikerin müsste sie wissen, wie man tröge Materie in Energie umwandelt, zeigte er sich enttäuscht von ihrer Tatenlosigkeit. Schon sein Therapeut hat ihn gerügt: Wieso prügeln sie ständig auf diese Frau ein, die macht doch nix? Sie regiert das Land „Schritt für Schritt ins Koma“. Die Regierung fährt auf Sicht, das tat die Titanic auch, erkannte er und stellte fest: „Dieses Land ist nicht mehr zu retten.“ Zu den Griechen leuchtete ihm längst ein, warum die ihre Häuser nie fertig bauen (siehe Akropolis). Solange nämlich zahlt man dort keine Steuern. Dass die „annan“ (anderen) auch blöd sind, bewies Prior am Beispiel (Gen-) Italiens. Dort wird Berlusconi wegen seiner diversen Damengeschichten bei Wahlen nicht etwa abgewatscht, sondern erhalte noch zwei Sitze mehr. „Seither überlegt Seehofer...“.

Mit Glücksforschern und neuen Heilsverkündern wie seinem Kollegen Hirschhausen legte sich Prior an. Er nannte Anselm Grün den Dalai Lama aus dem fränkischen Hinterland, deren wichtigste Aufgabe es sei, das Volk ruhigzustellen. Michael Schumacher empfahl er, endlich Steuern in Deutschland zu zahlen – und das Befolgen eines Wahlspruchs der Dakota-Indianer: „Wenn du merkst, dass du auf einem toten Pferd reitest, dann steige ab.“ Noch eine Frage stellte er sich: „Wie viele Steuern muss der deutsche Staat in der Schweiz auftreiben, um das auszugleichen, was die Bayern LB an einem Tag veruntreut hat?“

Urban Prior musste immer öfter an seinen Schnaps-Vorrat, um zu betäuben, was so alles falsch läuft im Staat. Momentan ist er dabei, sich im Keller eine kleine Brennerei einzurichten. Er geht immer öfter runter.

(Erschienen: 25.04.2010 14:25)

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