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„Die Geburtsstunde Europas war nicht aufzuhalten“

Beim Festakt von Europa-Union Bodenseekreis und Zeppeli-Universität zum 
60. Jahrestag der Geburtsstunde des vereinten Europas am Sonntagabend in der ZU (von links): Andre Berberich, der Vorsitzende des Kreisverbands 
Friedrichshafen der Jungen Europäischen Förderalisiten an der ZU, der 
Hagnauer Bürgermeister Simon Blümcke, 
Dr. Thomas Häringer von der Vertretung des Landes Baden-Würtztemberg bei der Europäischen Union, MdL Ulrich Müller, Festredner Professor Dr. 
Werner Weidenfeld und Professor Tim Göbel von der ZU.
Beim Festakt von Europa-Union Bodenseekreis und Zeppeli-Universität zum 60. Jahrestag der Geburtsstunde des vereinten Europas am Sonntagabend in der ZU (von links): Andre Berberich, der Vorsitzende des Kreisverbands Friedrichshafen der Jungen Europäisch

FRIEDRICHSHAFEN / sig 60 Jahre, nachdem der französische Außenminister Robert Schuman die Zusammenführung der deutschen und der französischen Kohle- und Stahlproduktion formuliert hatte, gedachten die Europa-Union Bodenseekreis und die Zeppelin-Universität (ZU) in einem Festakt der Geburtsstunde Europas. Hauptreferent war der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Werner Weidenfeld.

Schumans Ziel war es, durch die Europäisierung der Ressourcen der Rüstungsindustrie zu erreichen, dass es nie wieder Krieg zwischen den Nationen Europas gibt. Die Schuman-Erklärung gilt seither als die Geburtsurkunde der europäischen Einigung. Der stellvertretende Landesvorsitzende der überparteilichen Europa-Union, Hagnaus Bürgermeister Simon Blümcke, sagte, der 9. Mai sei der Europa-Tag schlechthin. MdL Ulrich Müller bedauerte anhaltende Demokratie-Defizite auf europäischer Ebene und widersprach der kleinkarierten Meinung, Deutschland sei der Zahlmeister Europas. Das sei man nachweislich nicht. Baden-Württemberg überweise beispielsweis mehr Geld für den Länderfinanzausgleich. Mehr Kenntnis über die Nachbarn mahnte Dr. Thomas Häringer von der Vertretung des Landes Baden-Württemberg bei der Europäischen Union an.

Über „60 Jahre Schuman-Plan: Historische Erfahrungen und strategische Perspektiven“ referierte der renommierte Münchner Politikwissenschaftler und Historiker Professor Dr. Werner Weidenfeld. Der Schuman-Plan kontrolliere bis heute die Tagesordnung Europas, erinnerte er an dieses Schlüsselereignis vor 60 Jahren. Bis dahin, so Weidenfeld, dominierten Kriege und Hass diesen Kontinent.

Der Aufbruch kam mit Ende des Zweiten Weltkriegs. „Nie wieder darf so etwas passieren“, so die Vision quer durch alle Länder und in allen Widerstandsbewegungen. Allerdings: Als der Vertrag in Form gegossen werden sollte, meldeten sich die Bedenkenträger -- vor allem aus England. Der Kompromiss war ein Europarat ohne Mehrheitsentscheidung. Für viele Europäer nach der Aufbruchsstimmung eine Enttäuschung. Der große Bundesstaat war gescheitert.

Doch die Stunde Europas war nicht aufzuhalten. Der „strategische Kopf“ Jean Monet verfasste ein Papier, das Robert Schuman las und das – subtil und weitreichend formuliert -- als Schuman-Erklärung in die Geschichte eingegangen ist. Die Zusammenlegung der Kohle- und Stahlproduktion sollte die gemeinsame wirtschaftliche Entwicklung sichern. Dem stimmte Konrad Adenauer sofort zu. Denn dadurch sah er die anti-westliche Einstellung in Deutschland eingedämmt. Was folgte, waren auch Erfolgszahlen der Wirtschaft.

Eine Aufbruchsstimmung und Politiker wie damals wünscht sich Weidenfeld auch heute, da es um die Sicherung der politischen Handlungsfähigkeit geht. Er stellte fest, dass in allen Mitgliedsstaaten die Tendenz zunimmt, die nationalen Parlamente zu stärken. Europa hat aberdutzende Aufträge, forderte er ein neuerliches strategisches Aufbruchsdenken bei den derzeit 27 Mitgliedsländern. Kritik übte er an der Stimmengewichtung im Ministerrat, in dem Deutschland über 29 Stimmen verfügt, nach Größe und Bedeutung aber Anspruch auf 767 haben sollte.

Zuvor hatte MdL Ulrich Müller daran erinnert, dass Europa eine Schicksalsgemeinschaft aber keine Haftungsgemeinschaft ist. Vor dem Hintergrund der Griechenland-Pleite sieht er ein Defizit an Eigenverantwortlichkeit.

(Erschienen: 10.05.2010 16:20)

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