Rund um Ehingen
Schlecker: „Wir haben so etwas wie Schonfrist“
Ilona Herzog arbeitet seit 13 Jahren bei Schlecker. Angefangen hat sie aber im Osten, in Hoyerswerder. Vor einem Jahr kam sie in den Süden, in das Zentrum des Schlecker-Imperiums. „Meine Aufgabe war es, die neuen Märkte aufzubauen“, erzählt Herzog. Alle waren motiviert, hatten neuen Elan. Und mit diesem Schwung kam sie auch in die Vorzeige-Filiale nach Allmendingen – den ersten Markt mit dem neuen Shop-System. Sie lernte Lars und Meike Schlecker kennen, kam ins Fernsehen. Alles war aufregend und positiv. Doch das Fax bremste die Euphorie. „Es war ein Schock, ganz klar“, sagt Ilona Herzog. Danach setzten sich die drei Frauen in der Allmendinger Filiale zusammen. Und sie beschlossen zu kämpfen.
Die Schiebetüre geht auf. Ein Mann tritt in die hellen Räume der Schlecker-Filiale und geht direkt zur Kasse. „Guten Morgen!“, ruft Astrid Jähnichen ihm gutgelaunt entgegen. „Zigaretten?“ Die Marke, die der Kunde will, ist nicht dabei. Egal, dann nimmt er halt eine andere. „Tschühüs!“ Vor der Insolvenz wäre diese kleine Szene anders verlaufen: „Früher hätten uns die Kunden eine Szene gemacht“, erzählt Astrid Jähnichen. „Wir bekommen eben nicht jeden Tag Ware geliefert, sondern einmal in der Woche. Aber die Kunden haben das nicht verstanden.“ Seit dem 20. Januar haben die Kunden Verständnis. Und nicht nur das: „Sie fragen, wie es uns geht. Und sie versprechen, uns zu unterstützen“, erzählt Ilona Herzog. „Wir haben so etwas wie Schonfrist“, sagt Astrid Jähnichen und lacht.
„Es muss weitergehen“
Gleich nach der Insolvenz kam ein zweites Fax: „Leitfaden zur Personalregelung“ stand auf der ersten von drei Seiten. „Es besagt eigentlich nur, dass alles im Insolvenzverfahren normal weiterläuft“, sagt Herzog. Alter Urlaub bleibt bestehen, es wird weiter in die Krankenkasse gezahlt und auch Überstunden werden mit dem Insolvenzgeld bezahlt, sagt sie. „Klar haben wir Angst“, gibt Ilona Herzog zu. „Aber es muss weitergehen.“ Sie und ihre beiden Kolleginnen in Allmendingen haben sich vorgenommen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie lächeln und verdrängen die Zukunftsangst. Sie beantworten die Fragen der Kunden ehrlich. Und sie freuen sich über jedes Stück Normalität.
„Ware einräumen hat noch nie so viel Spaß gemacht“, sagt Astrid Jähnichen. Am Donnerstag kam eine große Lieferung Süßigkeiten und Getränke. Davor gähnten große Lücken im Süßigkeiten-Regal. Auch das Klopapier wurde knapp. „So langsam kommt die Ware aber wieder“, sagt Jähnichen. Nur die Zigaretten lassen noch weiter auf sich warten. Am Mittwoch kam ein Fax, das darüber informierte.
Ilona Herzog arbeitet und lebt gerne in Allmendingen, am Nabel der Schlecker-Welt. Auch wenn es dort nach der Insolvenz anders ist, als erwartet. Emotionaler irgendwie. Näher dran eben, wie sie sagt. „Aber ich gehe erst, wenn die Türe zu ist“, sagt sie. Solange werde sie alles tun, um den Umsatz zu steigern. „Es wurde so viel geredet. Wahrscheinlich bleibt da immer ein kleiner Nachgeschmack“, sagt sie. Sie hofft trotzdem, dass alles wieder so wird wie früher. Wie vor dem Schicksals-Fax.
(Erschienen: 10.02.2012 19:15)
| Themendossier: Schlecker - der Ehinger Drogerieriese |
Ilona Herzog arbeitet seit 13 Jahren bei Schlecker. Angefangen hat sie aber im Osten, in Hoyerswerder. Vor einem Jahr kam sie in den Süden, in das Zentrum des Schlecker-Imperiums. „Meine Aufgabe war es, die neuen Märkte aufzubauen“, erzählt Herzog. Alle waren motiviert, hatten neuen Elan. Und mit diesem Schwung kam sie auch in die Vorzeige-Filiale nach Allmendingen – den ersten Markt mit dem neuen Shop-System. Sie lernte Lars und Meike Schlecker kennen, kam ins Fernsehen. Alles war aufregend und positiv. Doch das Fax bremste die Euphorie. „Es war ein Schock, ganz klar“, sagt Ilona Herzog. Danach setzten sich die drei Frauen in der Allmendinger Filiale zusammen. Und sie beschlossen zu kämpfen.
Die Schiebetüre geht auf. Ein Mann tritt in die hellen Räume der Schlecker-Filiale und geht direkt zur Kasse. „Guten Morgen!“, ruft Astrid Jähnichen ihm gutgelaunt entgegen. „Zigaretten?“ Die Marke, die der Kunde will, ist nicht dabei. Egal, dann nimmt er halt eine andere. „Tschühüs!“ Vor der Insolvenz wäre diese kleine Szene anders verlaufen: „Früher hätten uns die Kunden eine Szene gemacht“, erzählt Astrid Jähnichen. „Wir bekommen eben nicht jeden Tag Ware geliefert, sondern einmal in der Woche. Aber die Kunden haben das nicht verstanden.“ Seit dem 20. Januar haben die Kunden Verständnis. Und nicht nur das: „Sie fragen, wie es uns geht. Und sie versprechen, uns zu unterstützen“, erzählt Ilona Herzog. „Wir haben so etwas wie Schonfrist“, sagt Astrid Jähnichen und lacht.
„Es muss weitergehen“
Gleich nach der Insolvenz kam ein zweites Fax: „Leitfaden zur Personalregelung“ stand auf der ersten von drei Seiten. „Es besagt eigentlich nur, dass alles im Insolvenzverfahren normal weiterläuft“, sagt Herzog. Alter Urlaub bleibt bestehen, es wird weiter in die Krankenkasse gezahlt und auch Überstunden werden mit dem Insolvenzgeld bezahlt, sagt sie. „Klar haben wir Angst“, gibt Ilona Herzog zu. „Aber es muss weitergehen.“ Sie und ihre beiden Kolleginnen in Allmendingen haben sich vorgenommen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie lächeln und verdrängen die Zukunftsangst. Sie beantworten die Fragen der Kunden ehrlich. Und sie freuen sich über jedes Stück Normalität.
„Ware einräumen hat noch nie so viel Spaß gemacht“, sagt Astrid Jähnichen. Am Donnerstag kam eine große Lieferung Süßigkeiten und Getränke. Davor gähnten große Lücken im Süßigkeiten-Regal. Auch das Klopapier wurde knapp. „So langsam kommt die Ware aber wieder“, sagt Jähnichen. Nur die Zigaretten lassen noch weiter auf sich warten. Am Mittwoch kam ein Fax, das darüber informierte.
Ilona Herzog arbeitet und lebt gerne in Allmendingen, am Nabel der Schlecker-Welt. Auch wenn es dort nach der Insolvenz anders ist, als erwartet. Emotionaler irgendwie. Näher dran eben, wie sie sagt. „Aber ich gehe erst, wenn die Türe zu ist“, sagt sie. Solange werde sie alles tun, um den Umsatz zu steigern. „Es wurde so viel geredet. Wahrscheinlich bleibt da immer ein kleiner Nachgeschmack“, sagt sie. Sie hofft trotzdem, dass alles wieder so wird wie früher. Wie vor dem Schicksals-Fax.
(Erschienen: 10.02.2012 19:15)
Themendossiers
Der Drogeriekonzern Schlecker aus Ehingen war lange die Nummer eins der Branche in Deutschland. Die Mitarbeiterzahl liegt bei über 30 000 in Deutschland und weiteren rund 17 000 im Ausland. Nach hunderten Schließungen liegt die Zahl der Läden in Deutschland wohl knapp unter 7000, hinzu kommt die Tochter Ihr Platz. 3000 weitere Schlecker-Filialen gibt es im Ausland. Im Januar 2012 meldete das Ehinger Familienunternehmen Insolvenz an, jetzt sollen weitere Filialen geschlossen werden.
mehr


































