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Die Herzen vibrieren – die Finger nicht

OCHSENHAUSEN / sz Zu Beginn ihrer Frühjahrstournee durch Deutschland mit Konzerten in renommierten Konzertsälen, wie der Berliner Philharmonie, hat die Junge Deutsche Philharmonie unter Sir Roger Norrington mit Werken von Robert Schumann und Johannes Brahms bei einer öffentlichen Generalprobe in Ochsenhausen begeistert. Carolin Widmann war die gefeierte Solistin in Bela Bartóks Violinkonzert. Richard Wagner als Zugabe bildete den Schlusspunkt der romantischen Spurensuche.

Von unserem Mitarbeiter  Ludwig Weigel

Auf der einen Seite Norrington, dem der Ruf des „Stuttgart Sound“ vorauseilte und auf der anderen die Besten in der deutschen Musikhochschul-Landschaft, die am Anfang ihrer Karrieren stehen, das war eine spannende Sache. Spannend auch das viel versprechende Motto des Konzerts „Frei, aber einsam“ nach der Brahmschen Tonfolge „f-a-e“ . Um es vorwegzunehmen: Der reife Sir am Dirigentenpult war mit dem Motto nicht gemeint. Er und die jungen Philharmoniker hatten intensiven Kontakt und verstanden sich prächtig, und das Motto wandelte sich, so wie es sich für Brahms gehört, schließlich in „Frei, aber froh“. Es wurde ein in seiner Gesamtthematik fesselnder Abend mit typischem „Ochsenhausen Sound“. Offensichtlich hatten die jungen Musiker in ihrer Probenphase viel vom Ambiente der Musikakademie aufgesogen, was sie dann dank Norrington in ihre Sehnsucht nach Freiheit umsetzen konnten.

Die Freiheit, ihren Gefühlen durch Vibrato Ausdruck zu verleihen, so wie es Land auf, Land ab gelehrt wird, bekamen sie allerdings nicht. War dies Norringtons Masche oder wirklich eine Notwendigkeit für eine historische Musizierpraxis? „Wenigstens bei Bartók hätten wir uns das Vibrato gewünscht“, so eine Geigerin nach dem Konzert. Also, so ganz froh wurden die jungen Musiker nicht.

Carolin Widmann ließ sich als Solistin in Bela Bartóks Violinkonzert nichts verbieten. Sie vibrierte nach Herzenslust und gewann mit ihrem perfekten Spiel und ihrer Virtuosität die Herzen aller auf dem Podium und im Saal – und das bei einem Stück eines Vertreters der Moderne! Ein großes Tongemälde schuf die junge Professorin aus Leipzig. Sie lieferte ein Beispiel dafür, wie Sehnsucht, Wärme, Charme, Energie, Temperament, Nachdenklichkeit und Kraft musikalisch dargestellt werden können. Unvergesslich ihre Zwiesprache mit der Harfe sowie das Ende des zweiten Satzes in atemberaubender Stille. Sie zaubert mit Klangfarben – und all dies durchgängig mit einem sehr variablen Vibrato.

Norringtons Interpretation der 3. Sinfonie von Johannes Brahms hatte zwar einen Hauch von romantischen Zeitgeist und war mit der künftigen Generation unserer Orchester sorgfältig erarbeitet. Klug das Reduzieren der opulent besetzten Streicher auf die vorderen Pulte an Stellen der Entspannung. Höhepunkte und Glanzlichter waren sorgfältig herausgearbeitet und wurden vom Dirigenten genüsslich gouttiert und von den zuweilen etwas ungestümen jungen Leuten mit jugendlicher Begeisterung aufgenommen. Aber insgesamt überwog als Folge Norringtons Klangvorstellungen trotz enthusiastisch gespielter Passagen die glasklare Transparenz der Partitur, die perfekte Werkanalyse. Das Klangbild schien mit der Feder gezeichnet und nur gelegentlich mit dem Pinsel gemalt.

Der Abend hatte hochromantisch mit der Ouvertüre zur Oper „Manfred“ von Robert Schumann begonnen. In der vorgelegten Spielweise wurde Lord Byrons Gedicht in der Vertonung des psychisch labilen Komponisten mit allen innewohnenden Spannungen, mit allen Irrungen und Wirrungen bestens umgesetzt. Hier passen Sir Roger Norringtons Klangvorstellungen perfekt.

(Erschienen: 08.03.2010 16:25)

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