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Ravensburg
Baden-Württemberg

„Wir sind nicht stumm“

Die gehörlosen Andreas Nagel (li) und Holger Nagel im Gespräch mit Gebärden-Dolmetscherin Elli Schob
Die gehörlosen Andreas Nagel (li) und Holger Nagel im Gespräch mit Gebärden-Dolmetscherin Elli Schob
Katharina Stohr

sz Andreas und Holger Nagel sind eineiige gehörlose Zwillinge. Inklusion und Barrierefreiheit sind für sie noch weit entfernt.

Ein Gespräch mit den eineiigen gehörlosen Zwillingen Andreas und Holger Nagel, 36, ist ohne großes Gelächter schlecht vorstellbar. Die beiden verfügen über viele Spielarten des Humors und lachen auch gern über sich selbst. Auf die Frage, ob es auch heute noch Berufe gibt, die Gehörlosen verschlossen sind, antwortet Holger, der sieben Minuten nach seinem Bruder geboren ist: „Naja, Astronaut wahrscheinlich. Und in einem Callcenter bei einer Telefonhotline würden sie mich wohl auch nicht nehmen“. Wie sieht der Alltag gehörloser Menschen in der Region heute aus? Welche Barrieren stellen sich ihnen entgegen? Wie gehen sie damit um?

Zweisprachige Zwillinge

Andreas und Holger Nagel sind schon deswegen Experten für diese Fragen, weil sie beide von Geburt an gehörlos sind. Sie sind aber auch ehrenamtlich in der Gehörlosen-Szene aktiv. Andreas ist „Kofo-Leiter im HG BAO“. Ein Kofo ist ein Kommunikationsforum, das regionale Gehörlosenvereine in Deutschland regelmäßig als Informationsveranstaltungen anbieten. Und „HG BAO“ ist das Hörgeschädigten-Zentrum Bodensee-Allgäu-Oberschwaben. Die Brüder sind außerdem im Gehörlosensportklub GSC Bodensee engagiert. Andreas ist dort Freizeitleiter, Holger ist 2. Vorsitzender und Webmaster für die vereinseigene Homepage. Außerdem amtiert er als Landesfachwart in der Sparte Bowling.

Andreas und Holger Nagel sind zweisprachig. Ihre Muttersprache ist die DGS, die Deutsche Gebärdensprache. Wenn es nötig ist, verständigen sie sich aber auch in Lautsprache. Mit ihren Hörgeräten können sie „so etwas wie eine Stimme“ wahrnehmen, einzelne Wörter aber nicht. Auch zusätzliches Lippenlesen bringt nicht immer Gewissheit. „Rot“ und „grün“ sind genauso leicht zu verwechseln wie „Mutter“ und „Butter“, „Haus“ und „raus“. „30 Prozent der Wörter können Gehörlose maximal ablesen, und auch nur, wenn klar ist, über welches Thema gerade gesprochen wird. Die restlichen 70 Prozent müssen sie kombinieren“, sagt Beate Müller von der Beratungsstelle für Hörgeschädigte in Ravensburg.

„Dass Gehörlose angeblich ganze Sätze von den Lippen ablesen können, ist ein Märchen. Wenn ein Hörender im Gespräch plötzlich das Thema wechselt, reißt der Gesprächsfaden total ab.“ Ist ein Gespräch in Lautsprache dennoch nicht zu umgehen, haben Andreas und Holger Nagel drei praktische Tipps parat: „Langsam und deutlich sprechen. Immer Blickkontakt halten beim Reden. Und zur Not Papier und Stift dabeihaben.“ Und wenn das Gegenüber ein Mann ist und einen dichten Bart trägt, wäre es nicht schlecht, er würde ihn abrasieren.

Um in der Welt der Hörenden zurechtzukommen, haben Andreas und Holger Nagel viel auf sich genommen. Schon als Kindergartenkinder waren sie im Internat der Gehörlosenschule in Wilhelmsdorf. Damals, vor etwa 30 Jahren, wurde nicht nur in Wilhelmsdorf die „orale Erziehungsmethode“ praktiziert. Gehörlose hatten Lautsprache zu lernen. Die Gebärdensprache war tabu. Heute finden beide es gut, dass sie sprechen gelernt haben, aber „die Unterdrückung der Gebärdensprache schon in Kindergarten und Schule hat bei vielen Gehörlosen dazu geführt, dass sie ihr Selbstbewusstsein nicht richtig entwickeln konnten“.

In Wilhelmsdorf machten sie ihren Hauptschulabschluss, gingen in Neckargemünd in die Realschule, um schließlich in Essen, an einem der drei Gymnasien für Gehörlose in Deutschland, ihr Abitur zu machen. Die Lautsprache hilft Andreas, der als Chemielaborant bei Nestlé arbeitet, und Holger, der Elektroniker bei Siemens in Konstanz ist, zumindest im direkten Kontakt mit den Kollegen. Wenn aber ein Meeting ist, brauchen sie eine Gebärdensprachdolmetscherin. Und wenn es darum geht, mit dem Vorgesetzten ein Personalgespräch zu führen, ebenfalls.

Ihre Muttersprache, sagen die Brüder immer wieder, ist die DGS, die Deutsche Gebärdensprache. Sie ist ganz natürlich zu ihnen gekommen, so wie jede Muttersprache zu ihrem Sprecher kommt. Die Zwillinge gebärdeten schon als Kleinkinder miteinander, als ihnen noch niemand beigebracht hatte, dass es eine Gebärdensprache überhaupt gibt.

Von Barrierefreiheit im Alltag und Inklusion in die Gesellschaft sind Gehörlose noch weit entfernt. Auch die zweisprachigen Nagel-Brüder. „Wir brauchen kein Behinderten-WC und keine Rolltreppen. Wenn, dann brauchen wir eine Gebärdensprachdolmetscherin. Und oft kriegen wir keine, weil sie nicht bezahlt wird oder weil sie keine Zeit hat.“ Arbeitgeber, erzählen die Brüder, würden oft selbst bestens qualifizierte Hörgeschädigte nicht beschäftigen. Sehr kritisch sehen sie die Formulierung in Stellenausschreibungen, dass Menschen mit Behinderung bevorzugt eingestellt würden. Gehörlose, so ist ihre Erfahrung, seien offenbar nicht gemeint.

Auf Flughäfen und in Bahnhöfen werden kurzfristige Änderungen oft nur über Lautsprecher durchgegeben. Und dann? Einer der beiden Nagel-Brüder hat es am eigenen Leib erlebt, wie es ist, wenn ein voll besetztes Flugzeug auf einen einzigen Passagier wartet, der in letzter Sekunde die Gangway hinaufhetzt, atemlos in der Tür steht und von Hunderten von Augenpaaren angestarrt wird. Wenn bei einem Familienfest oder einer Betriebsfeier Hörende und Gehörlose eingeladen sind, findet das in der Welt der Hörenden statt. Andreas Nagel erzählt: „Zufällig waren wir letzte Woche zu zwei Hochzeiten am selben Tag eingeladen. Zu meinem hörenden Cousin und zu einem gehörlosen Paar. Was glauben Sie, für welche Hochzeit wir uns entschieden haben?“ Ein besonders krasses Beispiel von gleich doppelter Diskriminierung: Bei einer Multivisionsshow übers Klettern wollten die sportbegeisterten Brüder eine Dolmetscherin engagieren. Der Veranstalter lehnte das ab. Er befürchtete, dass die hörenden Besucher zu sehr von der Dolmetscherin abgelenkt würden. Die Wünsche der Gehörlosen ignorierte er und den Hörenden traute er wohl nicht zu, sich auf Bilder und Stimme zu konzentrieren.

Gehörlose Schauspieler

Wenn sich Gehörlose mit Hörenden treffen, dann sind es oft „CODAs, „Children Of Deaf Adults“, also hörende Kinder tauber Eltern. Die allermeisten CODAs beherrschen heute DGS und sind damit ebenfalls zweisprachig. Wie Louane Emera, die im Film „Verstehen Sie die Béliers?“ in der Hauptrolle als Paula eine CODA, eine hörende Tochter gehörloser Eltern spielt. Andreas und Holger Nagel haben sich den Film mit Untertiteln angeschaut. Er hat ihnen zwar insgesamt gefallen. Dass aber die Schauspieler, die Paulas gehörlose Familie spielen, keine Gehörlosen sind, finden sie nicht gut. „Es gibt in Frankreich genauso wie in Deutschland eine hoch entwickelte Gehörlosenkultur mit tollen Schauspielern. Wahrscheinlich hatte der Regisseur Angst vor der Kommunikation oder keine Lust, eine Dolmetscherin bei den Dreharbeiten zu bezahlen“, sagt Holger.

Oft fahren die Nagel-Brüder, die in Überlingen und Meersburg wohnen, mit anderen Gehörlosen in die Schweiz, um ins Kino zu gehen. In dem viersprachigen Nachbarland sind viel mehr Filme untertitelt. Und wenn dann noch wie in „Terminator 5: Genysis“ der Bass im Kino richtig schön aufgedreht wird, „sind die Explosionen einfach klasse“, sagt Holger Nagel.

Ihre Muttersprache ist es, die Gehörlose miteinander verbindet, übrigens weltweit. Weil sie diese faszinierende Sprache haben, sollte man endlich aufhören, von „Taubstummen“ zu reden: „Wir sind nicht stumm!“ Mit der Sprache hat sich eine ganz eigene Kultur etabliert. Obwohl sie dem Inklusionsgedanken grundsätzlich zustimmen und selbst sehr viel tun, um sich in der Welt der Hörenden sicher zu bewegen, plädieren die Brüder doch dafür, diese Kultur zu schützen und zu erhalten. Beispiel Sonderschule: Wenn Schulen für Gehörlose abgeschafft würden, wenn ein gehörloses Kind in einer Regelschule mit einem Dolmetscher in einer Klasse mit lauter Hörenden sitzt, „ist es sofort isoliert, wenn der Dolmetscher mal nicht da ist. Denn es hat niemanden mehr, mit dem es in seiner Sprache reden kann“.

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