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Ravensburg
Baden-Württemberg

„Sich ganz auf den Menschen einlassen, der stirbt“

Der SPD-Politiker Franz Müntefering begrüßt das neue Gesetz zur Sterbehilfe – Forderung nach mehr Palliativversorgung
„Alle, die Hauptamtlichen und die Ehrenamtlichen, haben Respekt und Dank verdient“, sagt Franz Müntefering, auf dem Foto zu sehe
„Alle, die Hauptamtlichen und die Ehrenamtlichen, haben Respekt und Dank verdient“, sagt Franz Müntefering, auf dem Foto zu sehen bei einer Podiumsdiskussion dieses Jahr in Ravensburg bei Schwäbisch Media.
Roland Rasemann

Ravensburg sz Franz Müntefering, der ehemalige SPD-Vorsitzende und langjährige Bundesminister, begrüßt das neue Gesetz zur Sterbehilfe, das der Bundestag verabschiedet hat. Der 75-Jährige, der sich 2007 zeitweise aus der Politik zurückzog, um seine unheilbar kranke Ehefrau pflegen zu können, hofft, dass künftig Geld, Zeit und Qualifikation verfügbar sind für gute Sterbebegleitung nach den Maßstäben heutiger Hospiz- und Palliativversorgung. Im Gespräch mit Hendrik Groth fordert Müntefering, dass mehr Palliativärzte und -fachkräfte ausgebildet werden.

Herr Müntefering, Sie haben sich stets gegen aktive Sterbehilfe ausgesprochen: „Mein Tod gehört mir – da mache ich doch ein Fragezeichen dahinter.“ Hat der Bundestag mit dem Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe nun das richtige Gesetz beschlossen?

Der Gebrauch des Begriffs „aktive Sterbehilfe“ ist hier mal wieder tendenziös. Es ging um „ärztlich assistierte Beihilfe zur Selbsttötung“. Hilfe beim Sterben ist gut und fast immer nötig. Helfen und helfen lassen, das ist wichtig.

Reicht das neue Gesetz zur Sterbehilfe aus, um Organisationen wie „Dignitas“ zu begegnen?

Ich hoffe. Jedenfalls stellt es klar, dass auch „geschäftsmäßige“ Beihilfe zur Selbsttötung untersagt ist.

Die Diskussion über eine aktive Sterbehilfe haben Sie als hochgefährlich bezeichnet. Drei Viertel der Deutschen aber befürworten aktive Sterbehilfe. Welches sind Ihre Argumente dagegen?

Wenn man ehrlich und differenziert fragt, werden auch die Antworten bedächtiger. Denn mit Hospiz- und Palliativversorgung, mit Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht lassen sich die allermeisten Ängste um „schweres Sterben“ ausräumen oder deutlich reduzieren.

Sterben ist nicht schwerer geworden als früher, im Gegenteil. Und wir dürfen den Menschen keine unnötige Angst machen, aber auch nicht dem Gesetzgeber und den Ärzten das Handeln zuschieben, wenn wir selbst entscheidend Einfluss nehmen können.

Glauben Sie, dass die vielen Befürworter aktiver Sterbehilfe der Entscheidung des Bundestags folgen? Oder werden mehr Menschen beispielsweise in die Schweiz fahren, um dort die Hilfe von Sterbehilfeorganisationen in Anspruch zu nehmen?

Das ist keine Glaubensfrage, sondern eine von Statistik und vorher ehrlicher Aufklärung.

Sie sehen die Beihilfe zum Suizid kritisch: „Wir alle sind mitverantwortlich dafür, auch was der andere tut.“ Warum überlassen Sie die Entscheidung über den eigenen Tod nicht dem Individuum?

Mehr als die Hälfte derer, die sich selbst töten, sind psychisch krank, sagen die Experten. Muss mir das egal sein? Muss ich ungerührt zusehen, wenn neben mir einer das Leben so unerträglich findet, dass er es selbst abbrechen will? Sieht er selbst es in einer Stunde oder einem Monat schon wieder anders?

Treibt das Gesetz Ärzte nicht in die Illegalität? Ärzteverbände befürchten, dass schon eine ergebnisoffene Beratung von Patienten, die sich mit Selbsttötungsabsichten tragen, schwerst belastet, ja nicht mehr möglich sein wird.

Unterstellen Sie, dass diese Ärzte bisher legal geschäftsmäßig assistiert haben? Ich nicht.

Klar ist doch: Die Kernregelung bleibt unverändert. Und die geschäftsmäßige Assistenz ist nun ausdrücklich verboten, um die von manchen gesuchte Grauzone zu schließen.

Hilft das neue Gesetz Ärzten, Pflegern, Angehörigen, vor allem Patienten?

Ja, aber noch mehr hilft das neue Gesetz zur Hospiz- und Palliativversorgung.

„Zeit haben, zuhören, reden, Hand halten, Leiden lindern“: Ihr Zitat. Reicht dies aus, um Menschen beim Sterben zu helfen?

Es ist jedenfalls ein großes Manko, wenn es diese Zeit nicht gibt. Diese Zeit kostet Geld, wenn man sie garantiert, aber das ist es wert.

Wie stellen Sie sich zeitgemäße Hospizarbeit vor?

Sich ganz auf den Menschen einlassen, der stirbt. Ihm helfen. Zeit für ihn haben. Wissen, dass Heilung nicht mehr möglich ist. Sterben zulassen, wenn der Mensch erschöpft ist. Das ist die größte und beste zivilgesellschaftliche Bewegung, die in den letzten Jahrzehnten wirksam wurde und wuchs. Alle, die Hauptamtlichen und die Ehrenamtlichen, haben Respekt und Dank verdient.

Der Bundestag hat auch bessere Bedingungen für die Palliativversorgung beschlossen. Was erwarten Sie nun von Palliativmedizinern und Hospizen?

Dass in allen Pflegeeinheiten auch Geld und Zeit und Qualifikation verfügbar ist für gute Sterbebegleitung nach den Maßstäben heutiger Hospiz- und Palliativversorgung.

Reicht das Gesetz zur Finanzierung aus, um den Anforderungen einer alternden Gesellschaft gerecht zu werden?

Wichtig ist, dass die SAPV (Spezialisierte ambulante Palliativ-Versorgung) überall garantiert wird, auch ambulant, auch in Heimen, auch in den dünner besiedelten Regionen. Dass Bund und Länder dafür sorgen, dass die nötige Zahl von Palliativärzten und -fachkräften ausgebildet wird, damit die gesetzlich garantierten Hilfen auch realisiert werden können.

Wie kann die Gesellschaft ausreichend Pflegekräfte zur Verfügung stellen und prüfen, ob die Pflegeversicherungseinnahmen reichen?

In zwei Jahren soll es eine erste Evaluierung zum Bereich Hospiz und Palliativ geben. Denn der Erfolg ist möglich, aber noch nicht garantiert.

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