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Überschall schaut Nachbarn auf Maul und Finger

Christian Überschall nahm in der Hägeschmiede seine Schweizer Landsleute und die Bewohner seiner Wahlheimat Bayern aufs Korn. Ga
Christian Überschall nahm in der Hägeschmiede seine Schweizer Landsleute und die Bewohner seiner Wahlheimat Bayern aufs Korn. Ga

WANGEN / sz Am Freitagabend hatte Christian Überschall „Highlights aus seinen Klassikern“ mit in die Hägeschmiede in Wangen gebracht. Das Publikum dankte es dem in München lebenden Schweizer Kabarettisten mit viel Applaus.

Von unserer MitarbeiterinVera Stiller

Wer erst kürzlich in Salzburg zum „besten in München lebenden Schweizer Kabarettisten“ gewählt wurde, der hat es nicht ganz leicht. Muss er sich doch gleich gegenüber drei Ländern erkenntlich zeigen. Kein Problem für Christian Überschall: In seinem Best-Of-Programm „Das Wunder von Bern“ tat er das mit einer Mischung aus Sprachforschung und Mentalitätsanalyse. Ganz nach dem Motto: „Den Nachbarn nicht immer ganz so liebevoll aufs Maul und auf die Finger geschaut.“

Christian Überschall gehört zu den Spätberufenen. Erst als 44-Jähriger sagte er als Steuerberater der „Bilanzkosmetik“ und dem „Gewinntuning“ Ade und versuchte sein Glück als Kabarettist und Pianist. Beides mit Erfolg, wie man sieht. Die Kunst des im Berner Oberland Geborenen liegt darin, völlig unaufgeregt von seinen Gedanken und Erfahrungen mit Gott und der Welt zu erzählen. Dabei ist das politische Kabarett seine Sache nicht, wenngleich er sich den einen oder anderen Seitenhieb gegen die Mächtigen im Land nicht verbeißen kann.

Mit „Wie gesagt – gibt’s noch Fragen?“ beginnt Überschall seinen Abend, der wegen schneller ironischer Wendungen, satirischer Sprünge und tiefsinniger Stopps eine ganze Menge an Aufmerksamkeit und gedanklicher Beweglichkeit vom Publikum abverlangt.

Nach einem kurzen Intermezzo auf dem Klavier bekennt der selbst ernannte „Entwickler von Scheibenwischern, unter die man keinen Strafzettel mehr klemmen kann“, erst einmal, dass in Bern tatsächlich alles unter „Quickie“ läuft, „wozu man nicht einen Tag frei nehmen muss“. Um sich dann den Deutschen und ihren typischen Merkmalen zuzuwenden. Fazit: „Es ist eine gewisse grimmige Entschlossenheit bei allem, was sie tun – egal ob Müll trennen, Bausparen oder Schnäppchen jagen. Gepaart ist diese mit einer unerfüllbaren Sehnsucht nach Leichtigkeit!“ Wie Überschall kein anderes Volk kennt, „das 400 Kilometer hin und zurück nach Boss fährt, um ein Sakko mit zu langen Ärmeln zu kaufen“.

In punkto Essgewohnten sieht es nicht viel besser aus: „Kein Schweizer Gastronom würde Deutschen Wurstsalat auf die Speisekarte setzen.“ Und dennoch hat der seit 1968 in München Lebende eine Deutsche geheiratet. „Die Integration auf die Spitze getrieben“, nennt er das. Doch seine Taktik ging nicht auf: „Sie stammt aus Magdeburg, ich hatte anno 1970 gehofft, dass nicht ständig Verwandtschaft auf der Matte steht.“ So erklärt sich also, „warum auch ich geweint habe, als die Mauer gefallen ist.“

Apropos München, dieser „Mischung aus Raiffeisen und Armani, aus Gamsbart und Mikrochip“. Was Christian Überschall an den Bayern zu denken gibt, ist eine gewisse Orientierungslosigkeit, die sich in der Häufigkeit des Satzes „Ja wo samma denn?“ manifestiert. Die spannendste Variante der bayerischen Lebensart findet er in München, „wo man nie so genau weiß, wenn man jemanden mit einem weißen Pülverchen hantieren sieht: Ist das jetzt Mentholschmalzler oder etwas Kostbareres?“

Wie gesagt: die Österreicher haben Christian Überschall zum „besten in München lebenden Schweizer Kabarettisten“ erkoren. Vielleicht blüht ihm eine ähnliche Ehrung ja auch aus Sicht der Allgäuer. Dann wäre er „der beste in Wangen aufgetretene Münchener Kabarettist schweizerischer Abstammung“. Auch nicht schlecht, oder?

(Erschienen: 07.12.2009 12:10)

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