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Kaffeefahrt startet mit Eklat

Busfahrer setzt Fahrtteilnehmer unter Druck – Rentner steigt vorzeitig aus
Kaffeefahrt startet mit Eklat
Kaffeefahrt startet mit Eklat

Von Nina Jahnel

Leutkirch Die Versprechen sind blumig: „Wir haben für Ihr Recht gekämpft“, heißt es in einem Schreiben, dass den Absender Konrad Herzog & Partner Finanzdienstleistungen trägt. Es geht um 951,72 Euro, „und wir können Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass Ihnen dieser Betrag in vollem Umfang zusteht“, steht da.

Ein solches Schreiben ist dieser Tage auch einigen Leutkirchern ins Haus geflattert. Den vermeintlichen Gewinn sollen die „Gewinner“ am 22. Februar in einer Zweigstelle bei Leutkirch abholen – Hin- und Rückfahrt per Bus seien organisiert, und am Ziel sei „extra ein wunderschönes Rahmenprogramm mit einem kostenlosen Frühstück“ geplant. Und damit nicht genug: Als Zusatzprämien winken kostenlos Navigationsgeräte oder Handys.

Im Internet finden sich seitenweise Warnungen vor dubiosen Kaffeefahrten im Namen von Konrad Herzog & Partner. Was die Besucher dabei erwarten kann, darauf gab ein Vorfall gestern Morgen in Leutkirch einen Vorgeschmack:

Mittwoch, 22. Februar, 8.55 Uhr, Busbahnhof, Steig 1. Zwei Senioren sitzen im Wartehäuschen. „Ja, mir wisset scho, dass mir nix gewonnet hau“, sagt die Dame. Das sei ja klar, wer das glaubt, sei ja schön dumm. Mitfahren wollen sie und der ältere Herr aus Leutkirch trotzdem. Einen Augenblick später sind zwei Beamte der Polizeidirektion Ravensburg, Ermittlungsgruppe Gewerbe und Umwelt, da. Der Bus – mit einer Firmenadresse im niedersächsischen Walsrode auf der Seite – kommt, öffnet die Tür, die beiden Senioren steigen rasch ein. Ebenso die Polizeibeamten. Sie greifen zum Mikrofon. Noch sei an der Veranstaltung, die in einem Gasthof bei Memmingen stattfinden soll, nichts Illegales zu erkennen. Dennoch appellieren die Beamten an den gesunden Menschenverstand der Teilnehmer, raten, wachsam zu sein und die Polizei zu informieren, sobald den Senioren irgendetwas verdächtig vorkomme. Da meldet sich Günther P. (Name der Redaktion bekannt), der in Biberach zugestiegen ist und in der ersten Reihe sitzt. Er weist die Polizei auf einen Riss in der Frontscheibe hin. Daraufhin steht der Busfahrer auf, greift den Mann mit Worten an: „Wollen Sie mich bei der Polizei verpetzen? Ihr Gesicht merk’ ich mir – ich nehm’ sie nachher nicht mit zurück, steigen sie am besten gleich aus!“ Günther P. lässt sich zunächst nicht beirren, sagt, der Busfahrer habe während der Fahrt mit dem Handy telefoniert und sei bei jedem Schaltvorgang freihändig gefahren. Der Busfahrer gerät weiter in Rage, droht Günther P. und den anderen Fahrgästen. „Der macht mich nervös, wenn der im Bus bleibt, fahre ich nicht weiter.“ Die Polizeibeamten versuchen, den aufgebrachten Busfahrer zu beruhigen. Der schließt plötzlich die Bustür. Die Beamten bleiben draußen stehen, können aber sehen, dass der Fahrer mit den Gästen spricht. „Jetzt macht er Druck“, mutmaßt der Polizeibeamte Christof Baur, das weiß er aus Erfahrung. Solche Veranstaltungen laufen stets nach dem gleichen Muster ab.

Was der Fahrer den Fahrgästen gesagt hat, erzählt Günther P. der Schwäbischen Zeitung später so: „Er hat mich zum Buhmann gemacht, hat gesagt, dass ich ein Petzer wäre und noch einiges andere mehr. Er hat versucht, die anderen gegen mich aufzuhetzen, was ihm bei einigen auch sofort gelungen ist.“ Als er sich plötzlich sogar von anderen Fahrgästen gemobbt sah, habe er sich entschlossen, an der Fahrt nicht mehr teilzunehmen, sondern direkt in Leutkirch auszusteigen. „Eine Frau hat lautstark gerufen, was ich denn für ein Mensch sei, ich würde erst gratis fressen und saufen und mich dann beschweren“, erzählt Günther P..

Diese Haltung überrascht die Polizeibeamten nicht. „Wenn wir zu solchen Veranstaltungen kommen, sind wir bei den Leuten nicht die Guten“, sagt Christof Baur. Die Teilnehmer seien häufig sogar verärgert über die Beamten, die ihnen den schönen Ausflug verderben. Dabei können die Behörden nur dann einschreiten, wenn die „Wanderlager“, so heißen die Kaffeefahrten im Fachjargon, nicht angemeldet sind. Dennoch ist es gang und gäbe, bei diesen Veranstaltungen überteuerte Produkte wie Heizdecken, Nahrungsergänzungsmittel oder Cremes zu verkaufen, notfalls auch, indem Druck ausgeübt wird.

Noch etwas erzählt Günther P. in einem Telefonat mit der Schwäbischen Zeitung: Schon in Biberach sei die Polizei dagewesen und habe den Bus kontrolliert. Der Fahrer sei mit den Beamten dort sehr freundlich umgegangen, habe aber danach gleich zum Telefon gegriffen, jemand angerufen und etwas gesagt wie „Warnung, wir wurden kontrolliert.“

Die Polizei in Ravensburg hat vorsichtshalber die Kollegen in Memmingen informiert. Die hat sich, wie ein Polizeisprecher des Präsidiums Schwaben Süd/West bestätigt, vom Veranstalter vor Ort die Genehmigung für das Wanderlager zeigen lassen. Die sei einwandfrei gewesen, so dass es für die Polizei keine Handhabe gegeben habe.

Für Günther P., der den Bus vorzeitig verlassen hat und lieber mit dem Zug von Leutkirch nach Biberach zurückgefahren ist, ist jedenfalls eines klar: „Für mich ist nach diesem Tag endgültig Schluss, das war die letzte Fahrt in dieser Richtung.“ Gewinnerschreiben, wie das von Konrad Herzog & Partner landen bei ihm künftig sofort im Papierkorb.

(Erschienen: 22.02.2012 19:50)

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