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Kauder: „Im Islam muss noch viel passieren“

CDU-Fraktionschef Volker Kauder über die weltweite Christenverfolgung
Der Vorsitzende der Unionsfraktion, Volker Kauder (CDU) , setzt sich für einen besseren Schutz der Christen ein.
Der Vorsitzende der Unionsfraktion, Volker Kauder (CDU) , setzt sich für einen besseren Schutz der Christen ein. (Foto: dpa)

Berlin / klw Religiöser Terror in Nigeria, Angst vor einer Islamisierung Nordafrikas, Anschläge auf Kirchen in Malaysia – die Lage vieler Christen im Ausland ist prekär. Und verschärft sich noch, sagt der CDU-Bundesfraktionschef Volker Kauder. Mit ihm sprach unser Redakteur Klaus Wieschemeyer.

SZ: Herr Kauder, wie ist die Lage der Christen in der Welt?

Volker Kauder: Die Christen sind die am meisten verfolgte Religionsgruppe der Welt. Das hängt vor allem damit zusammen, dass der christliche Glaube sehr universell und über den ganzen Globus verbreitet ist.

SZ: Wurde die Lage 2011 besser?

Kauder: Die Lage hat sich eher verschlechtert, und zwar in dem Maße, in dem immer mehr Länder in Asien und Afrika unter den Einfluss radikaler Muslime kommen. Die Christen werden vor allem dort verfolgt, wo der Islam erstarkt. Der Grund ist, dass der Islam den Wechsel zu anderen Religionen unter Strafe stellt. Man darf in diesen Ländern nicht mehr öffentlich für die eigene Religion einstehen, weil dies als Versuch der Missionierung verstanden werden kann. Darüber hinaus sind in vielen islamischen Ländern Staat, Gesellschaft und Religion eng verwoben. Regierungen sind versucht, die religiösen Regeln der Scharia umzusetzen. In der alten ägyptischen Verfassung – und leider auch in der neuen – steht zum Beispiel, dass der Staat auf Basis der Scharia zu organisieren ist.

SZ: Wurde der arabische Frühling zu optimistisch eingeschätzt?

Kauder: Da muss man differenzieren. In Tunesien sieht es bisher ganz gut aus. In Libyen kann man noch nicht genau sagen, wie es laufen wird. In Ägypten läuft es schlecht.

SZ: Hat Sie die ägyptische Entwicklung überrascht?

Kauder: Wir haben alle nicht geglaubt, dass die Islamisten mit den Moslembrüdern und den Salafisten bei der Wahl zusammen mehr als 70 Prozent der Stimmen bekommen. Mit diesem Ergebnis wird es für Ägyptens Christen schwer –obwohl sie immerhin zehn Prozent der Bevölkerung stellen.

SZ: Doch die Wahl war demokratisch. Müssen wir Europäer das Ergebnis nicht einfach akzeptieren?

Kauder: Demokratie muss Menschen- und Bürgerrechte garantieren – auch die von Minderheiten. Wenn das nicht gewährt ist, ist es keine Demokratie. Länder wie Ägypten haben keine demokratische Tradition. Das wird Zeit brauchen, da gibt es viel zu tun. Wir werden hier nicht von einem Tag auf den anderen Erfolg haben.

SZ: Was werden Sie in Sachen Ägypten tun?

Kauder: Die Bundesregierung führt Gespräche. Außerdem werden in den nächsten Wochen 20 Kollegen der CDU/CSU-Fraktion nach Ägypten reisen, dort Gespräche führen und die in ihrer Arbeit bedrohte Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützen...

SZ: … die Durchsuchung dort war doch schon Ende Dezember…

Kauder: ... doch die Stiftungsmitarbeiter haben ihre Computer noch immer nicht zurückbekommen.

SZ: Ihre Fraktionskollegin Erika Steinbach schlägt vor, die Zahlung von Entwicklungshilfe von Religionsfreiheit abhängig zu machen.

Kauder: Den Vorschlag lehnen die Christen in den betroffenen Ländern ab, weil sich ihre Lage damit noch weiter verschärfen würde. Wir müssen mit den Regierungen und Vertretern der Muslime ernsthaft reden. Aber auch hier muss man differenzieren. In Ägypten beispielsweise müssen wir klar machen, dass wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit von Rechtssicherheit und Religionsfreiheit abhängt. In Ägypten können wir die wirtschaftliche Zusammenarbeit als Hebel benutzen. In anderen Ländern hilft Öffentlichkeit. Wir haben bei dem Künstler Ai Weiwei gesehen, was eine öffentliche Diskussion beispielsweise in China bewirken kann.

SZ: Kann man mit Gesprächen die Lage der Christen verbessern?

Kauder: Politische Gespräche mit den jeweiligen Regierungschefs sind durchaus hilfreich. Nehmen Sie Indien, die zahlenmäßig größte Demokratie der Welt. Religionsfreiheit ist dort in der Verfassung garantiert, und trotzdem sehen die Behörden immer wieder weg wenn es zu religiösen Auseinandersetzungen kommt. Da hilft die direkte Ansprache. Der indische Ministerpräsident Manmoham Singh hat nach seinem Besuch in Deutschland und Frankreich 2010 dafür gesorgt, dass die vorher in der Provinz Orissa verfolgten Christen besser von den Behörden geschützt werden. Das hat er mit dem Satz begründet, er wolle bei seinem nächsten Besuch in Europa nicht mehr auf das Thema angesprochen werden.

SZ: Gilt das auch für ein Land wie Nigeria, in dem sich gerade unbeschreibliche Szenen abspielen?

Kauder: Ja, denn es bringt Öffentlichkeit. Auch ein Staat wie Nigeria möchte nicht ständig am Pranger stehen. Deshalb bringt es etwas, das Thema anzusprechen und in das öffentliche Bewusstsein zu bringen. Ich werde übrigens im April nach Nigeria reisen, um den überfallenen Kirchengemeinden beizustehen. Auch das bringt wieder Öffentlichkeit. Allerdings versucht die Regierung in Nigeria, den Terror einer extremistischen Gruppe abzustellen.

SZ: Reicht es, durch die Welt zu reisen und zu reden?

Kauder: Wir müssen viel mehr tun. Religionsfreiheit muss Thema der internationalen Völkergemeinschaft werden. Es gibt zu allen möglichen Themen UN-Resolutionen, doch zur Christenverfolgung ist mir keine einzige bekannt. Deswegen bin ich am 13. Februar bei UN-Generalsekretär Ban Ki-moon in New York. Ich bin dankbar, dass er mich empfängt...

SZ: Ein deutscher Fraktions-Chef bekommt einen Termin beim Chef der Vereinten Nationen?

Kauder: Die Kanzlerin hat da sehr geholfen. 

SZ: Lässt sich mit dem Thema Christenverfolgung politisch ein Blumentopf gewinnen?

Kauder: Es ist noch ein Randthema, aber es wird in den Kirchengemeinden immer intensiver diskutiert. Ich bin viel in der Sache unterwegs – und es berührt die Menschen in ganz Deutschland.

SZ: Wie ist die Lage in Deutschland?

Kauder: Auch hier müssen wir den Dialog führen. Wir müssen erklären, dass es ein existenzielles Menschenrecht ist, seine religiöse Überzeugung leben zu können. Religionen müssen gewaltfrei sein. Es ist unhaltbar, wenn Muslime, die zum Christentum konvertieren, Angst haben müssen – auch in Deutschland. Ich will, dass auch Juden und Muslime ihren Glauben frei leben dürfen. Darum stehe ich ja auch manchmal in der Kritik, weil ich dafür bin, dass Muslime in Deutschland Moscheen bauen. Das gehört aber zur Religionsfreiheit dazu. Und wenn sich in islamischen Ländern Schiiten und Sunniten bekämpfen, verurteile ich das auch.

SZ: Wie lässt sich Verfolgung langfristig verhindern?

Kauder: Wir müssen, vor allem in den Ländern Afrikas, gute Lebensperspektiven für die Menschen erreichen. In Ägypten war der Aufstand der Jüngeren auch ein Aufbegehren gegen die sozialen Verhältnisse.

SZ: Das braucht einen langen Atem.

Kauder: Auch in Europa haben wir lange gebraucht - vom Mittelalter bis heute. Ich setze darauf, dass wir im Dialog mit dem Islam und den muslimischen Ländern etwas erreichen. Dabei geht es mir zunächst einmal gar nicht darum, über den Islam speziell zu reden, sondern allgemein für Toleranz für andere Religionen zu werben. Und da muss im Islam noch viel passieren.

(Erschienen: 25.01.2012 12:00)

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