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Politik

Tanz der wilden Hengste

In der Wüste Namib im Südwesten Afrikas haben sich Pferde aus der deutschen Kolonialzeit zur eigenen Rasse entwickelt
  • Die Tränke von Garub ist für die Wildpferde unverzichtbarer Wasserspender und Ort der sozialen Interaktion.
    Markus Poch
  • Die Biologin Telané Greyling erforscht das Verhalten der Wildpferde.
    Markus Poch
  • Die jungen Hengste erproben ihre Stärke.
    Markus Poch

Windhoek sz Erbarmungslos flimmert die Hitze über dem ausgedörrten Boden. Das Thermometer zeigt 51 Grad, Tendenz: steigend. Kilometerweit ist kein Fels, kein Baum, kein Schatten in Sicht. Ein Schluck Wasser würde jetzt guttun. Selbst die Oryx-Antilope, eine Überlebenskünstlerin der unwirtlichsten Regionen Afrikas, sehnt sich nach Erfrischung. Da plötzlich taucht am Horizont ein magerer, rotbrauner Hengst auf; ihm folgen ganz dicht, wie die nächste Perle auf einer Schnur, ein weiterer und noch einer und ein Fohlen und eine Stute.

Sie wirken matt, aber doch zielstrebig und tapfer unter der sengenden Sonne. Auf dem langen Marsch wirbeln ihre Hufe den Staub der ältesten Wüste der Welt auf: Es sind die wilden Pferde der Namib – lebendige Relikte der deutschen Kolonialzeit in Namibia vor 100 Jahren.

Tränke an der Bahnstation

Das Ziel der durstigen Tiere ist seit fast einem Jahrhundert das einzige Wasserloch weit und breit – die Tränke von Garub, einer ehemaligen Bahnstation. Dort tankten bis 1977 eigentlich die Dampfloks der South African Railways ihr Kühlwasser auf. Die fantastische Geschichte einer niemals geplanten Koexistenz von Eisenbahn und wilden Pferden mitten in der Wüste geht zurück ins Jahr 1905, als Namibia noch Deutsch-Südwestafrika hieß. Damals beschloss der Deutsche Reichstag den Bau einer Bahnlinie vom Küstenort Lüderitzbucht bis zum Ort Aus im Inland – 125 Kilometer geradeaus durch menschenleeres Ödland. Die Bahnstrecke sollte den beschwerlichen Ochsenkarrenpfad ersetzen und damit den Transport der berittenen deutschen Schutztruppen sowie der Versorgungsgüter in die südlichen Landesteile erleichtern.

Die Pferde des Bürgermeisters

Parallel kamen über Lüderitzbucht Tausende Pferde ins Land, die zunächst als Arbeitstiere zum Aufbau der deutschen Kolonie gebraucht wurden. Seit 1908, mit dem Ausbruch des Diamantenfiebers, leisteten sich zudem immer mehr Neureiche eine Pferdezucht. Regelmäßige Rennen mit wertvollen Tieren gehörten zum Zeitvertreib der Elite. Glanz und Gloria der kleinen Wüstenstadt am Südatlantik kamen erst 1914 zum Erliegen, als der erste Weltkrieg ausbrach. Der Einmarsch britisch-südafrikanischer Unionstruppen löste Chaos aus: Viele deutsche Siedler verließen das Land oder wurden deportiert. Hunderte versprengter Kavalleriepferde stürmten in die endlosen Weiten. Auch deutsche Pferde aus privaten Gestüten erlangten die Freiheit, darunter edle Tiere der Rassen Hackney, Trakehner und Shagya-Araber. Sie stammten aus dem Stall des Bürgermeisters von Lüderitzbucht, Emil Kreplin.

1915 wurde Deutsch-Südwestafrika dem südafrikanischen Militär unterstellt. Ein Großteil der versprengten Pferde war derweil in der Wüste verendet. Einige Tiere überlebten jedoch und begannen damit, sich zum Trinken an der Bahnstation von Garub zu treffen. Es waren die Ahnen der wilden Pferde der Namib, die sich dank minimaler menschlicher Beihilfe und nicht zuletzt der Gnade einiger tierlieber Bahnmitarbeiter durch grausame Dürrejahre hindurch bis in die Gegenwart behauptet haben. Ihre Zahl schwankt je nach Nahrungsangebot zwischen 150 und 300 Exemplaren, die in kleinen Familiengruppen leben – von 1920 bis 1977 in dem vor Jägern und Pferdefängern sicheren Diamantensperrgebiet, später im Schutz des Namib Naukluft Parks, der dem namibischen Umweltministerium untersteht. Diese jahrzehntelange Isolierung und einzig die natürliche Auslese haben sie zur eigenen Rasse geformt. Wissenschaftler bescheinigen den Tieren heute einen hervorragenden Genpool.

Niemand kennt die aktuell 260 wilden Pferde der Namib besser als Telané Greyling. Die 40-jährige Biologin und Reitlehrerin aus Südafrika kann sie alle unterscheiden. 16 Jahre lang hat sie deren Leben in dem 40 Quadratkilometer großen Gebiet beobachtet, ihre Erkenntnisse in einer Doktorarbeit und einem Buch verewigt. Und ihre Forschungen dauern an. Tausende Stunden verbringt sie mit der zähen Rasse, die sich den mörderischen Temperaturschwankungen der Wüste und dem permanenten Wassermangel so gut angepasst hat. „Ein sehr durstiges Pferd nimmt bis zu 40 Liter Wasser in einem Zug auf“, sagt Telané Greyling. „Oft kann man sehen, wie die sich auf dem Fell abzeichnenden Rippen wieder verschwinden, noch während es trinkt.“

Ein Ort der Begegnung

Die Tränke bei Garub, die seit dem Einsatz von Dieselloks ausschließlich den Tieren gehört, ist aber mehr als nur ein Wasserspender. Namibia-Reisende und Pferdenarren aus der ganzen Welt finden in dem nahen, überdachten Unterstand den perfekten Platz, um das Verhalten der Vierbeiner aus respektablem Abstand zu studieren, ohne zu stören. Für die Pferde ist das Wasserloch ein Ort der Begegnung und der sozialen Interaktion, hat die Forscherin herausgefunden – wie eine Kneipe oder ein Marktplatz für den Menschen. „Die Familiengruppen, die sonst Abstand voneinander halten, lernen sich hier kennen“, erklärt Greyling. „Vor allem die jungen Hengste trainieren Imponiergehabe und Kämpferqualitäten.“ Dass sie ihre Muskeln zeigen und sich stolz aneinander aufbäumen, ist aber oft nur Spiel. Für den Beobachter sieht das aus wie ein wilder Tanz, den sich zwei Halbstarke liefern, ehe es mit der eigenen Gruppe zurück zu den Weidegründen geht.

Diese Weidegründe sind in mageren Jahren nichts als karge Geröllfelder: Jedes andere Pferd würde bei deren Anblick ungläubig blinzeln und Fressbares vergeblich suchen. Doch die wilden Pferde der Namib finden dort ihr Bushman-Gras, ein den Boden oft nur wenige Millimeter überragendes, gelbes Kraut, das sie aus dem Staub rupfen. „Wegen der geringen Nährstoffmenge pro Biss müssen die Tiere den ganzen Tag lang fressen“, betont Telané Greyling. „Und trotzdem geht es ihnen in der Wüste besser, als den meisten Stallpferden auf der ganzen Welt. Denn hier sind sie frei. Ja, sie haben Parasiten und auch mal Verletzungen, aber keine Krankheiten. Wir Menschen greifen nur dann ein, wenn ein Tier zum Beispiel nach einem Hyänenangriff dem Tode geweiht ist. Dann wird es erschossen.“

Eine Stiftung für die Pferde

Über Themen wie Geburten- und Sterberate oder Sozialverhalten will die Biologin weitere wissenschaftliche Aufsätze und ein zweites Buch verfassen. Außerdem hat sie gerade mitgeholfen, eine Stiftung ins Leben zu rufen: Die Namibia Wild Horses Foundation soll die Lobby der Pferde stärken, den Fortbestand der Familiengruppen und deren Erforschung sichern sowie das Fernziel in Angriff nehmen: zum Erhalt der Rasse eine zweite Herde (Zweigpopulation) zu gründen.

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