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Sex und Gewalt in „Youtube Kids“

Kinder-App von Youtube zeigt verstörende Videos – Tausende Inhalte gelöscht
Verstörende Inhalte: Hinter harmlos wirkenden Kindervideos verbergen sich in der App Youtube Kids Gewalt und sexuelle Anspielungen.
Verstörende Inhalte: Hinter harmlos wirkenden Kindervideos verbergen sich in der App Youtube Kids Gewalt und sexuelle Anspielungen.
DPA

Ravensburg sz Eine App mit der Kinder risikofrei kindgerechte Videos aus dem Internet anschauen können - das war das Versprechen, das Youtube mit der Veröffentlichung von „Youtube Kids“ im September gab. Doch das Gegenteil ist der Fall: Doch hinter einigen vermeintlichen Videos für Kinder verbergen sich verstörende Gewalt- und Sexualdarstellungen.

Minnie Maus fährt mit Micky in einem Bus. Sie trägt ein sehr kurzes, rotgepunktetes Kleid. Immer wieder schaut Micky an ihr herab, seine Wangen werden rot. Als der Bus bremsen muss, stolpert er auf Minnie und fasst ihr unter den Rock. Während Minnie einen roten Kopf bekommt, grinst Micky hämisch. Zeichentrickvideos wie diese sind auf Youtube Massenware – und auch teilweise im Angebot der App „Youtube Kids“ zu finden.

Verstörender Bilder in Kinder-App

In dieser sollen kindgerechte Videos aus Youtube gebündelt und alles andere ausgesperrt werden – eigentlich. Seit dem Start der App im September haben allein auf dem Google Play Store rund 35 0000 Nutzer das Programm heruntergeladen. Doch sie bekommen unter Umständen auch Bilder zu sehen, die absolut nicht für Kinder geeignet sind.

Neben den animierten Videos findet sich auf dem vermeintlich speziell für Kinder geeigneten Kanal noch eine andere Art von Filmen. Darin werden echte Kinder beispielsweise gefesselt, tragen Babykleidung oder tanzen in Schuhen mit hohen Absätzen an Stangen. In einem Video injiziert ein in grünem Arztkittel und Mundschutz gekleideter Mann einem Mädchen zwei Spritzen in den Po. Das Mädchen schreit jämmerlich – vor laufender Kamera. Auch solche Videos tarnen sich mit harmlosen Titeln und sind unter Kanalnamen abrufbar, die Kinder ansprechen sollen.

Nur der Algorithmus prüft

Der Grund: Videos, die in die App einlaufen, werden nicht von Menschen auf den Inhalt geprüft. Die Auswahl trifft ein Algorithmus. Und der funktioniert mal besser und mal schlechter. So taucht zwischen Videos von „Peppa Pig“ und „Feuerwehrmann Sam“ auch mal eine Anleitung zum Steakbraten auf – und in einigen Fällen auch Inhalte, die mindestens ungeeignet für Kinder, teilweise sogar gefährlich sind.

Das ist kein Zufall. Videomacher tarnen ihre Inhalte durch Titel und Schlagworte als kindgerecht und unterlaufen so den Algorithmus. So landen Videos von Micky, der Minniemaus sexuell belästigt, oder Spiderman, der Disney-Prinzessin Elsa anpinkelt, in der Kinder-App. Die Masche der Videos ist dabei immer die gleiche: Die Videomacher nutzen populäre Charaktere aus Kinderfilmen und lassen diese zum Teil verstörende Handlungen ausführen. Die Helden der Kinder essen Fäkalien, trinken Alkohol, sind gewalttätig, begehen Suizid oder deuten sexuelle Handlungen an.

In einem Animationsvideo liegen Spiderman und Elsa am Strand und trinken Alkohol. Nachdem Elsa, die nur mit einem Bikini bekleidet ist, betrunken auf ihrer Liege eingeschlafen ist, legt sich Spiderman auf sie. Als Elsa aufwacht, ist sie schwanger.

Kinder könnten Verhalten kopieren

„Wenn solche Handlungen mit den für Kinder bekannten Figuren gekoppelt werden, besteht die Gefahr, dass Kinder dazu neigen, ein solches Verhalten ins echte Leben zu übertragen“, sagt Ursula Gasch, Kriminalpsychologin aus Tübingen. Denn mit populären Figuren wie Elsa oder Spiderman könnten sich Kinder besonders leicht identifizieren. Ein Mechanismus, den Videomacher gezielt einsetzen könnten. Denn so würden Kinder auf spielerische Art mit Sexualität in Kontakt gebracht, erläutert die Psychologin. Und dort lauert eine noch viel größere Gefahr. Gasch verweist auf Pädophile, die über das Internet Kontakt zu Kindern suchen.

Disney Deutschland hat bereits auf das im Netz als „Elsa-Gate“ bezeichnete Phänomen reagiert. „Wir haben unsere große Besorgnis gegenüber „Youtube Kids“ über die nicht autorisierten und unangemessenen Videos sowie über die widerrechtliche Nutzung unsere Charaktere zum Ausdruck gebracht“, teilt das Unternehmen auf Nachfrage der „Schwäbischen Zeitung“ mit. „Youtube Kids“ habe Disney versichert, die gemeldeten anstößigen Inhalte zu entfernen und gleichzeitig an effektiveren Möglichkeiten zu arbeiten, solche Vorfälle bereits im Vorfeld zu verhindern.

Youtube löscht Kanäle

Youtube hat nach eigenen Angaben mittlerweile mehr als 50 Kanäle und Tausende Videos gelöscht. Indirekt unterstützte das Unternehmen die Videokanäle, die teilweise eine Abonnentenzahl im sechsstelligen Bereich verzeichneten und zum Teil sogar Werbeeinnamen von Youtube erzielten. Susan Wojcicki, Geschäftsführerin von Youtube, hat in dieser Woche angekündigt, die Zahl der Mitarbeiter, die sich um die Prüfung von Inhalten kümmern, auf 10 000 zu erhöhen. „Inhalte, die Kinder gefährden, sind abscheulich und für uns nicht akzeptabel“, sagte ein Sprecher des Unternehmens. Es gebe klare Richtlinien gegen Videos und Kommentare, die Minderjährige in sexuell anstößigen oder missbräuchlichen Zusammenhängen zeigen. Seit Kurzem gehe Youtube härter gegen Inhalte vor, die zwar möglicherweise nicht illegal aber doch besorgniserregend seien, sagte er. „Uns ist bewusst, dass wir mehr tun und die sich stellenden Herausforderungen mit Nachdruck angehen müssen – durch zusätzliche Ressourcen, bessere Technologien wie maschinelles Lernen und durch mehr Personal.“

Das können Eltern tun

Eltern sollten Inhalte aus dem Internet nicht nur mit ihren Kindern gemeinsam ansehen, sondern diese bereits vorher überprüfen. Denn viele der gefährlichen Videos beginnen zunächst harmlos und entwickeln sich erst nach Minuten in eine verstörende Richtung. Genau informieren können sich Eltern zum Beispiel auf dem Portal www.flimmo.de, auf dem Fernsehsendungen auf ihre Tauglichkeit für Kinder überprüft werden. Ein ähnliches Angebot für Kinofilme gibt es unter www.kinderfilmwelt.de. Auch die größeren Streamingdienste bieten kindergeschützte Bereiche. „Eltern dürfen und sollen skeptisch sein und sollten sich nicht auf Markennamen verlassen“, sagt Kristin Langer, Mediencoach der Initiative „Schau hin, was dein Kind mit Medien macht“.

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Eltern sollten sich klar machen, dass es im Internet noch weniger Kontrollmöglichkeiten gibt, als im realen Leben. Und Kinder müssen darauf vorbereitet werden, dass die menschliche Sexualität neben vielen schönen und guten auch sehr böse und destruktive Seiten hat. Jungen und Mädchen, die ihren Eltern vertrauen können, werden ihnen berichten, wenn sie im Netz auf verstörende Inhalte stoßen.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen erwachsenen Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden mehr

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