Schwäbische.de Schwäbische.de
Heiter 22
Ravensburg
Kultur

Ein böses Buch wird zum Bestseller

Ravensburger Ausstellung „Hexenwahn 1484“ beleuchtet ein düsteres Kapitel
Die Hexen-Thematik regte auch die Phantasie der Künstler an. Hier eine Hexenszene von Hans Baldung Grien aus dem Jahr 1510.
Die Hexen-Thematik regte auch die Phantasie der Künstler an. Hier eine Hexenszene von Hans Baldung Grien aus dem Jahr 1510.
Kunstsammlung der Fürsten von Waldburg-Wolfegg und Waldsee

Ravensburg bami Wenn es den Menschen schlecht geht, suchen sie die Schuld bei anderen, gern bei Schwächeren. Zum Beispiel Frauen. Im ausgehenden Spätmittelalter begann eine beispiellose Verfolgung von Frauen als Hexen. Ravensburg spielt in dieser Geschichte eine unrühmliche Rolle. Die Gebrauchsanweisung zur Hexenverfolgung lieferte Heinrich Kramer mit seinem 1486 verfassten Buch „Malleus Maleficarum“, auf deutsch „Der Hexenhammer“. Das Buch wurde ein Bestseller. Einige der Prozesse, die er beschreibt, hat Kramer, der auch unter seinem latinisierten Namen Henricus Institoris bekannt ist, zwei Jahre zuvor selbst in Ravensburg geführt.

Diesem unseligen Phänomen europäischer Geschichte spürt die Ausstellung „Hexenwahn 1484 – Frauen auf dem Scheiterhaufen“ im Ravensburger Museum Humpis-Quartier nach. Sie geht zurück auf ein Kolloquium mit den führenden Experten auf dem Gebiet der Hexenforschung, Johannes Dillinger und Wolfgang Behringer. Kurator Andreas Schmauder stellt Heinrich Kramers „Hexenhammer“ in den Mittelpunkt der Schau. Schmauder, Stadtarchivar, Direktor des Humpis-Museums und Professor für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen, weist nach, dass dieses Buch auf den Erfahrungen beruht, die der Dominikanermönch Kramer als päpstlicher Inquisitor in Ravensburg gemacht hat.

Das Klima ändert sich

Ende des 15. Jahrhunderts veränderte sich in Europa das Klima. Es kam zu Missernten. Die Preise stiegen, die Menschen wurden ärmer, anfälliger für Seuchen wie die Pest. Die Sterblichkeit stieg an. „Die Menschen“, sagt Schmauder, „konnten sich diese Phänomene nicht erklären, wussten nicht, dass sich das abzeichnet, was Forscher heute die Kleine Eiszeit nennen. Sie glaubten, dass ein Schadenzauber dahinterstecke“. Der Kaplan der Ravensburger Liebfrauenkirche, Johannes Gremper, der auch an seinen anderen Wirkungsstätten Isny und Waldshut Unheil angerichtet haben soll, holte 1484 jenen Mann in die Stadt, der in Hexenprozessen als erfahren galt: den päpstlichen Inquisitor Heinrich Kramer.

Grässliche Folterwerkzeuge

Kramer predigte in der Liebfrauenkirche und forderte die Ravensburger auf, zu ihm zu kommen und „ihm solche der Hexerei wegen verdächtigen dort übel beleumundeten Personen angeben“. Die Aufforderung zur Denunziation hat funktioniert. Sechs Frauen wurden unter dem Verdacht der Hexerei festgesetzt.

In der Ausstellung sind die Folterwerkzeuge ausgestellt, grässlich. Die Beschuldigten mussten sich ausziehen, wurden am ganzen Körper rasiert, damit die „Teufelsmale“ sichtbar werden sollten. Sie wurden an einer Art Galgen aufgehängt und malträtiert. Zwei Frauen gestanden unter Folter alles, was gewünscht war und wurden dann auf dem Scheiterhaufen auf der Kuppelnau verbrannt. Von ihnen weiß man die Namen: Agnes Bader und Anna Mindelheimer, beide ledig, ohne Familie. Eine von ihnen war vielleicht eine Badersgehilfin, kein besonders angesehener Beruf.

Gegen Barzahlung freigelassen

Die anderen Beklagten hatten mehr Glück, sie hatten Familien. Die zahlten dafür, dass ihre Mütter und Ehefrauen freikamen. Für diese „erfolgreiche“ Hexenverfolgung erhielten dann der Kaplan und der Abt von Weingarten 1484 eine päpstliche Anerkennung in Form eines Ablasses zugunsten das Heilig-Geist-Spitals und der Pfarrkirche St. Jodok. Der Ablass war bares Geld.

Eine Welle der Verfolgung in Allgäu und Oberschwaben

Der „Inquisitor für ganz Süddeutschland“, wie Kramers offizieller Titel hieß, brüstet sich im „Hexenhammer“, dass in der Diözese Konstanz des Bischofs Otto Truchsess von Waldburg-Sonnenberg 48 Frauen in den vier Jahren von 1481 bis 1485 als Hexen verbrannt wurden. Der Historiker Wolfgang Behringer schreibt: „Nicht weniger als 22 Exempel im ,Hexenhammer’ beziehen sich auf Orte dieser Diözese, weit mehr als auf die anderen acht erwähnten.“ Genannt werden Prozesse von Frauen aus Lindau, Meersburg und Iznang. „Im Allgäu und Oberschwaben muss man von einer Verfolgungswelle sprechen. Das macht auch verständlich, warum man noch im frühen 16. Jahrhundert in ganz Süddeutschland von dort die Scharfrichter für die Hexenprozesse bezog.“ Gefragt waren die Henker aus Saulgau und Waldsee. Und noch bei einem der ersten Prozesse, die zu schrecklichen Hexenverfolgungen in der Fürstprobstei Ellwangen fast ein Jahrhundert später führten, holte man sich einen erfahrenen Henker und Folterer aus Biberach.

Den Nerv der Zeit getroffen

Grundlage auch dieser späten Prozesse war dieses verhängnisvolle Buch. Bis 1523 dürften schon 100 000 Exemplare des „Malleus Maleficarum“ gedruckt worden sein, vermutet Behringer. Bis 1669 hat es 30 Auflagen erfahren – ein Bestseller.

Warum konnte dieses Werk so eine solche Wirkung entfalten? Es hat den Nerv der Zeit getroffen, darüber ist sich die Forschung einig. Hier kommt die Klimaveränderung ins Spiel. Für Dinge, die sich die Menschen nicht erklären konnten, wurden Ursachen und Verantwortliche gesucht. Dass ganz überwiegend Frauen zum Opfer dieses Wahns wurden, lässt sich mit der schon aus der Bibel herrührenden Frauenfeindlichkeit im Christentum begründen.

Das Werk eines Psychopathen

„Malleus Maleficarum“ ist das Werk eines Psychopathen. Auch darüber ist sich, nicht erst seit Sigmund Freud, die Forschung einig. Aber je länger man sich mit dem Thema beschäftigt, umso deutlicher wird: Es liegt ganz viel im Unklaren. Es lassen sich weder eindeutige Opfer- noch eindeutige Täterprofile erkennen. Für Generalisierungen ist es zu früh. Ob in Immenstaad oder Ravensburg, Meersburg oder Lindau – überall liegen die Fälle anders.

Hexen und Bürgermeister

Die Denunziation kann Ausfluss des Aberglaubens sein. Aber auch als Herrschaftsinstrument benutzt werden. In Reutlingen wurde ein Hexenprozess geführt, um die Bürgermeisterwahl zu gewinnen. Beispiellos ist der Fall Ellwangen. Dort fielen 430 Menschen in mehreren Prozesslawinen von 1588 bis 1611 dem Hexenwahn zum Opfer. Ganze Familien wurden ausgerottet. Vermutlich hat sich die Regierung der Fürstprobstei auf diese Weise bereichert: Verfolgung zur Geldschöpfung.

Die Initiative zur Hexenverfolgung ging von der Kirche aus. Für die Ausführung benutzte sie die kommunalen oder territorialen Instanzen: Bürgermeister, Rat, Vogt, Gericht. Das Perfide an Heinrich Kramers „Hexenhammer“ besteht darin, ein wirres Konglomerat des Aberglaubens in die Form eines Gesetzbuches zu bringen. 40.000 bis 60.000 Menschen, meist Frauen, sollen dem Hexenwahn bis ins 18. Jahrhundert zum Opfer gefallen sein.

Bis 3. Oktober geöffnet

Die Ausstellung „Hexenwahn 1484 – Frauen auf dem Scheiterhaufen“ ist bis 3. Oktober im Museum Humpis-Quartier in Ravensburg zu sehen. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen und Lesungen. Informationen beim Museum: Telefon (0751)82 820, www.museum-humpis-quartier.de

Zur Ausstellung ist der Tagungsband neu aufgelegt worden: Andreas Schmauder (Hrsg.): Frühe Hexenverfolgung in Ravensburg und am Bodensee. 150 Seiten. 2. unveränderte Auflage. UVK Verlagsgesellschaft Konstanz-München 2017. 14,90 Euro.

Ihr Kommentar zum Thema

 
URL: http://www.schwaebische.de/panorama/kultur_artikel,-Ein-boeses-Buch-wird-zum-Bestseller-_arid,10670893.html
Copyright: Schwäbisch Media Digital GmbH & Co. KG / Schwäbischer Verlag GmbH & Co. KG Drexler, Gessler. Jegliche Veröffentlichung, Vervielfältung und nicht-private Nutzung nur mit schriftlicher Genehmigung.
Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an online@schwaebische.de.