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Wenn aus Hirngespinsten Gespenster werden

MATZENBACH/KEUERSTADT sz Kröten, Glühwürmchen und Gespenster wohnen im Wald bei Keuerstadt. Eine Symbiose, die Jugendliche magisch in das Naturschutzgebiet zieht – zum Ärger von Jäger, Förster und Anwohnern. Geisterjäger vom Team paranormale Forschung aus Lahr (TPF) wollten dem Spuk ein Ende bereiten und das Gerücht um Geister und Gespenster an diesem Ort entkräften. Nun aber ist aus der Sage Realität geworden.

Von unseren Redakteuren Thorsten Vaas und David Betz  

* Beschütze Haus, Wald und Feld *

Seit Jahrhunderten wacht die Jungfrau Maria im Wald von Keuerstadt über dieser Fürbitte. Was sie in dieser Zeit erlebt hat, lässt sich nur erahnen, wenn man die Legenden hört, die sich um den Ort im Ostalbkreis ranken. Sie hat den „Brandjockele“ gesehen, einen bösartigen Jäger und Wilderer, der seine Dienstleute bis auf Blut plagte und drangsalierte. Die Knechte flehten zu Gott, hofften auf Erlösung. Doch selbst der Tod „Brandjockeles“ brachte keine Rettung. Beschütze Haus, Wald und Feld – von Menschen war nie die Rede.

Glaubt man der Legende, treibt dieser Mann heute noch als Gespenst sein Unwesen und schikaniert die Waldbesucher. „Manche Menschen sind schon vor dem Wald wieder umgekehrt“, sagt ein Mann aus Matzenbach. Ob es die Angst war, die die Besucher zur Umkehr gezwungen hat, lässt der alte Mann offen. Er kennt die Geschichte vom „Brandjockele“ nur zu gut und schweigt. Denn in Matzenbach und Keuerstadt bilden diese Sagen die Wunden, in die Jugendliche am Wochenende Salz streuen: Sie pilgern in Scharen hierher, um Geister zu sehen, den Rucksack voller Bier. Sie hinterlassen Müll, verlaufen sich auf den zahllosen Waldwegen oder reißen die Anwohner aus dem Schlaf, wenn sie nachts die Kapellenglocke am Wanderparkplatz „Bildstöckle“ läuten. Vielleicht ist dem alten Mann auch nicht gerade wohl dabei, über „Brandjockele“ zu reden. Denn sein Geist scheint überall zu sein.{element}

Die Dämmerung bricht über Keuerstadt herein. Das Team paranormale Forschung aus Lahr um Chefin Andrea Blust erklärt, was hier in den folgenden Stunden passieren wird: „Wir messen und fotografieren die Objekte. Wenn wir alle Daten gesammelt haben, werten wir sie aus.“ Was im ersten Moment nicht gerade nach Geisterjagd und Gruselgeschichte klingt, ist tatsächlich der Versuch, mit Wissenschaft das Übersinnliche zu erklären. Manche mögen dieses Vorhaben als Spinnerei bezeichnen und das TPF in einem Atemzug mit den Film-Geisterjägern „Ghostbusters“ nennen, oder sie einfach nur mit modernen Geisterjägern im Unterhaltungsfernsehen vergleichen. „Aber genau das wollen wir nicht“, hakt Andy Heinig ein. Erklärtes Ziel ihrer Recherchen sei viel mehr der schlüssige Beweis dafür, dass Geister Hirngespinste sind.

Die Forscher messen Luftfeuchtigkeit, Temperatur und schreiten die Lichtung um die Sankt-Nikolaus-Kapelle ab. „Mit dem Wert der Luftfeuchtigkeit können wir später erklären, warum manchmal Schleier auf Fotos zu sehen sind. Das sind keine Gespenster, sondern meistens Kondensstreifen“, erklärt Andy Heinig. Während er die Daten seines Messgeräts notiert, verteilt Andrea Blust die weiteren Aufgaben. Ein Team nimmt sich die Kapelle vor. Infrarotgeräte sollen Temperaturunterschiede am Gemäuer sichtbar machen – „ist alles normal“, sagt Blust.

Inzwischen ist die Nacht vollends über den Wald hereingebrochen, Geräusche beherrschen das Dasein, jedes Knacken wird per Taschenlampe verfolgt. Was ein Abenteuer mit Gruselfaktor für den normalen Waldbesucher darstellt, ist Routine für Blust. Sie und ihr Team sind es gewohnt, nachts zu arbeiten, sich auf jedes noch so leise nächtliche Geräusch zu freuen, anstatt sich zu gruseln. „Ich finde das hier alles recht idyllisch“, sagt die TPF-Chefin trocken und baut den sogenannten Move-Test auf: Auf ein Blatt Papier werden ein Kruzifix und zwei Tischtennisbälle gelegt und danach mit einem Bleistift umrandet. „Was Schweres und was Leichtes“, sagt Blust. Sollten Geister diese Gegenstände verrücken, hätte man einen Beweis. Auf der Schwelle der Sankt-Nikolaus-Kapelle legt sie den Test ab.

* Kennt ihr schon Jesus Christus? Jesus lebt! *

Das Mondlicht scheint auf diesen Spruch, den Unbekannte auf die Kapellentüre gekritzelt haben. Er gleicht einer warnenden Frage an diejenigen, die hier nachts ihr Unwesen treiben – ob nun Geister, betrunkene Jugendliche oder Satanisten, die man hier auch schon gesehen haben will und denen nachgesagt wird, eine tote Katze an die Tür genagelt zu haben. Kennt ihr schon Jesus Christus? Jesus lebt! Ein Loch in der Türe gibt den Blick frei auf das Innere der Kapelle, den Altar – und Jesus Christus, der ans Kreuz geschlagen wurde.

Seit geraumer Zeit ist die 1280 erbaute Kapelle ständig abgeschlossen. „Schade, dass wir nicht hinein können“, sagt Andrea Blust, die damit gerechnet hat, auch im Inneren nach Geistern suchen zu dürfen. Auch wenn das TPF-Team seinen Besuch angekündigt hätte, wäre es wohl vor verschlossenen Türen gestanden. Zu groß ist die Gefahr von Vandalismus, zu groß die Angst, dass mit dem Geister-Tourismus Blasphemie einhergeht.

So beschränken sich die Geisterjäger eben auf das, was ihnen niemand vorenthalten kann. Drei „Forscher“ gehen die Treppenstufen hinab zum alten Forsthaus, wo sie immer wieder die Ikone der Jungfrau Maria fotografieren, in der Hoffnung, dass sie zumindest einen kleinen Hinweis auf „Brandjockele“ geben kann. Sie hat ihn doch erlebt! Sie hat seine Taten gesehen, war bei ihm, als er im Dickicht wilderte! Immer dabei hat das TPF-Team das eingeschaltete Tonbandgerät, das später noch eine entscheidende Rolle spielen wird.

Schon einmal sind die Hobby-Geisterjäger aus Lahr auf einer Forschungsreise auf einen Geist gestoßen. Auf ein Phänomen, das, wie sie selbst sagen unerklärlich sei: Eine Frau laufe nachts in einem weißen Gewand am Fenster vorbei. Ähnliches behauptet man auch vom Jägerhaus in Keuerstadt. Doch was das TPF finden wird, hat nichts mit den bekannten Sagen und Mythen zu tun. Es sind Stimmen aus einem Ort zwischen den Welten, gebannt auf einem Tonband.

* Quod erat demonstrandum *

So sagen Mathematiker oder auch Physiker zu einer logischen Beweisführung. Als das TPF um Andrea Blust in Lahr das Material sichtet, finden Sie keinen wissenschaftlich fundierten Hinweis auf „Brandjockele“. Oder doch? Auf einem der Tonbänder sind Stimmen von Personen zu hören, die nicht zugeordnet werden können. Wieder und wieder hören sie die Aufnahme an, bis sie zu einem Schluss kommen: Da ist etwas Übernatürliches, etwas Unerklärliches. Auf die Frage: „Wer bist du?“, antwortet eine flüsternde Stimme von weit weg: „Hans, wer seid ihr?“ Es könnten natürlich Funkwellen sein, oder Radiowellen – aber das in diesem Wald? Quod erat demonstrandum – Geister, Gespenster und deren Geplapper, eben „was zu beweisen war“.

Die Gespensterjagd als Hörerlebnis:

Reinhören: Tätigkeitsbeschreibung Geisterjäger

Reinhören: Vorbereitungen

Reinhören: Erste Messungen

Reinhören: David wirds gruselig

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