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Von wegen listiger Gänsedieb

Die Märchenwelt hat ein einseitiges Bild vom Fuchs vermittelt, den es immer häufiger aus dem Wald in die Stadt zieht

Füchse leben im sozialen Familienverband aus Rüde, Leitfähe und den Jährlingen.
Füchse leben im sozialen Familienverband aus Rüde, Leitfähe und den Jährlingen.
imageBROKER/Rolf Müller

München sz Die Märchenwelt hat ein einseitiges Bild vom Fuchs vermittelt, den es immer häufiger aus dem Wald in die Stadt zieht.

Einem Fuchs im Wald zu begegnen, ist gar nicht so einfach. In der Stadt dagegen schon. Und so hatte Dag Frommhold eine unerwartete Begegnung mit Meister Reinecke weit weg von seiner schwäbischen Heimat. Es war bei einem Besuch in Berlin, als ihm in einer Nacht gleich drei der Tiere über den Weg liefen. Innerhalb von 20 Minuten. „Der erste stand mir in fünf Meter Entfernung in einer Parklücke gegenüber. Wir haben uns eine Zeit lang gegenseitig gemustert. Dann hat er sich gemächlich getrollt.“ Für den Metzingener Fuchsexperten ein faszinierendes Erlebnis. Auf dem Land kommt man den rotbepelzten Wildtieren kaum so nah, weil sie durch die starke Bejagung extrem scheu sind. „Stadtfüchse reagieren hingegen viel gelassener auf Menschen“, meint Frommhold. Wobei man dazu sagen muss: Das beruht nicht immer auf Gegenseitigkeit.

Wer mit Märchen groß geworden ist, kennt den Fuchs als schlauen Räuber, der andere austrickst, um an seine Beute zu kommen. Er wird als listig beschrieben, manchmal auch als hinterlistig. Doch der Mär vom Gänsedieb fehlt die wissenschaftliche Grundlage. Wie Untersuchungen zeigen, frisst Meister Reinecke an erster Stelle Mäuse. Teilweise machen sie bis zu 90 Prozent seiner Nahrung aus. Auch Regenwürmer verschmäht er nicht. Und obwohl er nach biologischer Ordnungslehre ein Karnivore ist, also ein Fleischfresser, schmecken ihm Beeren und anderes Obst auch sehr gut. In den Sommermonaten steigt er bei Streifzügen durch die Natur auch mal auf Pflanzenkost um. So wie in der Nähe von Siedlungsgebieten übrigens auf weggeworfene Pizza und anderen Zivilisationsabfall.

Er ist nun mal ein typischer Kulturfolger, der Rotfuchs. Und übrigens auch ein echter Wildhund. Doch seine entfernte Verwandtschaft mit Labrador und Co. bringt es nicht mit sich, dass sich der kleine Kanide – das ist die Bezeichnung für alle Hundeartigen – in der Nähe des Menschen immer wohler fühlt. Es sind die Vorteile menschlicher Siedlungsgebiete, die ihn anziehen. In der Stadt sind die Temperaturen ausgeglichener und die Winter weniger hart. Das Fressangebot reicht von Tauben über Mäuse bis zu Mülltüten. Und weil in Städten wie Dörfern in der Regel Waffenruhe herrscht, hat er dort immer Schonzeit. Nur das Auto muss er noch fürchten.

Und so erobern Füchse langsam die Städte. Finden sich in Feld, Wald und Flur lediglich ein bis drei erwachsene Tiere pro Quadratkilometer, sind es in Gemeinden bis 10 000 Einwohner schon drei bis fünf, in größeren Städten bis zu 15. Der Beobachtungstipp des Fuchskenners Frommhold ist entsprechend urban: „Wer einen Fuchs sehen möchte, findet dazu am besten Gelegenheit in einer Großstadt zwischen zwei und fünf Uhr nachts.“

Doch wie so häufig, wenn das Kulturwesen Mensch und das wilde Tier sich begegnen, kommen neben der Faszination auch Ängste auf. Der Fuchs gilt als Schädling, der Krankheiten überträgt. Entwarnung gibt es bei der Tollwut, die früher eng mit dem Fuchs verknüpft wurde. Durch entsprechende Impfungen wurde das Virus nahezu ausgerottet, Deutschland ist seit 2008 offiziell tollwutfrei. Zwar trägt der Fuchs auch Räude und Staupe weiter, die durch Milben beziehungsweise Viren verursacht werden, doch das Ansteckungsrisiko für Menschen ist gering. Neue Untersuchungen geben außerdem Hinweise darauf, dass Füchse – wie übrigens auch Marder – das Zeckenrisiko in ihrem Umfeld reduzieren und damit auch die Gefahr einer Borreliose-Erkrankung. Es gibt also – neben der Faszination – gute Gründe, den Fuchs am Leben zu lassen.

Dennoch: Für die Jäger zählt der Vulpes Vulpes zu den Beutegreifern, denen nachgestellt werden muss. Knapp 51 000 Rotfüchse wurden in der Saison 2016/2017 mit der Kugel getötet. Das sind im Lauf der Jagdzeit, die von Anfang August bis Ende Februar dauert, 240 Tiere am Tag. Die Grünröcke im Land begründen die Fuchsjagd unter anderem mit ihrem Nutzungsrecht. „Die Jagd muss sich nicht über Seuchen- oder Schädlingsbekämpfung rechtfertigen“, erklärt Achim Liese, Sprecher des Landesjagdverbands Baden-Württemberg (LJV), in dem die Mehrheit der Jagdscheininhaber organisiert ist. „Ein Jagdpächter schöpft Werte aus Wildbret und Bälgen.“

Außerdem: „Fuchsbandwurm, Staupe und Räude sind aktuelle Krankheiten, die vom Fuchs auch verbreitet und übertragen werden können. Je höher die Dichte, desto einfacher sind Ausbreitung und Übertragung.“ Die Räude beispielsweise setzt Haustieren schlimm zu, heißt es bei der Jägerschaft. Ein positiver Nebeneffekt der Fuchsjagd sei zudem der Artenschutz von Bodenbrütern, Kleinsäugern und Reptilien. Liese nennt sie „die Verlierer unserer Kulturlandschaft“. Und ergänzt: „Ganz plakativ gesagt: Jedes gefressene Rebhuhn legt kein Ei mehr.“

Wo die biologische Vielfalt bedroht ist, muss der Jäger als Regulator eingreifen, lautet die Schlussfolgerung des Lobbyverbandes. Doch wer bedroht den Artenreichtum wirklich? Gegner der Fuchsjagd erinnern an dieser Stelle gerne daran, dass es vor allem die industrielle Landwirtschaft etwa mit ihren Maisäckern sei, die Lebensräume zerstört und den Artenrückgang beschleunigt.

Eine Haltung, die selbst das Bundesamt für Naturschutz mitträgt, allerdings diplomatischer formuliert. Dort heißt es: „In gesunden Populationen können Fressfeinde wie der Fuchs Bodenbrüter-Populationen nicht gefährden. Sind sie dagegen durch andere Faktoren bereits stark negativ beeinflusst, machen sich Verluste durch Feinde zusätzlich und auch viel stärker bemerkbar.“ Zu solchen „anderen Faktoren“ zählen die behördlichen Naturschützer offenbar auch die Landschaften, in denen für die Tiere kein Platz mehr ist. Wo solche „nicht geeigneten Habitate“ vorliegen, bringe es auch nichts, die Fressfeinde zu entfernen, um einen Bestand zu retten, lautet die Schlussfolgerung.

Klar ist nicht einmal, ob die Jagd nicht genau die Probleme auslöst, die sie zu bekämpfen versucht. Gegner führen ein weiteres Argument ins Feld. Durch die Jagd würden die Gruppenstrukturen zerstört. Dazu muss man wissen: Füchse leben im sozialen Familienverband aus Rüde, Leitfähe und den Jährlingen. Nur die ranghöchste Fähe bringt Welpen zur Welt. Die anderen Weibchen, obwohl reproduktionsfähig, helfen bei der Aufzucht. Wird nun die Leitfähe getötet, zeugt der Rüde mehr Nachwuchs, und auch die anderen weiblichen Tiere pflanzen sich fort, behaupten die Tierschützer. Studien zeigten, dass die Geburtenrate an die Todesrate gekoppelt ist. Die Tierschützer fordern deshalb, die Füchse in Ruhe zu lassen. Ihre Zahl würde sich so selbst regulieren.

Beim weitaus kleineren Ökologischen Jagdverband (ÖJV) hält man die Fuchsjagd ebenfalls für wenig zielführend. „Füchse bedrohen in aller Regel keinen Bestand“, sagt der zuständige Referent Michael Rüttinger. Allerdings sei der Verband, der sich für eine „zeitgemäße Jagd“ ausspricht, nicht generell gegen das Prozedere: „Wir lehnen aber das Töten von Füchsen für die Mülltonne ab.“

Doch genau das ist der Ort, an dem die 51 000 toten Rotfüchse fast alle enden: in der Tierverwertung. Das Fell der Füchse ist schon lange kein begehrter Pelz mehr. Der Balg aus deutscher Jagd, wie ihn der Fachmann nennt, kann mit der günstigen Massenware aus den chinesischen Pelzfarmen nicht konkurrieren. Um dem Wahnsinn von Töten und Wegwerfen ein Ende zu setzen, haben beide Jagdverbände Initiativen für die Verwertung deutscher Pelze ins Leben gerufen. Der LJV unterstützt das Projekt „Fellwechsel“, das in diesem Winter erstmalig an die Öffentlichkeit geht. Im Dezember soll es erste Produkte geben. Der ÖJV arbeitet seit Längerem mit der Berliner Marke „Friendly Fur“ zusammen, hinter der ein Künstler steht. Für eine breitere Öffentlichkeit scheinen beide Varianten nicht gemacht.

Wenn es nach Menschen wie Dag Frommhold geht, dann soll das auch in Zukunft nicht anders werden. Der Pelz eines Fuchses, findet er, schmückt nur einen Träger gut: das Tier selbst. Seit seiner Kindheit beschäftigt sich Frommhold, von Haus aus Diplom-Psychologe und Software-Entwickler, mit den rotbepelzten Kaniden: „Füchse sind intelligente Tiere mit einem bemerkenswerten Familienleben“, schwärmt er. Um über Europas häufigsten Wildhund aufzuklären, betreibt er seit 2002 die Webseite „Fuechse.info“. Dort werden Fragen aller Art beantwortet: Wie schnell können Füchse rennen? Stellen sie eine Gefahr für Hühner dar? Ist es sinnvoll, verwaiste Fuchsbabys mit nach Hause zu nehmen?

Täglich, so erzählt Frommhold, bekommt er Mails mit weiteren Fragen. Die beliebteste ist eine ganz lebenspraktische: Wie werde ich den Fuchs in meinem Garten los? Ganz einfach, meint Frommhold: „Das Wichtigste ist, alles zu verbannen, was er interessant findet.“ Und dazu zählen neben Katzenfutter und dem offenen Kompost auch Attraktionen wie Gegenstände aus Gummi oder Leder: „Füchse sind sehr verspielt.“ Bewegungsmelder könnten in nächster Stufe helfen, bei Härtefällen optische oder Ultraschallvergrämung. Doch bevor jemand soviel Geld in die Hand nimmt, rät Frommhold: einfach mal freuen, dass er da ist, der Fuchs.

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