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„Gefeiert oder Depp vom Dienst!“

Salem - Über die Wahl zum SZ-Sportler des Monats September hat sich Bahadir Livgöcmen zu Wochenbeginn mächtig gefreut. Doch der 38-jährige Torhüter des Fußball-Landesliga-Aufsteigers FC Rot-Weiß Salem weiß die Dinge für sich auch einzuordnen: „Als Torhüter wirst du entweder gefeiert, oder du bist der Depp vom Dienst!“ Ein wenig differenziert Livgöcmen seine plakative These dann noch: „Der erste Schnitzer wird noch von allen schön geredet, aber beim zweiten, spätestens beim dritten, geht die Post ab!“Seinen ersten Fehler mit Gegentorfolge leistete er sich beim 2:2 am vergangenen Samstag beim FV Walbertsweiler/Rengetsweiler nach zwei Minuten: „Bin unter ’nem Eckball durchgelaufen - Tor, 0:1!“, sagt Livgöcmen und verzieht dabei das Gesicht, als habe er tief in eine saure Zitrone gebissen.Das Besondere am Salemer Schlussmann ist neben seinen Leistungen, dass er das Kapitel Torhüter für sich schon vor vielen Jahren eigentlich abgeschlossen hatte. Der türkischstämmige Fußballer mit deutschem Pass wuchs im Frankfurter Raum auf, wo er als Jugendkeeper früh auf sich aufmerksam machte, immer wieder in Auswahlmannschaften berufen wurde und schließlich beim FSV Frankfurt nur knapp an einem Profivertrag vorbeischrammte. Aus Liebe zu seiner Frau Özdem, mit der er die Töchter Talia (11) und Ceyda (10) hat, zog Livgöcmen an den Bodensee, kickte fortan für die Spvgg. F.A.L., den FC Beuren/Weildorf , den SV Bermatingen und zuletzt als Spielertrainer der zweiten Mannschaft des FC Rot-Weiß Salem, überall nur noch im Feld. Seine bei RWS bis dato ungeahnten Talente für den Job zwischen den Pfosten traten erstmals zutage, als sich in der Vorsaison Stammkeeper Patrick Hummel verletzte und Livgöcmen ihn, quasi aus dem Stand heraus, zweimal glänzend vertrat. Nun wusste auch Trainer Michael Krause, was er da für ein Torhüterjuwel in der Hinterhand hatte.Livgöcmen, hauptberuflich CNC-Fräser bei der Firma HSM in Frickingen, arbeitete dann auch als Torwarttrainer mit Hummel, der sich in der Vorbereitung auf die laufende Saison eine Schulterverletzung zuzog. Als Hummel am zweiten Spieltag gegen Löffingen noch nicht wieder alte Bestform zeigte, beorderte Krause - beinhart in der Halbzeitpause - Livgöcmen ins Tor. Und seither steht der wieder drin: „Das ist doof gelaufen für Patrick“, sagt Krause, tröstet den zur Nummer zwei degradierten Aufstiegstorwart aber: „Er ist ja erst 23 und Baha schon 38, die Perspektive bleibt ihm bei uns also erhalten.“ Mit Livgöcmen ist abgesprochen, dass er bis zur Winterpause die Nummer eins bleibt. Livgöcmen kann sich aber auch gut vorstellen, noch länger weiterzumachen: „Es macht halt wieder Riesenspaß. Ich genieße die Spiele, will das mitnehmen. Vielleicht, weil ich weiß, dass sich die Zeit als aktiver Fußballer mit 38 natürlich sehr stark dem Ende entgegen neigt.“Krause hätte wohl nichts dagegen, wenn „der fliegende Salemer“ noch ein wenig weiterfliegen würde: „Baha ist ein Typ, eine Führungsfigur, auf und neben dem Platz. Er hilft uns mit seiner Erfahrung enorm.“ Auch nach den beiden fürchterlichen Pleiten am 5. und 6. Spieltag (1:6-Heimblamage gegen Donaueschingen, 0:7-Abfuhr beim damaligen Tabellenführer FC Neustadt) habe sein Torhüter „die Ruhe bewahrt“, so Krause und sei deshalb ein „ganz wichtiger Faktor“ bei der nunmehr siebenteiligen Serie ungeschlagener Spiele, die die Mannschaft seither hingelegt hat.Lob gibt’s für Livgöcmen auch von den Mitspielern. Torjäger Sabino Pasquale schätzt dessen ordnende Hand, obwohl er als Stürmer oder offensiver Mittelfeldspieler meist am weitesten von dieser entfernt auf dem Platz unterwegs ist: „Er ist sehr laut da hinten und stellt seine Mitspieler, sogar uns vorne drin!“Torwartvorbilder habe er in seinem Alter nicht mehr, sagt Livgöcmen, aber Nationalkeeper Manuel Neuer sei auch seine persönliche Nummer eins: „Er ist einfach der Beste.“ Früher, als junger Kerl, sei er mehr auf die schrilleren Torwarttypen gestanden: „Higuita, Kolumbien, oder der Mexikaner Campos, der mit dem bunten Trikot. So eins hab’ ich mir damals dann auch zugelegt“, sagt Bahadir lachend.Heute mag er’s lieber seriöser. Auch beim Torwart-Training hat er sich umorientiert, egal, ob er es gibt oder nimmt: „Früher bist von einer Ecke in die andere gesprungen, bis du nicht mehr auf die Beine gekommen bist, das körperliche und das torwartspezifische Training wurden immer vermischt. Heute sage ich: Es macht mehr Sinn, das Konditionstraining vom Torwartechniktraining komplett zu trennen, sich erstmal auf Fangen und Stellung zu konzentrieren. Und hinterher tust du dann was für deine Fitness. Da hast du mehr davon.“ Rot-Weiß Salem steht in der Landesliga Südbaden III jetzt auf Platz neun. Noch drei Spiele stehen bis zur Winterpause an. Am Samstag (16 Uhr) kommt der Tabellenvierte VfR Stockach, dann beginnt die Rückrunde mit einem Heimspiel gegen Tabellenführer Konstanz, am letzten Novemberwochenende geht es zum aktuellen Tabellendritten FC Löffingen. „Drei absolute Hochkaräter“, sagt Livgöcmen mit funkelnden Augen, die verraten: Den nächsten Fehlgriff will er sich erst irgendwann im Frühjahr leisten.

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Nehmerqualitäten braucht ein Fußballtorwart allemal: Rot-Weiß Salem-Keeper Bahadir Livgöcmen hat sie. Hier legt Sporttherapeutin Silke Löhle dem 38-jährigen SZ-Sportler des Monats September einen Verband um das verstauchte Handgelenk, danach beginn
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